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Covid bringt Pflegepersonal an die Grenze

„Fühlen uns als gesellschaftlicher Abfall“: Badische Krankenschwester schreibt Brandbrief an Jens Spahn

Mit der Kraft am Ende wendet sich eine Krankenschwester an den Gesundheitsminister. Ihr Brief sorgt auf Facebook für Aufsehen. Viele geben der Frau recht. Nur Jens Spahn hat sich bislang noch nicht gemeldet. Vor zwei Jahren aber überraschte er schon mal eine Kritikerin aus Karlsruhe.

Im Schatten: Das Pflegepersonal fühlt sich überfordert und nicht wertgeschätzt. Eine Krankenschwester aus der Region schreibt deshalb an den Gesundheitsminister. Foto: Patrick Seeger

Erschöpfte Pflegekräfte am Limit ihrer Leistungsfähigkeit: Die Stations- und Bereichsleiterin eines Krankenhauses in der Region sieht nur noch einen Ausweg aus dem katastrophalen Dilemma, in dem sie und ihre Kollegen stecken.

Sie schreibt auf Facebook einen offenen Brief an den Gesundheitsminister. Die Resonanz ist überwältigend. Nicht von Jens Spahn. Der hat sich noch nicht gemeldet. Aber viele geben der mutigen Krankenschwester recht und bestätigen die Zustände, die sie beschreibt.

Die Menschen opfern sich aus Solidarität mit den Kollegen und aus Respekt vor den Patienten
Carina / Krankenschwester

Carina, die darum bittet, dass ihr Nachname nicht in der Zeitung erscheint, beschreibt, wie ihre Kolleginnen und Kollegen auf Familie, Freunde und Freizeit verzichten.

„Diese Menschen opfern sich nicht für das System, sondern aus Solidarität zu ihren Kollegen, aus Respekt vor den Patienten und deren Angehörigen.“ Anders als für die Politik stehe bei den Beschäftigten im Krankenhaus „Menschlichkeit und Fürsorge an erster Stelle“.

Die Covid-Pandemie sei nicht Auslöser, sondern Verstärker alt bekannter Probleme wie der zu geringen Personalausstattung auf den Stationen. „Auch in der Vergangenheit wurde immer wieder auf Personalmangel und Zeitdruck in den Pflegeberufen aufmerksam gemacht.“

Stationsleiterin fordert Anerkennung und mehr Personal

Jetzt in der Krise erreichten diese Probleme eine neue Dimension. „Meine Mitarbeiter arbeiten seit Beginn der Pandemie mit Leidenschaft und unersättlicher Einsatzbereitschaft an vorderster Front. Doch zu welchem Preis? Zu welcher Anerkennung?“

Gerne würde sie den Gesundheitsminister loben. Für dessen Initiative einer Pflegepersonaluntergrenze. Doch genau diese Untergrenze sei mit Beginn der Pandemie sofort wieder ausgesetzt. Mitarbeiter werden aus dem Urlaub zurück gerufen, selbst infizierte Pflegekräfte müssten weiter arbeiten. Echte Freizeit gäbe es kaum.

Können Sie sich vorstellen, wie sich eine Pflegekraft fühlt?
Carina / Krankenschwester

„Wir müssen immer damit rechnen, in den Dienst gerufen zu werden.“ Anders als in anderen Bereichen könne die Arbeit im Krankenhaus ja nicht liegen bleiben, egal wie viele Mitarbeiter gerade krank seien.

„Können Sie sich vorstellen, wie sich eine Pflegekraft fühlt, unter diesen Bedingungen standhalten zu müssen?“, fragt die Stationsleiterin in ihrem Brief. Inzwischen müsse eine einzige Person die individuelle Pflege und Essensversorgung für 30 Menschen gewährleisten. „Wir fühlen uns als letztes Glied der Kette, oder ­– ­verzeihen Sie mir die Ausdrucksweise – als gesellschaftlicher Abfall.“

Eine Lufthansa bekommt neun Milliarden, fast 2.000 Krankenhäuser bekommen zwei Milliarden

Geschockt sei sie von der Verteilung der Corona-Soforthilfen. Die Lufthansa habe neun Milliarden Euro bekommen, die 1.925 Krankenhäuser in Deutschland zusammen nur zwei Milliarden. „Aus meiner Sicht ist dies ein Paradebeispiel dafür, wie ein demokratischer und sozialer Rechtsstaat nicht funktionieren sollte.“

Nur kurz sei der Hoffnungsschimmer gewesen, damals, am Anfang der Pandemie, als man den Pflegekräften offen Beifall zollte. „Wir hofften, dass durch das Sichtbarwerden der Defizite die Politik endlich aufwacht und handelt. Doch mittlerweile herrschen Zustände, die ich mir im Traum nicht hätte vorstellen können.“

Vor knapp drei Jahren reagierte Spahn auf Kritik mit einem Besuch in Karlsruhe

In den elf Jahren, die sie nun im Beruf ist, sei es immer schwieriger geworden. Corona ist jetzt ein neuer Tiefpunkt. „Aber danach kommt die nächste Welle, wenn die Kollegen dann nicht mehr können.“

Die Einladung an Jens Spahn, sich die Situation in ihrer Station einmal selbst anzuschauen, meint sie ernst. „Ich fände es gut, er würde mal her kommen und die Leute hier an der Basis fragen, wie viel Wertschätzung sie von der Politik derzeit erfahren.“ Vor knapp drei Jahren hatte Spahn auf eine Einladung nach Karlsruhe reagiert.

Damals hatte er eine Hartz-4-Empfängerin besucht, die ihn zuvor scharf kritisiert hatte. Carina hofft nun, dass auch sie die Aufmerksamkeit des Gesundheitsministers erregen konnte, um ihm die Situation vor Ort nahe zu bringen.

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