Die Bauern haben genug. Sie wollen nicht länger die Buh-Männer der Nation sein (Symbolbild). | Foto: Twitter/Screenshot

Proteste gegen Agrarpaket

Bauern aus dem Südwesten wollen Verkehr in Stuttgart und auf Kehler Europabrücke lahmlegen

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Die Bauern haben genug. Sie wollen nicht länger die Buh-Männer der Nation sein, denen die Schuld für alle möglichen Probleme vom Klimawandel über das Insektensterben bis zur Verunreinigung des Grundwassers zugeschoben wird. Darum gehen sie an diesem Dienstag auf die Straße und wollen unter anderem den Verkehr in der Stuttgarter Innenstadt und auf der Europabrücke zwischen Kehl und Straßburg lahm legen.

„Uns reicht’s“, sagt Alexander Kern vom Spitalhof in Bretten den BNN, „das ständige Bauern-Bashing muss endlich aufhören.“ Ob in der Politik oder der Gesellschaft – „der Schuldige ist immer gleich gefunden, denn wir Bauern stellen nur ein Prozent der Wählerschaft“, klagt der Chef eines Familienbetriebs mit rund 120 Hektar Ackerland und zehn Hektar Grünland. Die Politik höre mittlerweile sehr viel mehr auf die Umwelt- und Naturschutzverbände, statt mit den Betroffenen selber zu reden.

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„Die Stimmung steht vor dem Siedepunkt“

So sieht es auch Werner Kunz, der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Karlsruhe. „Die Stimmung in der Bauernschaft steht vor dem Siedepunkt“, sagt er den BNN. Vor allem die Jungbauern, die gut ausgebildet und auch bereit seien, die Belange des Natur- und Umweltschutzes zu beachten, würden sich durch die gesellschaftliche Ächtung in ihrer Existenz bedroht sehen.

„Viele wollen der Landwirtschaft den Rücken kehren.“ Die Leistungen der Landwirtschaft würden in den Hintergrund gedrängt, immer mehr Auflagen und Vorschriften mache den Betrieben die Arbeit schwer.

Kundgebung vor dem Stuttgarter Agrarministerium

Weil der Frust so groß ist, gehen Zehntausende Bauern an diesem Dienstag auf die Straße. Im gesamten Bundesgebiet sind unter dem Motto „Land schafft Verbindung – Wir bitten zu Tisch“ Demonstrationen und Kundgebungen geplant, auch im Südwesten. So wollen Landwirte aus ganz Baden-Württemberg mit ihren Traktoren durch die Stuttgarter Innenstadt zum Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz an den Kernerplatz fahren, wo eine Kundgebung stattfinden wird.

Die Schwaben-Metropole ist allerdings nur ein Nebenschauplatz des Bauernprotestes, die zentrale Kundgebung findet auf dem Bonner Münsterplatz statt, wo mehrere Zehntausend Landwirte erwartet werden.

Mit dem Traktor über die Europabrücke zum EU-Parlament

Unabhängig davon müssen sich Autofahrer am Dienstagvormittag auf Verkehrsbehinderungen auf der Europabrücke zwischen Kehl und Straßburg einstellen. Landwirte aus Deutschland und Frankreich wollen mit ihren Traktoren vom Bahnhof in Kehl zum Europaparlament in Straßburg fahren, um für eine Reform der EU-Agrarsubventionen zu demonstrieren.

 

Wir wollen Trecker auf den Straßen sehen.

Thomas Andresen (Organisator)

Demnach sollen nur noch bäuerliche Betriebe, die das Klima und die Umwelt schützen, Tiere artgerecht halten und gesundes Essen für alle herstellen, Geld vom Staat erhalten.

Bauern organisieren sich per WhatsApp

Das Besondere an den Aktionen der Bauern: Es handelt sich um eine Graswurzelbewegung von überwiegend jungen Bauern, die sich über soziale Medien wie Facebook und WhatsApp organisieren und den Aktionstag vorbereiten, unabhängig vom Deutschen Bauernverband. Vorbild sind Bauernproteste in den Niederlanden, die vor wenigen Wochen mit Blockaden in Den Haag ein Verkehrschaos angerichtet haben.

„Keine Gülle vor Verwaltungsgebäuden“

Mehr als 16 000 Landwirte gehören mittlerweile der Facebook-Gruppe „Land schafft Verbindung“ an. Aus der Gruppe bildete sich ein Organisationsteam von neun Landwirten heraus. In einem Video fasst einer der Organisatoren, Thomas Andresen aus Schleswig-Holstein, das Anliegen der Gruppe zusammen: „Wir wollen laut sein, wir wollen Aufmerksamkeit erreichen, wir wollen Trecker auf den Straßen sehen und wir wollen Druck aufbauen.“ Was man hingegen nicht wolle „sind brennende Strohballen und Reifen oder Gülle vor irgendwelchen Verwaltungsgebäuden“.