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ACAB oder „Freund und Helfer”?

Bedroher oder Beschützer? Wie junge Menschen die Polizei sehen

An der Gewalt gegen die Polizei in der Chaos-Nacht von Stuttgart waren vor allem junge Menschen beteiligt. Warum? Fünf junge Menschen zwischen 16 und 26 über ihr Verhältnis zur Polizei.

Polizeikontrolle in einem Hauptbahnhof: Szenen wie diese gehören zum Alltag der Polizei, aber auch zu dem vieler Menschen in unserem Land. Die einen halten das für legitim, die anderen fühlen sich ungerecht behandelt. Foto: Markus Scholz picture alliance / Markus Scholz

Die Polizei, dein Freund und ...? Ja, was eigentlich? Beschützer, Bedroher, Helfer oder Überwacher? Wie die Menschen in unserem Land diese Frage beantworten, hängt sehr stark von ihren eigenen Erlebnissen und Erfahrungen mit der Polizei ab.

Der überwiegende Teil der Deutschen ist mit der Arbeit der Beamten und Beamtinnen offenbar zufrieden. In Umfragen, die die Europäische Kommission in Auftrag gibt, wird regelmäßig nach dem Vertrauen der Bürger in die Polizei ihres jeweiligen Landes gefragt. In Deutschland schwanken die Werte zwischen 83 und 89 Prozent. Im Herbst 2019 lag der Wert bei 85 Prozent.

Doch Statistiken sind das Eine.

Immer wieder kommt zu Ereignissen, die es fraglich erscheinen lassen, ob Zahlen die Wirklichkeit auch richtig abbilden.

Jüngstes Beispiel: Die Chaos-Nacht von Stuttgart. Eine Drogenkontrolle in der Nacht auf den 21. Juni war der Auslöser für eine bis dato nie gekannte Welle der Wut, die sich in Sachbeschädigungen und Plündereien, vor allem aber in Gewalt gegen Polizisten brach.

Fünf Jugendliche sagen, was sie über die Polizei denken

Ihren Ursprung hat die Welle in einem Milieu, in dem es nach bisherigen Erkenntnissen noch keine klare Zuordnung zu politischen Gruppierungen gibt. Unter den mutmaßlichen Tätern sind viele Migranten, aber nicht nur. Sicher ist aber eines: die 37 Tatverdächtigen, die die Polizei bislang ermitteln konnte, sind alle noch sehr jung. In der Tatnacht selbst wurden 23 männliche und zwei weibliche Personen im Alter von 14 bis 33 Jahren festgenommen.

„ACAB“ ist die Abkürzung für „All cops are bastards“.

Wer genau hinsieht, dem begegnet die Abkürzung überall. Als riesiges Graffito in der Bahnhofsunterführung oder mit dünnem Filzstift an einer Hauswand gekritzelt.

Welche jungen Menschen spricht diese Abkürzung aus der Seele und warum? Fünf Jugendliche aus ganz unterschiedlichen Mileus berichten auf dieser Seite von ihren ganz persönlichen Erfahrungen mit der Staatsgewalt.

Alena, 24

Alena Oßmann Foto: Privat

Wie heißt du und wo wohnst Du?

Ich heiße Alena Oßmann und komme aus Esslingen.

Was machst Du gerade?

Ich studiere Architektur und arbeite, um mir mein Studium zu finanzieren.

Wofür brennst Du?

Ich brenne für Freundschaften, Familie, Kunst und Natur, aber auch für Feminismus, Antifaschismus, Antirassismus und Tagträume, wie eine bessere Welt aussehen könnte.

Hast Du einen Migrationshintergrund?

Nein.

Wie würdest Du Dich selbst beschreiben und wo stehst Du politisch?

Emphatisch und sensibel mit einem großen Sinn für Gerechtigkeit. Politisch stehe ich sehr links. Bei den Falken habe ich meine Heimat gefunden.

Deine Gedanken zur Polizei?

Direkten Kontakt zur Polizei hatte ich bisher vor allem auf Demos. Dort habe ich mich durch die Anwesenheit eher bedroht gefühlt, statt geschützt. Wenn ich auf einer Anti-AfD-Demo bin, muss ich ständig damit rechnen, von der Polizei geschubst oder gepfeffert zu werden. Da stehen mit Waffen ausgerüstete PolizistInnen und schützen Faschisten. Und im Fall einer Auseinandersetzung bekommen die GegendemonstrantInnen die Gewalt zu spüren. Das ist doch keine Begegnung auf Augenhöhe. Die Polizei macht ihren Job losgelöst von persönlichen moralischen Einstellungen und Werten. Einmal habe ich drei Rechtsradikale angezeigt. Ich musste mehrmals auf die Wache. Jedes Mal waren die BeamtInnen eher genervt. Am Ende wurden die Rechten bestraft. Die Polizei hat mir geholfen, aber ich hatte nicht das Gefühl, ernst genommen zu werden.

Dass es unter Polizisten auch Rassismus gibt, ist ein Fakt. Es kann nicht sein, dass Polizisten schon in der Ausbildung Dinge wie „Racial Profiling“ beigebracht bekommen. Wir haben in der Polizei eine Institution, die sich eigentlich alles erlauben kann, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Für uns ist es selbstverständlich, dass der Staat immer Recht hat. Deshalb sehen wir Polizeigewalt, etwa beim Abschieben von Asylanten, nicht als Gewalt an. Wir halten das für selbstverständlich und notwendig. Aber wenn Jugendliche Scheiben einschlagen und randalieren und lange angestauten Frust loslassen, spricht plötzlich jeder von Gewalt.

Alex, 17

Alexander Giemza Foto: Privat

Wie heißt Du und wo wohnst Du?

Alex: Ich bin Alexander Giemza und ich lebe in Karlsruhe.

Was machst Du gerade?

Alex: Ich bin in diesem Jahr mit dem Abi fertig und möchte als nächstes studieren.

Wofür brennst Du?

Alex: Ich engagiere mich in der Fridays-For-Future-Bewegung. Seit es in Karlsruhe die ersten Demos gibt, bin ich in der Organisation dabei und kümmere mich vor allem um die Technik.

Hast Du einen Migrationshintergrund?

Alex: Meine Eltern stammen aus Polen.

Wie würdest Du Dich selbst beschreiben und wo stehst Du politisch?

Alex: Ich würde mich als weltoffen und aufgeschlossen beschreiben. Politisch stehe ich links und beschäftige mich besonders mit klimapolitischen Fragen.

Deine Gedanken zur Polizei?

Ich kann die Wut auf die Polizei, die da in Stuttgart im Spiel gewesen sein muss, nicht wirklich nachvollziehen. Eine Drogenkontrolle muss legitim sein. Aber natürlich muss sie auch respektvoll sein. Wenn das nicht so war, dann verstehe ich, dass man sich als Umstehender für die anderen einsetzt. Wenn einer meiner Freundin gegenüber komisch wird, würde ich auch dazwischen gehen und versuchen, die Gemüter zu beruhigen. Ich hatte noch kein negatives Erlebnis mit der Polizei. Das heißt einmal, bin ich in der Günter-Klotz-Anlage mal mit einem Polizisten aneinander geraten. Ich habe gefragt, was er macht, weil ich weiß, dass Polizisten immer Auskunft geben müssen. Dann hat er mich ziemlich angepampt und mir unterstellt, dass ich Gras dabei hätte. Generalverdacht ist immer schlecht und führt schnell zu Aggression auf beiden Seiten.

Rassismus gibt es überall. Nicht nur in der Polizei und da muss noch viel getan werden, damit sich das ändert. Ich habe das noch nie erlebt, aber ich bin ja auch weiß.

Aus meiner Arbeit bei den Klima-Demos kenne ich auch ein paar Menschen, die total gegen die Polizei eingestellt sind. Aber ich bin überzeugt, dass ein politischer Wandel nur friedlich vonstatten gehen kann und dass man in einem freundlichen Miteinander weiterkommt. Ich finde es durchaus okay, wenn einem die Polizei mal von einer Demo wegträgt. Ich bin froh, in einem Staats zu leben, in dem ziviler Ungehorsam okay ist.

Aisha, 16

Aisha Shige Foto: Hora

Wie heißt Du und wo wohnst Du?

Aisha: Ich heiße Aisha Shige. Ich wohne in Karlsruhe.

Was machst Du gerade?

Aisha: Ich besuche die neunte Klasse der Nebenius-Realschule.

Wofür brennst Du?

Aisha: Für alle Themen, die Jugendliche und deren Zukunft betreffen. Ich engagiere mich gegen Rassismus und war auch schon Gastrednerin auf der Black-Lives-Matter-Demo.

Hast Du einen Migrationshintergrund?

Aisha: Meine Eltern stammen aus Somalia.

Wie würdest Du Dich selbst beschreiben und wo stehst Du politisch?

Aisha: Ich habe eine starke Meinung zu den Dingen und kann diese auch gut vertreten. Ich bin politisch interessiert, aber rechne mich keiner Partei zu.

Deine Gedanken zur Polizei?

Aisha: Persönlich habe ich weder gute noch schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Aber wenn ich irgendwo einen Streifenwagen sehe, dann denke ich an all die Erfahrungen, die ich schon aus dem Bekanntenkreis gehört habe und an viele Berichte. Da geht es um Polizeiwillkür und um Polizeigewalt. Natürlich geht es vor allem um rassistische Strukturen innerhalb der Polizei und nicht darum, dass man jetzt vor allen Polizist*innen Angst haben muss.

Ich habe in den letzten Jahren sehr viel über das Thema nachgedacht. Auch im Zuge der Unruhen in den USA. Ich bin mir sicher, dass ich ein ganz anderes Verhältnis zur Polizei hätte, wäre ich dort aufgewachsen. Aber selbst hier, wo die Situation nicht das selbe Ausmaß hat, denke ich bei jedem Todesfall, dass es auch meine Familie hätte treffen können, oder mich. Aber auch ohne persönlichen Bezug finde ich es schrecklich, dass jemand aufgrund seiner Hautfarbe zu Tode kommt. Ich denke schon, dass es innerhalb der deutschen Polizei ein Rassismusproblem gibt. Immer wieder hört und liest man von rassistischen Chats oder Vorfällen. Es sind so häufig schon Skandale aufgedeckt worden. „Racial profiling“ ist wahrscheinlich gängig. Außerdem ist es schwer Polizisten für solche rassistisch motivierten Kontrollen und Machtmissbrauch zu belangen. Es heißt immer: Die Polizei: „Dein Freund und Helfer“. Manche nehmen das vielleicht so wahr. Aber die Polizei sollte jedermanns Freund und Helfer sein und nicht nur für manche.

Ahmet, 19

Ahmet K. Foto: Kranich

Wie heißt Du und wo wohnst Du?

Ahmet: Ich heiße Ahmet und wohne in Karlsruhe.

Was machst Du gerade?

Ahmet: Ich habe das Berufskolleg abgeschlossen und will eine Ausbildung machen.

Wofür brennst Du?

Ahmet: Fußball ist mein Ding. Sport überhaupt und ich hänge viel mit meinen Freunden hier vom Jugendhaus ab. Und dann brenn’ ich natürlich für Frauen, ist doch klar.

Hast Du einen Migrationshintergrund?

Ahmet: Meine Eltern sind aus der Türkei.

Wie würdest Du Dich selbst beschreiben und wo stehst Du politisch?

Ahmet: Keine Ahnung. Ganz normal halt! Zu Politik habe ich überhaupt keine Meinung, das interessiert mich echt überhaupt nicht.

Deine Gedanken zur Polizei?

Ahmet: Ich finde, dass Polizisten Rassisten sind. Wenn wir mit Deutschen unterwegs sind, dann werden immer nur wir Ausländer kontrolliert. Die Deutschen nie. In der letzten Zeit waren extrem viele Kontrollen. Wegen Corona. Aber auch so. Die kommen so von wegen ’allgemeine Personenkontrolle’, dann wollen sie unsere Ausweise sehen und gehen uns an die Klamotten, schauen unter die Eier. Ich weiß ganz genau, warum die das machen. Die denken natürlich, wir haben Drogen dabei.

Die Polizisten hier sind genau wie die in Amerika. Das ist meine Erfahrung. Die haben es auf Ausländer abgesehen. Sonst fühle ich mich im Land schon willkommen. Aber es ist immer das Gleiche. Wir fragen ’warum?’, dann gibt es Stress und Meinungsverschiedenheiten. Am Ende gibt’s einen Platzverweis. Acht Stunden dürfen wir dann nicht hier sein, was total beknackt ist, weil wir hier wohnen. Letzte Woche ist das zwei Mal passiert.

Ich würde mir von denen einfach ein bisschen mehr Toleranz wünschen und auch mehr Respekt. Ich begegne denen schließlich auch respektvoll. Die könnten auch mal ein bisschen spaßiger sein. Wir sind nur ganz normale Jugendliche, die hier vorm Jugendzentrum abhängen. Okay, kann sein, dass nicht alle Polizisten so sind. Ein paar sind auch echt korrekt. Aber die Mehrheit nicht. Vor allem nicht in der Südstadt. Die wollen immer Recht haben und denken, weil sie Uniform tragen, sind sie die Stärksten weit und breit.

Frederik, 26

Frederik Hübl Foto: Privat

Wie heißt Du und wo wohnst Du?

Frederik: Ich heiße Frederik Hübl und wohne in Karlsruhe.

Was machst Du gerade?

Frederik: Ich bin Rechtsreferendar am Verwaltungsgericht.

Wofür brennst Du?

Frederik: Ich finde Kommunalpolitik sehr spannend, weil man vor Ort Dinge verändern kann. Durch die Krise stellen sich gerade sämtliche Probleme neu und man muss neue Lösungen finden.

Hast Du einen Migrationshintergrund?

Frederik: Meine Mutter ist Isländerin.

Wie würdest Du Dich selbst beschreiben und wo stehst Du politisch?

Ich fühle mich bei der Jungen Union gut aufgehoben weil sie konservative und pragmatische Politik macht. Ich bin Kreisvorsitzender für Karlsruhe-Stadt.

Deine Gedanken zur Polizei?

Frederik: „ACAB“ heißt für mich: „All Cops are Beamte“. Polizisten sind als Staatsdiener Teil der Verwaltung und wie alle anderen auch an Recht und Gesetz gebunden. Das wird in der Regel auch von allen akzeptiert. Aber auch Polizisten sind Menschen und können Fehler machen. Dann kommen die Gerichte ins Spiel und die entscheiden dann, ob ein Polizist rechtmäßig gehandelt hat oder nicht. Meiner Meinung nach, funktioniert dieses Prinzip in unserem Land sehr gut. Dass die Polizei Menschen hierzulande aus Prinzip ungerecht behandelt, habe ich persönlich noch nie feststellt. Ich selbst habe mit der Polizei höchstens mal im Rahmen von Verkehrskontrollen zu tun gehabt. Das war immer sehr sachlich und normal.

„Racial Profiling“ sollte es natürlich nicht geben. Aber es ist halt nun mal leider so, dass viele Verfahren, wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz zum Beispiel, im Zusammenhang mit Leuten stehen, die sich hier für Asyl bewerben. Die kommen eben häufig nicht aus Japan oder Norwegen, sondern aus Afrika oder dem Nahen Osten. Da ist es doch klar, dass die Polizei nicht die 80-jährige Frau am Gutenbergplatz befragt. Es gibt bei uns Kriminalitäts-Hotspot und sich den praktischen Erfahrungssätzen zu verschließen, wäre nicht zielführend.

Dass Horst Seehofer die Studie zum „Racial Profiling“ in der Polizei abgelehnt hat, finde ich nicht gut. Denn damit hätte man den Kritikern gut begegnen können.

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