PFLEGEKRÄFTE VERZWEIFELT GESUCHT: Bis 2030 werden über drei Millionen Menschen in Deutschland auf Pflege angewiesen sein. Die neue generalistische Ausbildung soll den Pflegeberuf attraktiver machen. | Foto: dpa

Unmut bei den Beteiligten

Beim neuen Pflegeberufegesetz steckt der Teufel im Detail

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Drei Legislaturperioden hat die Politik gebraucht, um das neue Pflegeberufegesetz zu verabschieden. Ausbildungsbetriebe und Pflegeschulen bekamen für die Umsetzung aber nur zweieinhalb Jahre. Das schuf Stress und Unmut bei allen Beteiligten.

Ist es Galgenhumor oder einfach ihr untrüblicher Optimismus? Katja Müller vom Bildungszentrum maxQ. in Karlsruhe weiß es manchmal selbst nicht. Die Leiterin der Fachschule für Pflege sagt mit fröhlicher Stimme, was sie ernst meint: „Wir sind alle ziemlich gestresst.“

Grund ist das neue Pflegeberufgesetz, das seit dem 1. Januar 2020 gilt. Darin wird die dreijährige Ausbildung für alle Pflegeberufe ganz neu geregelt, indem die bisherigen Berufslehrgänge zum Krankenpfleger, zum Kinderkrankenpfleger und zum Altenpfleger in der Generalistik zusammengefasst werden.

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Pflegefachfrau oder -mann dürfen sich dann diejenigen nennen, die die dreijährige Ausbildung absolviert haben. Wer möchte, kann sich bereits nach zwei Jahren für einen Schwerpunkt in der Alten- oder der Kinderpflege entscheiden – wer lieber Generalist bleiben will, macht wie bisher weiter und erhält ein Diplom, das EU-weit anerkannt ist.

Das Gesetz ließ lange auf sich warten

Drei Legislaturperioden lang wurde in Berlin sehr heftig um die Ausbildungsreform gerungen. Währenddessen wurde der Mangel an Pflegekräften immer eklatanter. Als es Ende 2017 endlich zu einer Einigung kam, musste es plötzlich schnell gehen. Den Krankenhäusern, Pflegeheimen, den mobilen Pflegediensten und den Pflegeschulen blieben nur knapp zwei Jahre Zeit, um die Vorgaben umzusetzen. Eine gewaltige Aufgabe.

Träger stehen vor großen Herausforderungen

„Das ist schon eine Hausnummer größer als zunächst gedacht“, sagt Katja Müller, die gerade noch mit Hochdruck dabei ist, alle Vorgaben umzusetzen, bevor am 1. April der erste Pflegejahrgang vor der Türe steht. Auch Clarissa Simon, die bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Karlsruhe für den Bereich Pflege und Gesundheit verantwortlich ist, findet, dass das neue Gesetz, den Trägern „das Leben nicht gerade einfach gemacht hat“.

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In der Praxis schwer umzusetzen

Denn was im Gesetz gut gemeint ist, ist in der Praxis schwer umzusetzen. Der damit verbundene organisatorische Aufwand stellt vor allem kleinere Ausbildungsbetriebe vor Probleme. Ein Beispiel: Von den 2.500 Praxisstunden, die ein Auszubildender bei einem kleinen mobilen Pflegedienst zu leisten hat, muss er jetzt 1.200 Pflichtstunden auch in anderen Einrichtungen der Pflege eingesetzt werden.

Dazu gehören zwingend die stationäre Akutpflege, die stationäre Langzeitpflege, die psychiatrische sowie die pädiatrische Versorgung. Er muss also eine bestimmte Anzahl von Stunden in einem Krankenhaus, einer Kinderklinik, einer Einrichtung der Psychiatrie und ein einem Altenpflegeheim mitarbeiten.

Auf der Suche nach Kooperationspartnern

Um ihren Azubis den Austausch zu ermöglichen, müssen sich die einzelnen Ausbildungsanbieter also zusammentun. Für die zwei Auszubildenden, die die Evangelische Sozialstation Karlsruhe in diesem Jahr ausbilden will, hat Geschäftsführer Kai Kößhöfer sieben Kooperationspartner finden müssen.

Und nicht nur das. Damit seine eigenen Azubis und die Austausch-Lehrlinge gut betreut sind, müssen sie – so will es das Gesetz – zehn Prozent ihrer Zeit von einem Praxisanleiter betreut werden. Diese Praxisleiter müssen aber erst dazu befähigt werden. „Die Umsetzung der Vorgaben war eine riesige Herausforderung für uns“, sagt Kai Kößhöfer.

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2.500 Stunden Praxis und 2.100 Stunden Theorie

Neben der Praxis spielt auch die Theorie eine große Rolle. Die wird in 2.100 Schulstunden vermittelt. Für Kai Kößhöfer und viele andere Träger, die keine betriebseigene Pflegeschule haben, galt es auch hier Kooperationen mit staatlichen oder privaten Pflegeschulen einzugehen.

In diesen Fällen kann die Planung der Schule übergeben werden. Die müssen dann den Einsatz des Azubis über drei Jahre genau planen. Wer kann wann wohin und gibt es dort überhaupt noch Plätze? „An dieser Planung sitzen wir gerade“, sagt Katja Müller. Denn gerade wenn es um den Bereich der Kinderpflege geht, gibt es nicht genug Plätze für die vielen Azubis.

„Die Pädiatrie ist der Flaschenhals“, sagt auch Josef Hug, Pflegedirektor am Städtischen Klinikum in Karlsruhe. „Alle müssen da durch, aber es gibt nur wenige Einrichtungen“, beschreibt er. Der Bereich Kinderpflege bereitet auch Katja Müller am meisten Probleme. „Wenn wir da nichts finden, müssen wir uns ans Ministerium wenden“, sagt sie. Möglich, dass Azubis dann auch in Kinderarztpraxen oder Kindergärten geschickt werden können.

Faule Kompromisse

Doch solche Kompromisse wären faul und entsprächen nicht dem Sinn des neuen Pflegeberufegesetzes, das ja eigentlich eine höhere Qualität der Ausbildung und damit auch eine Aufwertung des Pflegeberufs im Sinn hat.

„Generalistik ist eine große Chance“

Schätzungen gehen davon aus, dass bis in zehn Jahren über drei Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig sein könnten. Angesichts des grassierenden Mangels an Pflegekräften waren neue Wege in der Ausbildung unerlässlich. „Dem Grundsatz nach ist dieses Gesetz eine ganz große Chance“, sagt Kai Kößhöfer.

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Seine Kollegin Clarissa Simon steht der Reform ebenfalls sehr positiv gegenüber. „Die Generalistik kann eine Höherwertigkeit der Pflege und eine Professionalisierung mit sich bringen“, ist sie überzeugt.

Auch Katja Müller ist von der Notwendigkeit der Reform überzeugt. „Ich bin immer noch für die Generalistik und finde es toll und wichtig, dass die Schüler viele unterschiedliche Erfahrungen sammeln können.“

Die Schulleiterin sieht aber auch ganz konkrete Probleme. Zum Beispiel wenn es darum geht, einen Kooperationspartner in der Region zu finden. Der Einzugsbereich ihrer Schule ist groß und greift auch nach Rheinland-Pfalz.

In vielen Fällen ist es schwierig, einen Partner in der Nähe zu finden. „Und was mache ich dann mit einem 16-jährigen Pflegeschüler aus Bühl, der bei uns zur Schule geht? Kann ich dem zumuten, bei einer Einrichtung in der Nähe von Mannheim zu arbeiten?“