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Militärische Analyse

Ben Hodges: „Deutschland sollte die Schlüsselrolle in Europas Raketenverteidigung spielen“

Als Generalleutnant der US-Army führte Ben Hodges das Nato Allied Land Command an, von 2014 bis 2017 befehligte er die rund 30.000 US-Soldaten in Europa. Der 63-Jährige arbeitet heute als Militäranalyst für die Denkfabrik Center for European Policy Analysis und lebt in Frankfurt. 

Erhöhte Alarmbereitschaft: US-Soldaten auf dem Weg von der Militärbasis Fort Bragg in North Carolina nach Europa, um vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine die Nato-Streitkräfte zu verstärken. Foto: Allison Yoyce / AFP

Als Generalleutnant der US-Army führte Ben Hodges das Nato Allied Land Command an, von 2014 bis 2017 befehligte er die rund 30.000 US-Soldaten in Europa. Der 63-Jährige arbeitet heute als Militäranalyst für die Denkfabrik Center for European Policy Analysis und lebt in Frankfurt.

Gemeinsam mit zwei weiteren Autoren veröffentlichte Hodges kürzlich ein Buch mit dem Titel „Future War“, das ein düsteres Zukunftsszenario schildert: Im Jahr 2030 greift Russland, unterstützt von China, ein von Covid-29 gebeuteltes Europa an und siegt.

Im Interview mit unserem Redakteur Alexei Makartsev erklärt der Drei-Sterne-General, welche Rolle Deutschland in der künftigen Verteidigung Europas spielen sollte und warum Putin trotz der Fehler im Ukraine-Krieg ein gefährlicher Gegner bleibt.

Ihr Buch erzählt von einem hypothetischen Angriff Russlands auf seine Nachbarn in Europa. Haben Sie 2021, als das englische Original erschien, erwartet, dass Putin die Ukraine überfallen könnte?
Hodges

Ja, wir haben das für möglich gehalten. Es gab eine Invasion in Georgien 2008, später war Russland in Syrien involviert und 2014 in der Ukraine, auf der Krim. Der Westen ließ es einfach geschehen, das hat Russlands Führung noch aggressiver gemacht. Aber ich habe solch einen verheerenden Krieg nicht erwartet.

Das Buchszenario beschreibt Russland als einen mächtigen und listigen Gegner. In der Ukraine erleben wir aber ein Teil-Versagen der Militärstrategie Putins. Vielleicht muss sich die Nato vor dem Kremlchef doch nicht so fürchten.
Hodges

Vielleicht denken jetzt einige so. Aber die Tatsache, dass es Fehler gab, bedeutet nicht, dass wir uns keine Sorgen machen müssen. Der Kreml wird aus diesem Krieg sicher viel lernen. Darum ist es jetzt umso wichtiger, notwendige Schritte zu ausreichender Abschreckung in Europa zu machen, die eine weitere Attacke verhindern. Denn Russland wird wieder zu Kräften kommen.

Welche Fehler hat Putin im Krieg gemacht?
Hodges

Was in der Ukraine passiert, ist das Ergebnis von Korruption und Schlendrian im russischen Militär. Es reicht nicht, viel Geld für Ausrüstung auszugeben. Wenn man nicht trainiert, die Luft-, See- und Landeinheiten und Spezialkräfte gemeinsam einzusetzen, so wie wir das tun, kriegt man ein Problem, wenn man auf eine zähe Verteidigung stößt. Und das geschieht gerade in der Ukraine. Deren exzellente Soldaten kämpfen wie Tiger und werden jeden Tag stärker, die Russen waren darauf nicht vorbereitet. Darum sehen wir neue russische Panzer verlassen am Straßenrand stehen.

Putin hat gerade die Strategie in der Ukraine geändert...
Hodges

...was wie ein Eingeständnis des Versagens aussieht. Jetzt wird es ein Zermürbungskrieg sein. Aber auch das wird nicht funktionieren. Russlands Truppen brauchen dafür eine Menge Ressourcen, die sie nicht haben. Sie brauchen Logistik, um die sie sich nicht gekümmert haben in der Annahme, alles würde schnell vorbei sein. Sie brauchen Zeit, die sie nicht haben, weil die Sanktionen einen starken Effekt entfalten. Sie brauchen mehr Soldaten, doch Putins Armee ist nicht so groß, wie er uns das weismachen wollte. Russlands Führung hat sich also für eine nicht gewinnbringende Strategie entschieden, die Tausende unschuldige Menschen töten wird. Sie werden versuchen, die eroberten Gebiete zu halten und weiter Mariupol anzugreifen, bis die Stadt fällt. Das sollten wir aber nicht zulassen, indem wir die Ukraine weiter unterstützen.

Präsident Selenskyj möchte, dass die Nato den Himmel über der Ukraine abriegelt. Die Allianz sagt dazu Nein.
Hodges

Ja, und ich bin enttäuscht darüber. Um ein effektives Flugverbot durchzusetzen, muss man das Risiko von Zusammenstößen von Nato-Flugzeugen und russischen Flugzeugen in Kauf nehmen. Außerdem muss man die Luftverteidigung angreifen und dazu bereit sein, eigene abgeschossene Piloten zu retten. Das ist alles machbar. Aber unsere politischen Führungen haben Bedenken, dass die Lage eskalieren könnte. Ich finde diese Sorgen übertrieben. Wenn die Nato die Flugverbotszone einrichtet, sich die Überlegenheit in der Luft sichert und den Russen klar macht, dass jegliches Eindringen in den Luftraum nicht toleriert wird, könnten wir verhindern, dass viele Zivilisten ermordet werden. Wir sollten keine Angst haben, unsere Vorteile zu nutzen.

Viele machen sich Sorgen, dass Russland Massenvernichtungswaffen einsetzen könnte. Sie nicht?
Hodges

Nein. Weil man auf dem Schlachtfeld dadurch nichts gewinnt. Außerdem wissen die Leute in Putins Umgebung, dass der Einsatz von chemischen oder nuklearen Waffen alles ändert. Es wäre für den Westen einfach unmöglich, danach untätig zu bleiben. Natürlich bleibt eine Möglichkeit, dass Putin es trotzdem tut, schließlich hat er seine eigenen Landsleute vergiften lassen - aber es ist nicht sehr wahrscheinlich.

„Future War“ handelt vom Hightech-„Hyperkrieg“, in der Ukraine führt Russland aber bis auf einige Ausnahmen einen ziemlich konventionellen Krieg. Warum nutzt Putin nicht sein modernes Arsenal?
Hodges

Gute Frage. Ich war zum Beispiel überrascht, Präsident Selenskyj am Handy zu sehen. Ich dachte: Wie zum Teufel ist das möglich? Wären wir im Krieg, hätten wir die ukrainischen Kommunikationssysteme sofort außer Betrieb gesetzt. Aber das ist nicht geschehen, und so kann Selenskyj den Widerstandsgeist anfeuern, während die Ukrainer ihre Handys benutzen. Ich glaube, Russlands Militärs wollte mangels eines eigenen Kommunikationssystems selber die ukrainischen Mobilfunknetze nutzen. Das ist verrückt, deswegen werden doch so viele russischen Generäle getötet, weil man ihre Handys leicht orten kann.

Sie haben nach der Annexion der Krim und bis 2017 die US Army in Europa befehligt. Hätte die Nato in jener Zeit einen russischen Angriff auf das Bündnis erfolgreich abwehren können?
Hodges

Ja, auch wenn es nicht einfach gewesen wäre. Denn im Jahr 2014 waren wir in Europa nicht annähernd so stark wie heute. Seitdem haben die Nato-Streitkräfte hart daran gearbeitet, ihre Aufklärung und die Verteidigungsfähigkeiten zu verbessern. Aber es ist noch viel zu tun. Nach fünf Wochen Krieg ist für mich klar, dass wir in Europa nicht genug Raketenabwehr haben. Ich denke, Deutschland sollte die Schlüsselrolle in der europäischen Luft- und Raketenverteidigung spielen.

Deutschland rüstet hoch. Reicht es, 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr auszugeben – oder müsste die Bundesregierung mehr tun?
Hodges

Ich bin froh, dass die Deutschen aufgewacht sind und ihrer Verantwortung als Nato-Mitglied nachkommen wollen. Die zentrale Überlegung sollte sein, ob das Land bereit ist, seine Mission zu erfüllen. Hat es die richtige Anzahl von Truppen aller Arten, funktioniert die Technik, sind die Soldaten ausreichend trainiert? Es ist eine gute Entscheidung, die F35-Abfangjäger zu kaufen. Die Bundesrepublik ist aber auch logistisch gesehen ein kritisch wichtiger Teil der Allianz, weil im Konfliktfall alles durch das Land befördert werden muss. Darum wäre es sinnvoll, wenn Deutschland die militärische Tauglichkeit seiner Flughäfen, Häfen und der Bahn verbessert.

Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais, sagte nach dem Kriegsbeginn, dass die Bundeswehr „blank dasteht“. Was denken Sie vom Zustand der deutschen Streitkräfte?
Hodges

Das war sehr mutig von General Mais und musste mal gesagt werden. Ich hoffe, dass der Bundestag und das Verteidigungsministerium hingehört haben. Wenn das deutsche Parlament junge Männer und Frauen in den Kampf schickt, gibt es eine moralische Verpflichtung, sie mit allem Notwendigen für das Überleben auszustatten.

In „Future War“ schreiben Sie, dass Europa zum Schutz vor Staaten wie Russland seine Verteidigung neu aufstellen muss, was viel Geld kosten wird. Wie zuversichtlich sind Sie, dass es geschehen wird?
Hodges

Ich hoffe zumindest darauf. Aber auch die USA müssen etwas tun. Sie brauchen Europa in wirtschaftlicher, diplomatischer und militärischer Hinsicht. Amerikas Wohlstand hängt vom Wohlstand Europas ab. Darum müssen sich die USA klar und deutlich zu Europa bekennen.

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