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Pro & Kontra

Böllern in Corona-Zeiten: Ist es in Ordnung, an Silvester Feuerwerk zu zünden?

Das Verkaufsverbot für Feuerwerk wird 2020 wohl nicht kommen. Aber ist es deswegen in Ordnung, im Corona-Jahr wie gehabt zu böllern? Darüber gibt es auch in der BNN-Redaktion unterschiedliche Ansichten.

Böllern in der Corona-Pandemie: Ist das okay oder schlicht egoistisch? Die Meinungen darüber sind geteilt. Foto: BNN

Ein pauschales Verbot für Feuerwerk und Böller soll es in diesem Jahr nicht geben. Nach den Beratungen der Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin soll die Verwendung von Pyrotechnik auf öffentlichen Plätzen und Straßen untersagt werden, um zu vermeiden, dass sich dort große Menschengruppen bilden. Ein Verkaufsverbot von Feuerwerk und Böllern ist aber wohl vom Tisch. Das bedeutet, wer möchte, darf an Silvester wie gehabt Raketen zünden - zumindest im privaten Rahmen. Aber sollte er auch? Darüber gehen die Meinungen auch in der BNN-Redaktion auseinander.

Tanja Rastätter: „Die Menschen mussten auf so viel verzichten – bitte nicht auch noch auf das Feuerwerk am Himmel“

Silvester ohne Feuerwerk ist kein Silvester, sondern ein Tag wie jeder andere. Ein Feuerwerk gehört zu Silvester und dem Jahreswechsel wie das Amen in der Kirche oder der Tannenbaum zu Weihnachten.

Im Jahr 2020 mussten die Menschen auf so viel verzichten – bitte nicht auch noch auf das Feuerwerk am Himmel. Diese kleine Freude sollten wir uns nicht nehmen. Es ist ein Zeichen von Normalität und lässt viele Alte und Junge die Alltagssorgen vergessen.

An gewissen Bräuchen und Kulturgütern muss man festhalten. Ist es doch ursprünglich eine Tradition, um böse Geister zu vertreiben. Gerade die Kinder freuen sich das ganze Jahr darauf. Sie können sich auf diese Weise vom alten Jahr verabschieden.

Zumal es in diesem Jahr dann ganz ungefährlich ist, wenn so wenige Menschen unterwegs sind. Mit dem Kauf von Böllern wird die Wirtschaft angekurbelt. Auch Arbeitsplätze werden dadurch gesichert. Sollen auch noch die ganzen Hersteller von Feuerwerken Pleite gehen?

Es geht um einen Tag im Jahr. An den übrigen 364 Tagen wird nicht geböllert. Und ein Feuerwerk bedeutet nicht gleich eine Corona-Party – es kann bequem vom heimischen Balkon verfolgt werden. Dass es an markanten Orten wie etwa Markt- oder Schlossplätzen Verbote gibt, ist nachvollziehbar, damit dort Menschenansammlungen vermieden werden. Ansonsten sollte aber jeder schießen, wie er möchte.

Christina Fischer: „Schon eine Party kann zum Superspreader-Event werden. Das ist beim gemeinsamen Böllern nicht anders“

Dass Feuerwerk und lautes Böllern an Silvester ganz objektiv betrachtet nicht die beste Idee sind, dürfte inzwischen den meisten Menschen klar sein. Trotzdem wollen viele nicht davon lassen. Die Psychologie beschreibt das als „kognitive Dissonanz“: Einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand, weil zwei Wünsche oder Einstellungen zueinander im Widerspruch stehen. Das ist ungefähr so, wie wenn die Leibspeise Wiener Schnitzel ist, man aber niemals dem betreffenden Kälbchen beim Sterben zusehen könnte. Man wendet sich ab. Man verdrängt.

Was sich noch bequem ignorieren lässt, ist die Klimakrise. Klar, Raketen und Böller verursachen in einer Nacht ganze 17 Prozent des Feinstaubs, den der gesamte deutsche Straßenverkehr in einem Jahr produziert - aber geschenkt. Feinstaub kann man nicht sehen und bis uns der Planet unter den Füßen wegbrennt, dauert es noch lange genug.

Auch das Coronavirus ist unsichtbar, aber hier haben wir nicht so viel Zeit bis zur Katastrophe. Die Vergangenheit hat es gezeigt: Schon eine Party kann zum Superspreader-Event werden. Das ist beim gemeinsamen Böllern an Silvester nicht anders. Von den Verletzten, die anschließend in den Notaufnahmen wertvolle Kapazitäten wegen weggesprengter Gliedmaßen beanspruchen, ganz zu schweigen.

Wenn wir schon der Umwelt zuliebe nicht auf die knallenden Feinstaub-Bomben verzichten wollen, könnten wir es ja wenigstens dieses Jahr für unsere Mitmenschen tun. Vielleicht sogar ganz freiwillig. Denn Freiheit - der sich vor allem Querdenken-Demonstranten so verpflichtet fühlen - kann auch die Freiheit sein, sich nicht stur an vermeintliche Silvester-Traditionen zu klammern.

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