Theresa May
Unter Druck: die britische Premierministerin Theresa May. | Foto: Stefan Rousseau/PA Wire

Analyse

Brexit-Streit in Großbritannien: Die beharrliche Mrs. May

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London (dpa) – Sie kämpft und kämpft. Sie werde die Sache durchstehen und den besten Deal für Großbritannien herausholen, sagte die britische Premierministerin Theresa May vor Journalisten.

Ihr Vorbild sei der frühere Kricket-Sportler Geoffrey Boycott, der für sein enormes Durchhaltevermögen bekannt war. «Geoffrey Boycott ist dabei geblieben», betonte May. Und: Er habe am Ende gewonnen.

Hat May aber überhaupt noch Siegeschancen? Am vergangenen Donnerstag sah es bereits so aus, als hätte ihr letztes Stündlein als Regierungschefin geschlagen. Gleich zwei Minister und fünf hochrangige Regierungsmitarbeiter traten zurück. Am Tag danach bekam sie überraschend etwas Rückendeckung von Umweltminister Michael Gove und Handelsminister Liam Fox.

Und zwei Posten wurden neu besetzt: Der bislang eher unscheinbare Abgeordnete Stephen Barclay folgt auf Dominic Raab als Brexit-Minister. Barclay war Staatssekretär im Gesundheitsministerium und dürfte May nicht allzu viel Ärger machen. Die Verhandlungen mit der EU sind Chefsache von May, Barclays Spielraum ist begrenzt. An die Stelle der ebenfalls zurückgetretenen Arbeitsministerin Esther McVey tritt Ex-Innenministerin Amber Rudd.

Selbst wenn es May gelungen sein sollte, die Zerfallserscheinungen in ihrem Kabinett vorerst zu stoppen: Unklar bleibt, wie sie eine Mehrheit im Parlament für den Brexit-Kompromiss bekommen will. Das Unterhaus wird voraussichtlich im Dezember darüber abstimmen. Fällt das Abkommen durch, wird die Zeit knapp. Bereits Ende März 2019 will Großbritannien die Europäische Union verlassen.

May droht, es werde in diesem Fall entweder einen Brexit ohne Abkommen mit unabsehbaren Folgen oder gar keinen EU-Austritt geben. Ob es ihr gelingt, damit genügend Abgeordnete auf ihre Seite zu ziehen? Das ist ungewiss, aber nicht unmöglich. Sie zielt mit ihrem Appell offenbar auf alle Parteien. Viele Abgeordnete aus ihrer konservativen Fraktion und aus der nordirischen DUP, die ihre Minderheitsregierung stützt, haben bereits deutlich gemacht, dass sie das Abkommen nicht mittragen werden.

Eine Stolperfalle für May könnte eine Misstrauensabstimmung in ihrer Fraktion sein. Die droht ihr zwar schon lange, aber nun wird es ernst: Ihr Erzfeind Jacob Rees-Mogg, ein einflussreicher Tory-Hinterbänkler und Brexit-Hardliner, entzog ihr sein Vertrauen. Viele folgten ihm und gaben das öffentlich bekannt. Aber nicht jeder plauderte darüber. Nötig für den Misstrauensantrag sind 48 Stimmen.

Wie kann May bei so viel Gegenwind bloß die Nerven behalten? Ihr wird enormer Ehrgeiz nachgesagt. Schon als Kind wollte sie Premierministerin von Großbritannien werden. Geschickt taktierend schaffte sie es bis ganz nach oben: Die Konservative beerbte nach dem Brexit-Referendum den zurückgetretenen David Cameron.

Doch bereits einmal fiel sie ihrem Überehrgeiz fast zum Opfer. In einer vorgezogenen Parlamentswahl wollte sie 2017 die Mehrheit der Konservativen ausbauen, um mehr Rückenwind für die Brexit-Gespräche zu bekommen. Das Ergebnis: Sie verlor die absolute Mehrheit ihrer Partei im Parlament.

Lange Zeit präsentierte May keine klare Linie bei ihren Brexit-Verhandlungen – das nahmen ihr viele übel. Den jetzt präsentierten Entwurf für das Abkommen lehnen Parlamentarier von allen Seiten ab, ob Brexit-Anhänger oder EU-Befürworter.

Sollte sich May am Ende doch gegen diese übermächtige Koalition durchsetzen, könnte sie tatsächlich einmal als die weibliche Version des beharrlichen und am Ende siegreichen Kricket-Stars Geoffrey Boycott in die Geschichte der britischen Politik eingehen.

Falls nicht, läge vielleicht eine andere Assoziation näher, die in der britischen Presse gern herangezogen wird. Der schwarze Ritter aus der Monty-Python-Komödie «Ritter der Kokosnuss». Im Duell werden ihm beide Arme abgeschlagen. Er will aber trotzdem weiterkämpfen. «Ist doch nur ’ne Fleischwunde», ruft er trotzig. Und als auch noch die Beine ab sind, sagt er: «Einigen wir uns auf ein Unentschieden!»