Medikamente
In deutschen Apotheken fehlen bereits viele Medikamente. Die Abhängigkeit von Billigproduzenten aus China und Indien birgt zusätzliche Risiken für die Versorgung von Patienten. | Foto: Friso Gentsch/Archiv

Medikamentenmangel

Coronavirus sorgt für Wirkstoff-Engpässe in Deutschland

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Die Coronavirus-Epidemie hat bislang nicht nur mehr als 1.100 Menschenleben gefordert, sie wird nach neuesten Schätzungen auch gewaltige wirtschaftliche Folgen haben. Experten erwarten für 2020 einen Rückgang des globalen Wachstums um 0,3 Prozent infolge der Beeinträchtigung von Lieferketten aus China.

Im Pharmabereich ist dies besonders brisant: Nach den USA rechnen jetzt auch die Experten in Deutschland mit möglichen Engpässen bei Wirkstoffen für wichtige Arzneimittel, die hiesige Unternehmen aus Wuhan und der besonders betroffenen Provinz Hubei beziehen. Diese Ausfälle, so die beunruhigende Prognose, könnten vermutlich nicht ausgeglichen werden.

280 Arzneimittel und Impfstoffe derzeit nicht verfügbar

Ohnehin hat der Medikamentenmangel in Deutschland in den vergangenen Monaten dramatische Ausmaße angenommen. 280 nicht verfügbare Arzneimittel und Impfstoffe stehen derzeit auf den Engpasslisten der zuständigen Bundesinstitute. Auch in der Region sind viele Apotheken betroffen. Das sehr komplexe Problem wird nun durch die Ausbreitung der Krankheit Sars-Covid-19 (Coronavirus) weiter verschärft.

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Im vergangenen Jahrzehnt haben sich Indien und besonders China als wichtigste globale Lieferanten von pharmazeutischen Wirkstoffen etabliert. Sie sind die Basis für gängige Medikamente wie Schmerzmittel und Blutdrucksenker, die im Westen hergestellt werden.

„Für manche Wirkstoffe, gerade im Bereich der Antibiotika, gibt es nur noch wenige Anbieter, meistens in China“, sagt Fabian Locher, Sprecher des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI). Wenn Wirkstoffe in Asien nicht lieferbar seien, so Locher weiter, können Lieferengpässe auftreten.

In der chinesischen Provinz Hubei sind wichtige Exporteure

Auf BNN-Anfrage teilte der BPI mit, dass in Wuhan zurzeit Wirkstoffe für 19 Arzneimittel produziert werden. 17 dieser Stoffe sind hierzulande als versorgungsrelevant eingestuft worden. Aus der Provinz Hubei kommen Wirkstoffe für 136 Arzneimittel, 48 davon sind wichtig für Patienten in Deutschland.

Im Kampf gegen Sars-Covid-19 setzt China auf Massen-Quarantäne; viele Analysten rechnen damit, dass eine Region mit der Wirtschaftskraft von Schweden wochenlang gelähmt werden könnte – mit Folgen für Exporte.

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Das Ministerium für Soziales und Integration in Stuttgart weiß bislang nichts von möglichen Lieferschwierigkeiten „im Zusammenhang mit der vorübergehenden Schließung asiatischer Herstellungsbetriebe“.

Noch keine konkreten Hinweise auf Engpässe

Auch im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ist man vorsichtig: Es gebe keine Hinweise auf „kurzfristige Liefer- oder Versorgungsengpässe“, erfuhr unsere Redaktion. Dem BfArM fehlen jedoch nach eigener Darstellung „belastbare Informationen“, und die Bundesoberbehörde scheint zumindest zeitversetzte Effekte nicht auszuschließen.

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Konkrete Befürchtungen gibt es in den USA, die bis zu 80 Prozent der Wirkstoffe für ihre Fertigarzneimittel aus China beziehen. „Die Lage ist volatil“, sagte der Chef der Arzneibehörde FDA, Stephen Hahn, der Zeitung Politico.

Das Blatt zitiert die Abgeordnete Anna Eshoo, die einen Gesundheitsausschuss im Repräsentantenhaus leitet, mit den Worten, sie finde bei dem Gedanken an eine mögliche Schließung der Wirkstofffabriken in China keinen Schlaf mehr. „Wir haben jeden Grund zur Sorge, weil wir nichts wissen“, sagte sie.

Ersatz für Wirkstoffe aus China könnte teuer werden

Nach Einschätzung des Pharmaindustrieverbands BPI hätte Deutschland bei einem Ausfall der chinesischen Lieferungen ein Problem. Zwar könnten die Wirkstoffe theoretisch durch Produktion aus „alternativen Quellen in der geforderten Qualität“ ersetzt werden.

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In der Praxis sei dies aber schwierig, da die Hersteller in der Regel auf einen „vordefinierten und aufwendig bestimmten“ Kreis von Lieferanten zugreifen, der nicht „auf Zuruf“ erweitert werden könne. „Ein Ersatz ist teilweise möglich, aber zu höheren Preisen“, glaubt der Leiter des Bereichs Pharmachemie der Uni Tübingen, Stefan Laufer.

Im Gespräch mit den BNN kritisierte der Experte die deutsche Abhängigkeit von Pharmaunternehmen in Asien, die durch Rabattverträge der Kassen und andere Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen entstanden sei. „China und Indien liefern um mehrere hundert Prozent günstiger.

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Aber es gibt auch Probleme mit der dortigen Qualität“, so Laufer. „Es ist simpel: Wer wenig zahlt, der bekommt auch wenig. Mit deutscher Gründlichkeit sind wir bei Einsparungen im Bereich der Arzneimittel weit über das Ziel hinausgeschossen“.

Deutscher Markt ist für Pharmafirmen nicht attraktiv

Diese Kritik am Preisdruck teilt der Apothekerverband Baden-Württemberg (LAV). „Deutschland war einst Höchstpreisland für Medikamente. Sie fehlen jetzt, weil der deutsche Markt unattraktiv geworden ist und die Unternehmen woanders mehr verdienen“, so der Verbandssprecher Frank Eickmann.

Die Zahl von aktuell 280 fehlenden Medikamenten nennt der Experte nur eine „Spitze des Eisbergs“ und plädiert für eine gesetzlich festgeschriebene Meldepflicht von Engpässen. Der LAV fordert eine „Lockerung der deutschen Preisschraube“ und den Aufbau einer Wirkstoffproduktion in Europa. „Das würde aber mindestens ein Jahrzehnt dauern“, räumt Eickmann ein.