Ian Kershaw
Der britische Historiker und Schriftsteller Ian Kershaw ordnet das politische Zeitgeschehen ein. | Foto: Arno Burgi

Buchkritik

Das unfertige Projekt Europa

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Ein neues Buch beginnt man besser nicht von hinten zu lesen. Aber wenn einer der bedeutendsten Historiker der Gegenwart seine kurz vor der EU-Wahl veröffentlichte Europastudie mit dem Kapitel „Ausblick: Eine neue Ära der Unsicherheit“ beendet, dürfte eine Ausnahme wohl erlaubt sein. Wie also sieht der renommierte Hitler-Biograf Ian Kershaw die unsichere Zukunft des Kontinents?

Das vorangestellte Zitat stimmt den Leser auf unbequeme Wahrheiten ein: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerade gezimmert werden“. Immanuel Kant, 1784. Mehr als 200 Jahre später stellt Kershaw Europa also die Diagnose, aus kaum zueinander passenden Teilen teilweise falsch zusammengewachsen zu sein. „Die EU ist noch immer ein unfertiges Projekt“, merkt der Brite an. „Sie ist gewiss eine enorme Errungenschaft, besitzt aber auch Mängel“.

Die Glanzseiten Europas sind in Kershaws Augen der Wohlstand und der anhaltende Frieden. Zu seinen Schwächen zählt er etwa die fehlenden Lösungsansätze gegen den Migrationsdruck und das Unvermögen der Politik, eine „tiefergehende europäische Identität“ zu schaffen.

Der Historiker erwartet soziale Unruhen, wenn die „weiter wachsende Ungleichverteilung von Einkommen und Wachstum“ nicht überwunden werde. Seine Empfehlung an die EU ist es, sich nach dem Vorbild der USA in „föderale Vereinigte Staaten von Europa“ zu wandeln. Kershaw selbst glaubt allerdings nicht daran, dass dies jemals passiert.

Und so lässt seine scharfsinnige Analyse der europäischen Geschichte nach 1950 den Leser mit dem Gefühl zurück, auf einem schwer steuerbaren Ozeanriesen in eine große Nebelbank zu driften. Vorne ist nichts als die Ungewissheit. Eine Garantie für Frieden und Wohlstand in Europa jenseits des Tiefs sieht Kershaw jedenfalls nicht. alm

Ian Kershaw, Achterbahn: Europa 1950 bis heute. DVA, 832 S., 38 Euro