Unter teils katastrophalen Bedingungen leben derzeit die rund 5 700 Flüchtlinge im überfüllten Lager Moria auf der Insel Lesbos.

Deutsche hilft im Lager Moria

Das verdrängte Elend

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Am Freitagmorgen geht das Leben im Lager Moria den gewohnten Gang. Die Kanzlerin ist nicht gekommen, der Reporteransturm auf der Insel Lesbos blieb aus. Und so sind die rund 5 700 Flüchtlinge und deren Helfer mit ihrem tristen Alltag in Dreck, Kälte und Not wie fast immer unter sich.

Am Freitagmorgen spricht Angela Merkel in Athen mit Journalisten. „Die Frage der Flüchtlinge ist eine Frage, die uns alle angeht“, sagt die deutsche Regierungschefin nach dem Treffen mit Griechenlands Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos. Und fügt noch freundlich hinzu: „Deutschland hat immer deutlich gemacht, dass wir Griechenland nicht alleine lassen können“. Für Cordula Häffner klingen diese Worte hohl.

Die Heidelberger Krankenschwester arbeitet seit drei Monaten für die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) im Lager. Sie war es, die die Kanzlerin tags zuvor in einem Offenen Brief auf die katastrophale Lage im „EU-Hotspot“ hingewiesen und zu einem Besuch in Moria eingeladen hatte. Nun sitzt Häffner inmitten des Elends und sagt in einem Telefonat mit den BNN: „Das haben wir alles schon mal gehört. Was Merkel sagt, klingt nach viel Theorie und lässt sich schwer mit dem zusammenbringen, was ich um mich herum sehe“.

Häffner ist erfahren. Die 56-Jährige arbeitete schon in Krisenregionen wie Haiti, Libyen und der Zentralafrikanischen Republik. Sie hatte erwartet, dass die Situation in Europa „weniger schwerwiegend“ sei, schrieb jetzt die Medizinerin an Merkel. Sie sei jedoch „schockiert über das menschliche Leiden hier“.
Die MSF-Mitarbeiterin ist verantwortlich für eine mobile Klinik vor dem Eingang zum Lager. Jeden Tag kommen hierher im Schnitt 100 Kinder und Frauen, um medizinische oder psychologische Hilfe zu erhalten.

So wie das kleine Mädchen, das sich bei einem Sturz in eine Feldküche über dem offenen Feuer schwer verletzt hatte. „Ein Mann kam schreiend zu uns, er trug sein Kind, dessen Arm völlig verbrannt war“, erinnert sich die Krankenschwester. Sie erzählt auch von einem 14-jährigen Jungen aus Afghanistan, der so schwer traumatisiert gewesen sei, dass er nicht sprechen konnte. Ein Kriegskind, das Tod, Verlust und Missbrauch erlebt habe. „Man versucht, zu helfen, aber es ist sehr schwierig“, sagt Häffner.

Laut MSF leben in dem „Hotspot“ derzeit etwa zweimal so viele Menschen wie ursprünglich vorgesehen. „Sie sitzen hier fest. Da manche Flüchtlinge ihre Interviewtermine für die Asylgesuche erst in einem Jahr haben, sind sie psychisch extrem belastet“, berichtet die Deutsche. Bis zu 80 Migranten teilten sich in Moria je eine Dusche. Weil nachts die Stromgeneratoren ausfallen würden, gingen die Frauen und Kinder in völliger Dunkelheit zur Toilette. Laut Häffner sind Übergriffe gegen Frauen keine Seltenheit. Auch Rangeleien in der Warteschlange bei der Essensausgabe habe sie erlebt.

Ein weiteres Problem sei das Wetter. Die Kälte und die Nässe stecke überall in den Behausungen, sagt die Medizinerin. Auch Mütter mit Neugeborenen müssten in ungeheizten Zelten hausen. Sehr viele Menschen würden an Haut- und Atemwegserkrankungen leiden. „Vor ein paar Tagen hatten wir Temperaturen um die null Grad. Und wenn es mal stark schüttet, so wie heute, werden manche Zelte weggeschwemmt.“

Cordula Häffner will bis zum Sommer im Lager auf der ostägäischen Insel bleiben und möglichst vielen Menschen helfen, ehe sie nach Heidelberg zurückkehrt. Dass sich die Lage in Moria bessern wird, glaubt sie nicht. Ein Grund dafür sei der unwirksame EU-Türkei-Deal für die Rücknahme von Flüchtlingen: „Er wurde wohl mit dem Ziel verabschiedet, die Menschen abzuschrecken, aber das funktioniert nicht. Die Zahl der Flüchtlinge hier wird sicher noch weiter zunehmen.“

Sie macht sich Sorgen, dass das angeschlagene griechische Gesundheitssystem die Mehrbelastung durch die Migranten bereits jetzt nicht tragen kann. „Die Situation, die ich in Griechenland sehe, beschämt mich“, schrieb Häffner in ihrem bislang unbeantworteten Brief an Merkel. „Die europäischen Länder, einschließlich meines eigenen, haben Menschen in Not den Rücken zugekehrt.“