Schüsse in Halle
Das Videostandbild zeigt die Schüsse von Halle. | Foto: ATV-Studio/AP/dpa

Anschlag von Halle

Gewaltverherrlichende Videos im Netz: die Propaganda der Rechtsextremen

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Mit einer Helmkamera hat der mutmaßliche Attentäter von Halle seinen Anschlag gefilmt und das Material im Internet live veröffentlicht. Der 35-minütige Film hilft den Ermittlern, die Tat zu rekonstruieren. Allerdings hatte die Hassbotschaft des 27-jährigen Rassisten und Antisemiten auch zahlreiche gleichgesinnte Internet-Nutzer in teils rechtsextremen Foren erreicht, ehe sie gelöscht wurde.

Für Experten ist das ein großes Problem: Gewaltverherrlichende Videos von Anschlägen werden oft zu propagandistischen Zwecken von Rechtsradikalen genutzt und stiften Nachahmungstäter zu ähnlichen Taten an.

Stephan D. wollte nach den Worten des Generalbundesanwalts Peter Frank eine „weltweite Wirkung“ erzielen. So wie im März 2019 der Rechtsextremist Brenton Tarrant im neuseeländischen Christchurch, der 51 Menschen ermordete und dabei sich selbst filmte. Der Attentäter von Halle suchte sich für den Live-Stream die Plattform Twitch aus. Hier zeigen Gamer Computerspiele wie „World of Warcraft“, aber auch Videos, die sich mit anderen Themen beschäftigen.

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Der mutmaßliche Attentäter hatte sein Twitch-Konto vor zwei Monaten eröffnet und ein Video hochgeladen. Das im Netz aufgetauchte „Manifest“ legt nahe, dass er weniger bei Twitch zu Hause war, sondern eher auf der bei Rassisten beliebten Plattform 8chan. Auf dem Portal werden Anschläge gefeiert und der Hass zelebriert. Nach dem Amoklauf in der US-Stadt El Paso Anfang August ging 8chan offline, auch weil die Dienstleister den Stecker zogen. Vermutlich deshalb musste sich der Halle-Attentäter eine neue Plattform suchen.

„Erhöhe die Moral von anderen unterdrückten Weißen“

In dem auf Englisch geschriebenen Manifest betont der Attentäter, wie wichtig es ihm ist, dass seine Tat live übertragen wird. „Erhöhe die Moral von anderen unterdrückten Weißen, in dem die Aufzeichnung des Kampfeinsatzes verbreitet wird“, heißt es dort. Im ersten Schritt erreichte der Angreifer sein Propaganda-Ziel nicht. Nur fünf Twitch-Nutzer verfolgten den Stream in Echtzeit.

Immerhin 2 200 Menschen schauten sich aber danach die Aufzeichnung an, bevor Twitch das Treiben mitbekam und das Video auf der Plattform sperrte. Diese Zeit reichte allerdings aus, die vergiftete Botschaft in andere Kanäle überschwappen zu lassen. Laut einer US-Analyse erreichte das Video innerhalb von 30 Minuten über den Messenger Telegram rund 15 600 Nutzer. Es tauchte zudem im Web-Forum 4chan auf, in dem sich auch Hassprediger versammeln.

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Nach dem Anschlag in Halle mehren sich die Warnungen vor der zunehmenden Hetze im Internet und die Forderungen, stärker dagegen vorzugehen. Renato Gigliotti, Sprecher des baden-württembergischen Innenministeriums, sieht in der „Verrohung des Tonfalls“ im Netz eine Ursache für die Zunahme antisemitischer Vorfälle im Südwesten. Delikte wie Volksverhetzung im Netz machten einen großen Teil der registrierten antisemitischen Straftaten aus, so Gigliotti.