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Schuss ins eigene Bein: Brexit-Gegner zeigen vor dem Parlament in Westminster, was sie vom EU-Austritt erwarten. | Foto: Yui Mok/PA Wire

Ringen um den Brexit

Der britische Albtraum

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Es ist eine Entscheidung, die Millionen von Europäern berührt: Bleiben die Briten in der EU oder gehen sie?

Der damalige Premier David Cameron hatte 2013 alles angestoßen, als er die Idee verkündete, die Briten über den Verbleib in der Europäischen Union abstimmen zu lassen. Womit er wohl nicht gerechnet hatte: Die Bürger entschieden sich beim Referendum im Juni 2016, die Gemeinschaft zu verlassen. Seither ringt Großbritannien mit dieser Entscheidung, geraten Brexit-Gegner und -Befürworter aneinander, ob im Parlament oder auf der Straße. Kurz nach der entscheidenden Abstimmung im Unterhaus dürfte zumindest eines klar sein: Egal ist der Brexit so ziemlich niemandem.

Geburt des Kindes verschoben

Einer britischen Abgeordneten ist die Abstimmung über das Brexit-Abkommen im britischen Unterhaus sogar so wichtig, dass sie die Geburt ihres Kindes verschiebt: Eigentlich sollte die EU-freundliche Tulip Siddig am Dienstag ihren Sohn per Kaiserschnitt zur Welt bringen. Nach britischen Medienberichten stimmten die Mediziner aber einer Verschiebung des Eingriffs um zwei Tage zu. Sie wolle die Chance nutzen und „für eine stärkere Beziehung zwischen Großbritannien und Europa“ kämpfen, zitierte der „Evening Standard“ die 36-Jährige, die ihren Wahlkreis im Nordwesten Londons hat. Unklar war zunächst, auf welche Weise sie abstimmen sollte: im Rollstuhl im Parlament oder vom Krankenhaus aus. Die Abgeordnete, die schon eine Tochter hat, setzt sich für ein zweites Brexit-Referendum ein.

Chartbreaker kurz vor Parlamentswahl

Andere hat die Brexit-Debatte dazu inspiriert, ein Lied zu schreiben: „Liar, Liar GE2017“ von der britischen Band „Captain Ska“ eroberte im Juni 2017 die Charts – nur wenige Tage vor der Parlamentswahl in Großbritannien. In dem Reggae-Song beschimpfen die Musiker Premierministerin Theresa May als Lügnerin. Widersprüchliche Aussagen werden in einem Clip aufgespießt. Dazu singt ein Chor: „She’s a liar, liar, oh, she’s a liar. No you can’t trust her, no, no, no“ („Sie ist eine Lügnerin, Lügnerin, oh, sie ist eine Lügnerin, du kannst ihr nicht trauen, nein, nein, nein“). In einem YouTube-Clip zu dem Lied wird May händchenhaltend mit US-Präsident Donald Trump gezeigt, das Video landete binnen kürzester Zeit an der Spitze der britischen Amazon-Single-Charts.

Populäre Brexit-Parodie

Nicht minder populär im Netz war zeitweilig die beißende und herrlich witzige Brexit-Parodie des britischen Schauspielers Andy Serkis. Der 54-jährige Londoner erscheint im Video mit dem Titel „Durchgesickert: Aufnahmen aus der Downing Street 10“ in seiner einstigen Starrolle als Gollum aus dem Filmepos „Herr der Ringe“ und spielt die berühmte „mein Schatz“-Szene nach. Allerdings ist Serkis darin wie Theresa May gekleidet und trägt eine Perücke in ihrer Haarfarbe.

„Wir holen uns die Kontrolle zurück – Geld, Grenzen, Gesetze, blaue Pässe“, sagt aufgeregt Serkis als May/Gollum im Clip – nur um gleich darauf sich selbst zu widersprechen: „Nein, das tut den Menschen weh und macht sie ärmer!“ Serkis teilte sein Video auf Twitter mit den Worten: „Wir stecken im furchtbaren Chaos, mein Schatz … und es gibt nur einen Weg nach vorne. Wir wollen ihn. Wir brauchen ihn!“

Computerspiel oder Zukunftsvision?

Die für viele Briten schaurige Perspektive, die EU verlassen zu müssen, treibt manche kreativen Köpfe zu Höchstleistungen. In gleich mehreren Computerspielen können die Nutzer eine apokalyptisch anmutende Vision eines zusammenbrechenden Landes durchspielen, das in Anarchie versinkt. In einem von ihnen werden in Großbritannien lebende Europäer zum Leben in gettoartigen „Umsiedlungsblocks“ gezwungen und dort unter der Androhung der Abschiebung zur Annahme von unpopulären Jobs (zum Beispiel als Türsteher) genötigt. Ein anderes neues Computerspiel zeigt ein alptraumhaftes, vom Krieg verwüstetes England, dessen Bewohner halluzinogene Drogen nehmen, um die grausame Realität um sich herum zu vergessen. Wer gegen sein elendes Leben protestiert, wird ausgegrenzt und offen angefeindet.

Jean-Claude Juncker
Jean-Claude Juncker. | Foto: Olivier Matthys/AP

Juncker findet klare Wort

Weniger schaurig, aber nicht minder drastisch beschrieb EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker das Szenario nach einem Brexit. Auf die Frage hin, ob er befürchte, dass andere EU-Staaten nach dem Vorbild Großbritanniens aus der Europäischen Union austreten würden, sagte Juncker im Mai 2017: „Nein. Denn sie werden bei der Autopsie (der ,Leiche Großbritannien‘) sehen, dass es sich nicht lohnt.“