Botschaft Ecuadors
Jahrelang von der britischen Polizei bewacht lebte Julian Assange im Gebäude der Botschaft Ecuadors im feinen Londoner Stadtteil Knightsbridge. | Foto: John Stillwell/PA Wire

Julian Assange in Haft

Der Einsiedler sendet nicht mehr

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Nach knapp sieben Jahren Einsiedlerleben hat Julian Assange endlich die Londoner Botschaft von Ecuador verlassen – allerdings nicht so, wie er es sich immer vorgestellt hat. Tagelang hatte der Scotland Yard die potenziell brisante Operation zur Beendigung eines selbst gewählten Hausarrests in dem von rot-weißen Villen gesäumten Edel-Stadtteil Knightsbridge vorbereitet. Es galt, Gewaltszenen bei einem möglichen Auflauf von Sympathisanten des prominenten australischen Whistleblowers zu vermeiden. Kurz vor 11 Uhr am Donnerstag schlug dann die Londoner Polizei zu.

„Großbritannien muss sich wehren“

Auf einer Videoaufnahme ist zu sehen, wie der von sechs Männern umringte Bartträger mit ungepflegt wirkendem grauem Haar aus dem Haus Nummer 3 im Hans Crescent mühsam hinausgeschoben wird. Assange ist blass, seine Hände scheinen in Handschellen zu stecken, sie halten ein Buch mit dem Titel „Geschichte des Nationalen Sicherheitsstaates“. Immer wieder ruft der Festgenommene den Passanten diesen Satz zu: „Sie müssen sich wehren. Sie können sich wehren. Großbritannien muss sich wehren“.

Der Aufruf wird schnell verhallen. Im Rekordtempo befindet ein Gericht den Wikileaks-Mitbegründer noch am Donnerstag für schuldig, 2012 gegen seine Kautionsauflagen verstoßen zu haben. Assange muss damit rechnen, aus seiner improvisierten Behausung in der beengten diplomatischen Vertretung demnächst für bis zu zwölf Monate in eine karge Gefängniszelle umzuziehen. Immerhin hätte der 47-Jährige dann wieder Zugang zu Sonnenlicht und frischer Luft, die er jahrelang so sehr vermisst hat.

Durch die Veröffentlichung von US-Dokumenten aus dem Krieg im Irak war der einst „gefährlichste Mann der Welt“ (Daily Telegraph) 2010 international bekannt geworden. Vier Jahre zuvor hatte Assange gemeinsam mit anderen Aktivisten seine neue Enthüllungsplattform Wikileaks auf einen Kreuzzug gegen globale Zensur, Vertuschung und Menschenrechtsverletzungen geschickt. Dabei war der talentierte Hacker jedoch in der Whistleblower-Szene umstritten – wegen seines autoritären Führungsstils und weil er im Verdacht stand, zwei Frauen in Schweden vergewaltigt und sexuell belästigt zu haben.

Assange hatte sich 2010 der Polizei in London gestellt, nachdem ein Gericht in Stockholm ihn auf die „rote Interpol-Liste“ setzte. Nachdem das britische Oberste Gericht ihn im Mai 2012 auf Kaution freiließ, floh der Australier in die Botschaft Ecuadors und beantragte in dem südamerikanischen Land Asyl.

Sieben Jahre lang bestand die kleine Welt des globalen Internet-Enthüllers aus einem Raum mit Kamin-Attrappe, Mini-Küche, einem Tisch mit Ledersesseln und einem Bücherregal. Wie es hieß, schlief Assange auf einer einfachen Matratze direkt auf dem Laminat-Fußboden. Die Wände seines Zimmers hatte er mit farbigen Merkzetteln beklebt. In einer Ecke stand ein Laufband, das der Flüchtling von einem Filmregisseur geschenkt bekommen hat. Er legte darauf täglich vier bis acht Kilometer zurück.

„Ich lebe hier wie in einem Raumschiff“

In einem BBC-Interview verriet Assange, dass er zudem mit einem Ex-Militär Übungen macht, um in Form zu bleiben. Aus Platzmangel musste er im Badezimmer trainieren. Um den Mangel an Sonnenlicht zu kompensieren, bestrahlte der Flüchtling sein Zimmer mit UV- und Tageslicht. Er arbeitete nach eigenen Worten 17 Stunden täglich: Enthüllungen im Netz, Treffen mit Anwälten, Interviews, Gespräche mit Quellen und Unterstützern in aller Welt. Laut seinen Freunden, litt Assange dennoch an Einsamkeit. „Ich lebe hier wie in einem Raumschiff“, klagte er vor Journalisten.

Alles andere als glücklich war über den Einsiedler auch die britische Regierung. Bis zu drei Polizisten behielten die Wohnung 3b im Hans Crescent angeblich im Blick: zwei auf der Straße und einer im Treppenhaus – um zu verhindern, dass der Wikileaks-Chef per Hubschrauber vom Dach der Botschaft davonfliegt. Diese Bewachung soll die Steuerzahler alleine in den ersten drei Jahren zehn Millionen Pfund gekostet haben.

Während die Anklage gegen Assange in Schweden 2017 fallengelassen wurde, ist die US-Justiz weiter hinter dem Enthüller her. Sie wirft Assange eine Verschwörung mit der Whistleblowerin Chelsea (früher Bradley) Manning vor. Diese hatte die von Wikileaks veröffentlichten Regierungsdokumente beschafft, die unter anderem Menschenrechtsverletzungen der US-Armee dokumentieren. In den USA wird Assange beschuldigt, Manning geholfen zu haben, ein Passwort eines Computernetzwerks der Regierung zu knacken. Eine Gerichtsanhörung zu dem Auslieferungsantrag soll es in London am 2. Mai geben. Wie hoch die Strafe ist, die Assange nun in den USA droht, bleibt offen.