Satelliten könnten bei militärischen Konflikten dazu genutzt werden, feindliche Satelliten zu zerstören oder Ziele auf der Erde anzugreifen. Symbolbild: imago

Donald Trumps Weltraumarmee

Der neue „Krieg der Sterne“

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Man weiß nicht viel über das Objekt „Kosmos 2519/2521“. Als gesichert gilt aber, dass sich der Metallwürfel mit Kameras, Sensoren und Steuertriebwerken Anfang 2018 in der Erdumlaufbahn sehr merkwürdig verhielt. Westliche Quellen dokumentieren, wie sich der russische Satellit in 650 Kilometer Höhe einem anderen russischen Flugkörper wiederholt näherte und sich entfernte. Hat die Atommacht eine „Killer“-Technologie getestet, die es ihr erlauben könnte, feindliche Satelliten zu vernichten?

Das zumindest ist der Verdacht des US-Außenministeriums, das bei den Vereinten Nationen (UN) im August 2018 seine „ernsthafte Besorgnis über die russische Entwicklung von Anti-Satelliten-Waffen“ zum Ausdruck gebracht hat. Unabhängig davon, ob sie wirklich begründet ist oder nicht, treibt Präsident Donald Trump seit etwa einem Jahr die geplante neue Verteidigungslinie seines Landes im Weltall voran.

Es muss eine amerikanische Dominanz im All geben

Im März 2018 hatte Trump erstmals die Gründung einer „Space Force“ vorgeschlagen, einer eigenständigen Streitkraft, die US-Interessen außerhalb unseres Planeten notfalls mit Waffengewalt durchsetzen soll. „Wenn es darum geht, Amerika zu verteidigen, reicht es nicht, nur eine amerikanische Präsenz im All zu haben. Es muss eine amerikanische Dominanz im All geben“, sagte der Präsident später. Das Pentagon geht davon aus, ihren Aufbau bis zum Jahr 2020 beginnen zu können. Um das Verteidigungsministerium mit den notwendigen Vollmachten und Ressourcen auszustatten, wies Trump den amtierenden Verteidigungsminister Patrick Shanahan an, eine konkrete Gesetzesvorlage für den Kongress auszuarbeiten.

Sie scheint ein neues Lieblingsprojekt Trumps zu werden, die noch nicht näher definierte Hightech-Weltraumarmee, die der US-Präsident mit den Worten ankündigte: „Ich bin begeistert, dieses Dekret zu unterzeichnen. Meine Administration sieht das Weltall als einen Bereich der Kriegsführung.“ Genau dies bestärkt jedoch die Sorgen anderer Regierungen und zahlreicher Sicherheitsexperten, die vor der Gefahr eines noch nie da gewesenen Rüstungswettlaufs im Erdorbit warnen.

Ausfälle von Satelliten hätten katastrophale Folgen

Neben der Raumstation ISS umkreisen derzeit knapp 2 000 Satelliten aus etwa 60 Ländern die Erde, mehr als die Hälfte gehören Russland und den USA. Ohne die vielen nützlichen Helfer im All würde heute kein Katastrophenschutz funktionieren, gäbe es keine Atmosphärenforschung und Erdbeobachtung, keine moderne Navigation und Flugsteuerung, verlässliche Wettervorhersagen oder auch Live-Übertragungen von Fußballspielen. Die meisten Fachleute sind sich sicher, dass größere Ausfälle von Satellitennetzwerken zu katastrophalen Folgen auf der Erde führen würden.

Und auch darüber besteht Einigkeit: Abgesehen von den modernen Nanosatelliten bieten sich die allermeisten der künstlichen Himmelskörper durch ihre großen Ausmaße, die Manövrierunfähigkeit und den fehlenden Schutz als relativ leichte Angriffsziele bei Kampfhandlungen an. So könnten die Satelliten einfach gerammt, abgeschossen, durch Laser geblendet oder auf ihrer Flugbahn destabilisiert werden.

Der nächste Krieg wird im Weltraum stattfinden

Eine andere Möglichkeit ist es, deren Funksignale zur Erde zu stören oder deren sensible Elektronik mit Mikrowellen oder einem elektromagnetischen Impuls (EMP) infolge einer Atomexplosion im All irreparabel zu beschädigen. „Der nächste Krieg wird im All stattfinden. Es wird dabei vor allem um Systeme gehen, die die militärischen Kapazitäten des Gegners ausschalten“, sagt im Gespräch mit den BNN der Techniksoziologe Johannes Werner von der TU Dortmund.

Etwas differenzierter sieht das der Politikforscher Arne Sönnichsen von der Universität Duisburg-Essen. „Moderne Weltraumtechnologien weiten die Möglichkeiten der Staaten enorm aus, und es besteht immer die Möglichkeit, sie für militärische Zwecke zu benutzen“, sagt der Experte. Zwar sieht Sönnichsen keine Gefahr eines futuristischen „Kriegs der Sterne“, er warnt aber: „Ein Strohfeuer bei einer Konfrontation von Großmächten etwa im südchinesischen Meer könnten in Zukunft sehr schnell auch zu Konflikten im All führen.“

Es ist völkerrechtlich nicht verboten, den Weltraum militärisch zu nutzen, konventionelle Waffen in den Orbit zu bringen oder auch Atomwaffen zum Abfangen von Raketen zu detonieren. Der von USA, Russland und anderen Staaten unterzeichnete Weltraumvertrag von 1967 untersagt lediglich die Stationierung von Massenvernichtungswaffen in der Umlaufbahn. Himmelskörper wie der Mond sind generell für Waffentests, Übungen oder den Aufbau von Stützpunkten tabu. Die von den Atommächten durchgesetzten Unschärfen des Vertrags haben es ihnen ermöglicht, seit dem Beginn des Weltraumzeitalters 1961 ihre kosmischen Rüstungsprogramme voranzutreiben, um den technologischen Wettlauf des Kalten Krieg gewinnen zu können.

So experimentierte die Sowjetunion früh mit Lasern und Minen im All, während die USA lange vor Ronald Reagan damit begannen, Anti-Satelliten-Waffen zu erforschen. Reagans berühmtes Raketenabwehrprojekt SDI (strategic defence initiative, bekannt auch unter dem Namen „Star Wars“) bildete in den 1980er Jahren den Höhepunkt dieses Wettrennens, das viele Milliarden Dollar auf beiden Seiten verschlang und am Ende den beiden Mächten doch nur vor Augen führte, wie leicht der jeweilige Gegner die im All gezogenen Frontlinien überwinden könnte. Dennoch wurden entsprechende Programme auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von Moskau und Washington vorangetrieben.

Russlands Militär nutzt 156 Satelliten

Während Trumps Pläne einer künftigen „Space Force“ für Schlagzeilen sorgen, wird oft übersehen, dass Russland bereits vor 18 Jahren eigene Weltraum-Streitkräfte gegründet hat. Zu ihren Aufgaben zählen offiziell die „Bekämpfung von ballistischen Raketen des Gegners“ und die nicht näher definierte „Kontrolle des Weltraums“. Sie kontrollieren heute rund 70 Prozent der russischen Satelliten, darunter 156 teilweise oder ganz militärisch genutzten Flugkörper.

Glaubt man manchen Militärquellen, testete Moskau im vergangenen Herbst den Prototyp der neuen Anti-Satelliten-Rakete „Nudol“, die bis zu 1 500 Kilometer entfernte Ziele mit bis zu zehnfacher Schallgeschwindigkeit treffen soll. Es sollen ferner Laserkanonen erforscht werden sowie sehr bewegliche Satelliten, die andere Satelliten angreifen könnten – siehe „Kosmos 2519/2521“. Allerdings bleibt unklar, wie viele solcher Waffensysteme real existieren – und wie viele eher ein Bluff sind.

Ein neues SDI-Programm eher unwahrscheinlich

Ähnlich dürfte es auch mit den angeblichen Waffenkapazitäten der USA im All aussehen. So hält etwa der Duisburger Wissenschaftler Sönnichsen eine Weiterentwicklung von Reagans SDI-Projekt im großen Stil für unwahrscheinlich, weil es sich als ineffizient erwiesen habe. Trumps Traum von einer Weltraumarmee habe auch eine klare politische Dimension, glaubt der Forscher: „US-Präsidenten setzen gerne ambitionierte Programme auf, um in die Geschichtsbücher einzugehen. Und dieses Projekt ist für Trump jetzt attraktiv, weil es recht schnell umgesetzt werden kann.“

Sönnichsen ist skeptisch, ob die internationale Gemeinschaft den modernen Rüstungswettlauf im All aufhalten kann. „Es wäre gut, wenn die Vereinten Nationen eine aktivere Rolle spielen würden – aber das ist schwierig, solange alle beteiligten Staaten nach diesen Kapazitäten streben.“ Es sei schon ein Problem, sich auf die Definition einer Weltraumwaffe zu einigen. „In dem Moment, wenn ich einen Satelliten gegen einen anderen einsetze, wird er automatisch zur Waffe. Aber man kann deswegen schließlich nicht alle Satelliten verbieten.“