Seit 20 Jahren der starke Mann im Kreml: Wladimir Putin wird von vielen Russen geliebt, er ist aber auch umstritten. Foto: AFP

Putin: 20 Jahre an der Macht

Der unbeugsame Kämpfer im Kreml

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Der 31. Dezember 1999 war mit minus drei Grad ein ungewöhnlich milder Wintertag in Moskau. Wie viele Russen waren wir mit den Vorbereitungen zur Millenniumsfeier beschäftigt. Zufällig schaltete ich mittags den Fernseher an und traute meinen Augen nicht, als ich Boris Jelzin viel zu früh – zwölf Stunden vor der traditionellen Silvesteransprache des Präsidenten im Kreml – vor einem geschmückten Tannenbaum sitzen sah.

Mit schwerer Zunge sagte Jelzin: „Liebe Freunde, am letzten Tag dieses Jahrhunderts trete ich zurück.“
Wenige Minuten später saß ich an meinem Schreibtisch und stellte als Korrespondent Vermutungen an, wie es wohl weitergehen würde. Die Party-Vorbereitungen mussten warten. Am Abend feierten und tanzten wir trotzdem auf dem Roten Platz. Es war eine fröhliche Nacht, und dennoch fragten sich alle: Wer ist dieser zurückhaltende, unscheinbare Mann, den Jelzin zu seinem Nachfolger auserkoren hatte? Selbst für seine Landsleute war Wladimir Putin zu jenem Zeitpunkt das, was die Russen „tjomnaja loschadka“ nennen. Ein „dunkles Pferd“ also, ein Niemand.

Es ist jetzt 20 Jahre her, seit dieser Niemand die Machtspitze im größten Flächenstaat der Welt erklommen hat. Am 9. August 1999 beförderte Jelzin den damals noch unbekannten Vorsitzenden des russischen Geheimdienstes FSB, Wladimir Putin, zum Regierungschef und damit faktisch zu seinem Nachfolger. Denn kaum fünf Monate später war Putin selbst Präsident und Oberbefehlshaber der Atommacht. Seitdem lenkt der starke Mann in Moskau ununterbrochen die Geschicke Russlands, und er wird noch mindestens bis 2024 ein bedeutender Faktor der Weltpolitik bleiben.

Als Präsident tauchte Putin schon in U-Booten ab, fuhr einen Panzer und flog in einem Bomber mit. Foto: AFP

Putins Präsidentschaft polarisiert heute die Russen. Ich kenne Familien, in denen die Innenpolitik am Esstisch tabu ist, weil sich sonst die Jüngeren mit den Alten nur noch streiten würden. Seit Russlands Präsident 2014 völkerrechtswidrig die ukrainische Halbinsel Krim annektieren ließ, meide ich selbst das Streitthema Ukraine in den Gesprächen mit meinem Vater in Moskau, der jegliche Zweifel am Staatschef als unpatriotisch empfindet. Die Kluft zwischen den treuen Anhängern und scharfen Kritikern des Kremlchefs ist zurzeit unüberwindbar.

Dennoch muss man festhalten: Die meisten Russen stehen hinter seiner Politik, die dem Land relative Stabilität, bescheidenen Wohlstand und – für die ältere Generation besonders wichtig – den in den 90ern fast vergessenen Nationalstolz zurückgegeben hat. Nach Ansicht mancher Historiker hat der 66-Jährige das kriselnde Russland vor dem Niedergang gerettet und so stark geprägt wie kein anderer Herrscher vor ihm seit Peter dem Großen. Doch so wie Putin selbst ein Emporkömmling des totalitären Systems ist, hat er auch das System modernisiert und effizienter gemacht, ohne dabei sein Wesen maßgeblich zu verändern.

Knapp drei Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion bleibt Russland ein zentralistischer und autoritär regierter Staat mit einer abhängigen Justiz, gelenkten Medien und großen demokratischen Defiziten.
Putins Griff nach der Macht vor 20 Jahren war das Ergebnis geheimer Absprachen mit dem damals unter heftigen Korruptionsvorwürfen stehenden Präsidenten Jelzin, der von seinem Nachfolger eine Garantie der Straffreiheit bekam. Doch die Stellung des neuen Hausherrn im Kreml war keineswegs so sicher wie heute.

Putin präsentiert sich gerne als ein volksnaher Präsident, der Freude am Jagen und Fischen hat. Foto: AFP

Putin hatte nur eine begrenzte Zeit, um sich gegen die teils kriminellen Superreichen durchzusetzen, die das Land offen mitregiert haben. Mithilfe der Sicherheitsdienste legte der Neue die sogenannten Oligarchen an die kurze Leine und ging mit großer Härte gegen diejenigen vor, die sich nicht an die neuen Spielregeln hielten.

Putin hatte als junger Mann gelernt, ein Kämpfer zu sein: ein Schwarzgürtel-Judoka, der keinem Konflikt aus dem Weg ging, später ein Mitglied des gefürchteten Geheimdienstes KGB, der die Feinde des Sowjetstaates das Fürchten lehrte. Ende der 80er arbeitete er als Spion in der DDR. Aus jener Zeit kommt sein gutes Verständnis der deutschen Mentalität. Aber auch seine Furcht vor dem Chaos. Putin musste 1989 in Dresden zusehen, wie infolge der Proteste vor dem Mauerfall eine aufgebrachte Menge das Gebäude mit seinem Büro zu stürmen versuchte. Der alarmierte Agent fragte nach Anweisungen und erhielt die Antwort: „Es gibt keine. Moskau schweigt“.

Das sollte Putin nicht erneut passieren. Als Präsident tat er alles, um eine Situation auszuschließen, in der die Staatsmacht durch Instabilität und äußere Einwirkung gelähmt werden könnte. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden, niemals durfte in Moskau ein Machtvakuum entstehen. Dafür baute Jelzins Nachfolger Anfang der Nullerjahre eine „Machtvertikale“ ohne echte Opposition auf und sicherte sich die Sympathien der Russen mit einem stetigen Wirtschaftswachstum, das sich bis heute größtenteils aus dem Verkauf von Russlands reichen Bodenschätzen speist.

Als politischer Gegner gefürchtet: Wladimir Putin greift auch mal hart durch und scheut nicht vor Kraftausdrücken vor laufender Kamera. Foto: dpa

Außenpolitisch wandelte er sich vom Partner zum Gegenspieler des Westens, nachdem er feststellte, dass die EU und USA nicht bereit waren, die sicherheitspolitischen Interessen der Atommacht zu respektieren. Sein Anschlag auf die Souveränität der Ukraine trieb Russland später in die Isolation.

Putins längerfristige Perspektiven sind unklar. Viele glauben, dass der Präsident niemals zurücktreten wird. Doch es könnte genauso gut sein, dass Putin nach dem Ende seiner letzten Amtszeit in fünf Jahren eine Marionette an der Macht installiert, um im Hintergrund zu regieren.

Der BNN-Redakteur Alexei Makartsev hat als Korrespondent dieser Zeitung in Moskau (1999 bis 2006) den Aufstieg Wladimir Putins an die Spitze der Macht beobachtet. In diesem Stück erinnert er sich an das Ende der Ära von Boris Jelzin und die großen Umwälzungen in Russland, die der Neue im Kreml gegen viele Widerstände anstieß.