Boris Johnson, neu gewählter Chef der Konservativen Partei, zeigt bei seiner Ankunft am Hauptsitz der Konservativen Partei zwei Daumen nach oben. Er hat das Rennen um die Nachfolge von Premierministerin May für sich entschieden. Foto: dpa

Kommentar

Der unmögliche Job von Boris Johnson

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Warum um Himmels willen sollte jemand diesen unmöglichen Job haben wollen? Vorsitzender einer vielfach leidgeprüften und innerlich zerrissenen Partei sein, die keine Regierungsmehrheit hat in einem nicht länger beschlussfähigen Parlament eines gespaltenen Landes, welches nach dem nicht vollends geregelten Austritt aus der EU in weniger als 100 Tagen ins erwartbare Chaos stürzen könnte? Warum also? Weil es Boris ist.

In seiner Heimat muss niemand seinen Nachnamen erwähnen. Schließlich geht es um den Politiker, dessen lockere Sprüche und wortgewaltige Zeitungskolumnen Großbritannien seit Jahren unterhalten haben. Boris Johnson, der schon als Kind „König der Welt“ werden wollte, hat im Finale der Tory-Meisterschaft um Parteivorsitz und Hausherrenrecht in der Downing Street 10 cool und clever gespielt. Der Mann, der sich alles zutraut und dessen Ego – ganz anders als sein Feingefühl – riesengroß ist, hat gewonnen und wird nun liefern müssen.

Es wird spannend. Denn Johnson muss aus dem Stand durchstarten. Er hat sehr wenig Zeit, bis seine Gegner in der eigenen Partei und der Opposition beginnen werden, die Messer zu wetzen. Seine erste Aufgabe wird sein, den Abgrund des Misstrauens zu überwinden, der sich zwischen der gescheiterten Premierministerin May und dem blamierten Westminster-Parlament aufgetan hat.

Labour wird auf den ersten Fehler des konservativen Anführers warten und mit einem Misstrauensantrag um die Ecke kommen, wenn die Chancen gut stehen. Es ist nicht gesagt, dass sich dann die Tories um ihren Anführer scharren, der das Parteiwohl in Vergangenheit oft hinter seine Interessen gestellt hat. Dabei ist den Konservativen bewusst, wie schwach die Legitimation des neuen Premiers ist.

Der Zorn der 99,8 Prozent könnte die Tories vernichten

Nur 0,2 Prozent der Bevölkerung haben Johnson zum höchsten Amt im Land verholfen. Stürzt er das Königreich in Unglück und Chaos, könnte der Zorn der verbleibenden 99,8 Prozent die Konservativen bei der nächsten Wahl vernichten. Das Stehaufmännchen Johnson wird wohl jeden Sturz überleben. Seine Partei könnte sich aber mit dieser riskanten Personalentscheidung die Machtchancen für ein ganzes Jahrzehnt verbauen.

Doch selbst wenn das Unterhaus und die Partei mitziehen, steht dem Neuen in der Downing Street ein extrem schwieriges Kräftemessen mit der EU bevor. Sein Versprechen, den Austrittsvertrag neu verhandeln zu können, ist nicht haltbar. Sein Plan, den Brexit notfalls ohne Abkommen durchzusetzen, dürfte aber keine Mehrheit daheim finden.

In Brüssel hofft man darauf, dass sich der Wendehals Johnson von seiner pragmatischen Seite zeigen wird, wenn er keine andere Wahl hat. Es lohnt aber zu erinnern, dass man schon einmal von einem Politiker mit einem Riesen-Ego Pragmatismus in Angesicht von scheinbar unüberwindbaren Hindernissen erwartet hat. Donald Trump hat jedoch alle eines Besseren belehrt.