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Fluglotsen im Krisenmodus

Deutsche Flugsicherung in Karlsruhe: "Das ist eine völlig unnatürliche Situation"

In der letzten Märzwoche 2019 waren an deutschen Flughäfen 4,06 Millionen Passagiere abgefertigt worden. Im gleichen Zeitraum dieses Jahres waren es nur rund 206.000. Der Grund: Corona. Besondere Umständen für die etwa 2.200 Lotsen der Deutschen Flugsicherung in Karlsruhe.

Die Fluglotsen arbeiten in Zweierteams, wie auf dieser Aufnahme aus Vor-Corona-Zeiten, halten jetzt aber mehr Abstand zueinander, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren. Die DFS in Karlsruhe ist zuständig für den oberen Luftraum. Foto: DFS Foto: None

Es ist gerade sehr still im Himmel. Am Dienstagnachmittag sind auf der Live-Karte der Webseite Flightradar24.com in ganz Süddeutschland lediglich 19 Flugobjekte zu sehen. Ein einsamer Hubschrauber der Deutschen Luftrettung startet vom Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden, ansonsten dürfte fast der gesamte Luftraum im Verbreitungsgebiet der BNN exklusiv den Vögeln gehören.

„Es ist völlig unfassbar“, sagt Boris Pfetzing von der Deutschen Flugsicherung (DFS) in Karlsruhe. „Normalerweise ist für uns ein Rückgang im Luftverkehr von drei Prozent schon heftig. Wir erleben aber gerade einen Einbruch von 90 Prozent.“

Ein Riesen-Minus im Luftverkehr

Die Antikrisenmaßnahmen in der Corona-Pandemie machen zurzeit der internationalen Mobilität einen dicken Strich durch die Rechnung – das ist besonders in Deutschland sichtbar, dem Land mit dem sonst dichtesten Flugaufkommen europaweit. In der letzten Märzwoche 2019 waren an allen deutschen Flughäfen 4,06 Millionen Passagiere abgefertigt worden. Im gleichen Zeitraum dieses Jahres waren es nur rund 206.000. Bei den Frachttransporten gibt es ein Minus von 20 Prozent.

Unter diesen außergewöhnlichen Umständen drehen die etwa 2.200 Lotsen der bundeseigenen DFS nicht etwa die Däumchen, sondern sie haben sich anders organisiert und sorgen als ein Teil der sogenannten „kritischen Infrastruktur“ in Deutschland dafür, dass der Verkehr weiterhin reibungslos funktioniert.

DFS hat sich auf die Pandemie vorbereitet

Die DFS überwacht an ihrem Standort in der Karlsruher Waldstadt zwei Drittel des oberen Luftraums über Deutschland (höher als 7.500 Meter). „Wir haben uns schon länger auf eine Pandemie vorbereitet“, erzählt Boris Pfetzing. „Nicht exakt auf Corona, aber eine Pandemie, die umfassende Maßnahmen notwendig macht.“

Nach den ersten Fällen von Covid-19 in Deutschland sei das Team der Flugsicherung in Gruppen aufgeteilt worden, sagt der Pressesprecher. Diese Gruppen sollen einander nicht begegnen, um das Ansteckungsrisiko zu reduzieren. Weil das Sicherheitsprinzip „vier Augen und vier Ohren“ weiter gelte, seien jetzt Zweierteams im Einsatz, die an ihren Doppel-Arbeitsplätzen möglichst einen Abstand von 1,5 Metern einhalten sollen. „Bei jeder Ablösung setzt sich das neue Zweierteam an einen leeren Arbeitsplatz, und der Flugverkehr wird dann darauf geschaltet.“

Notfallszenario mit Gasmasken

Nach DFS-Angaben gab es im gesamten Unternehmen bis Anfang April zehn nachgewiesene Corona-Fälle, vier Mitarbeiter seien wieder gesund. Man achte jetzt noch mehr auf Hygiene und Desinfektion, erzählt Pfetzing. Sein Center sei zudem auf Notsituationen eingestellt: „Die Lotsen könnten beispielsweise in einem komplett virenverseuchten Kontrollraum arbeiten, indem sie ihre Gasschutzmasken aufsetzen. Zudem haben wir uns auf ein Szenario vorbereitet, wonach die Flugsicherung geschlossen werden muss und extern versorgt wird, weil die Mitarbeiter das Gebäude mehrere Tage lang nicht verlassen können.“

Ein Flugzeug startet bei Sonnenuntergang von einem Flughafen. Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/ZB/Symbolbild

Laut Pfetzing setzt die DFS in Karlsruhe derzeit wegen des verminderten Flugverkehrs nur ein Sechstel ihrer Belegschaft ein. „Wir haben den Luftraum in kleinere Teile gegliedert und sie neu zusammengelegt, sodass die Kollegen jetzt mit einer Konfiguration arbeiten, die normalerweise nachts gilt“, erzählt der Sprecher und stellt dabei klar: „Den Lotsen wird es nicht langweilig, aber es fällt auch keine übermäßige Arbeit an.“

Fluglotsen können "Minusstunden" ansammeln

Ein Teil des Personals sei im Homeoffice oder in Urlaub. Um Kurzarbeit oder gar Entlassungen zu vermeiden, habe sich die DFS einen eigenen „Corona-Tarifvertrag“ verpasst: Jeder Mitarbeiter könne in der Zwangspause bis 300 „Minusstunden“ ansammeln, die man später über einen längeren Zeitraum wieder abarbeiten könne. „Sollte das nicht ausreichen und die Krise sich hinziehen, müssten wir Laptops ausgeben und die Aufgaben neu verteilen, damit jeder daheim etwas zu tun hat“, erklärt Pfetzing.

Das BNN-Dossier zum Coronavirus :

Ein Problem der DFS ist, dass die Lotsen ihre Professionalität durch Übung oder Arbeitsstunden regelmäßig nachweisen müssen. Das ist ein Grund, warum jetzt manche Mitarbeiter neben dem Fensterputzen zu Hause noch die Theorie pauken und Arbeitsunterlagen sichten.

Ausbildung wie in normalen Zeiten nicht möglich

Schwieriger ist es bei den Azubis, die nicht wie in den normalen Zeiten ausgebildet werden können, weil am Himmel zu wenig los ist. Die Flugsicherung führt deswegen nach eigenen Angaben Gespräche mit der zuständigen Bundesbehörde, ob der Nachwuchs ausnahmsweise einen Teil der Erfahrung im Simulator sammeln könnte.

Wer fliegt jetzt überhaupt noch über den Südwesten Deutschlands? Laut der DFS sind das vor allem Fracht- und Militärmaschinen. Es gebe noch Rückführungs- und Notfall-Flüge, zudem halten die Airlines den Flugbetrieb aufrecht durch einige wohl völlig unrentable Verbindungen, die mit fast leeren Fliegern bedient werden.

"Das ist eine unheimliche Situation"

In den Augen von Boris Pfetzing stellt der gewaltige Einbruch des Luftverkehrs durch Corona die Auswirkungen der Finanzkrise 2008 und der Terroranschläge des 11. September 2001 locker in den Schatten. „Ich erinnere mich nur an ein Ereignis, das noch größere Konsequenzen hatte – den Stillstand nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull 2010“, sagt der Karlsruher Experte. „Das ist eine vollkommen unnatürliche Situation, die wir bei der Flugsicherung als unheimlich und bedrohlich empfinden.“

Er sagt eine langsame Erholung der Luftfahrt ab Juni voraus – in kleinen Schritten, auf 70 bis 80 Prozent des Vorkrisenniveaus bis zum Jahresende. Das ist ein Szenario für den günstigsten Fall. Insgesamt würde es aber wohl noch Jahre dauern, bis der Himmel wieder voll werde, glaubt Pfetzing. Er rechnet damit, dass seinem bislang profitablen Unternehmen durch die Corona-Pandemie 2020 Einnahmen von 500 Millionen Euro entgehen könnten.

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