„Leben, nicht nur überleben“: Unter diesem Motto wollen Katja Baumann und Pascal Völlinger eine Protestdemo der „Gelbwesten“ in Karlsruhe anführen. Foto: Makartsev

„Gelbwesten“ in Karlsruhe

Die Rebellion der „Graswurzeln“

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Pascal Völlinger hat im sozialen Netz früher gerne Musikvideos und Bilder von bayerischen Bierflaschen gepostet. Neuerdings sind auf der Facebook-Seite des 30-Jährigen aus Durmersheim fast nur noch Aufnahmen von Menschen in gelben Warnwesten zu seien. In Maastricht, auf der Europa-Brücke in Kehl… An diesem Samstag ist es soweit: Völlinger wird die seit mehreren Wochen im Internet beworbene Protest-Premiere der „Gelbwesten“ in Karlsruhe anführen. Der Einladung zu der Demonstration und Kundgebung unter der Losung „Leben, nicht nur überleben“ in der Fächerstadt fügte der Außendienst-Mitarbeiter eines Baumarktes aus der Region einen Warnhinweis bei: „Das Motto ist ,Gemeinsam gegen die Mißstände’ und nicht ,wir hauen uns gegenseitig auf die Rübe’“.

Die im vergangenen Herbst entstandene französische Protestbewegung gegen hohe Spritpreise und das angeblich unsoziale Reformprogramm von Emmanuel Macron hat schnell Nachahmer im Südwesten Deutschlands gefunden – unzufriedene Bürger, die den Politikern allesamt nicht trauen und den Kampf um soziale Gerechtigkeit in die eigenen Hände nehmen. Sie koordinieren ihre Aktivitäten via Whatsapp-Messenger und organisieren sich in Facebook-Gruppen mit Namen wie „Süd Baden zeigt Farbe“ oder „Gelbe Westen aktiv Baden-Württemberg“.

Auf diesen für Fremde teils verschlossenen Diskussionsplattformen gärt seit Dezember ein Graswurzel-Aufstand, der sich zum Ziel gesetzt hat, unsere Gesellschaft gründlich umzukrempeln. „Die friedliche Revolution hat begonnen“ kündigen die deutschen „Gelbwesten“ vollmundig an. Die Frage ist jetzt: Wird sie wirklich gewaltfrei sein oder doch dem radikalen französischen Beispiel folgen?

Er wirkt zunächst nicht wie jemand, der ein Auto anzünden oder einen Polizisten mit Steinen bewerfen würde. Pascal Völlinger hat zum Gespräch mit den BNN seine Mitstreiterin Katja Baumann mitgebracht; beide wiederholen mehrfach, dass ihnen der Gedanke an jegliche Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele völlig fern ist. „Es gibt immer Leute, die draufhauen wollen. Das ist nicht im Sinne unserer Bewegung“, versichert Völlinger. „Alles, was extrem ist und alle, die zu aggressiv sind, lehnen wir ab“, sagt Baumann. Sonst aber stünden die Karlsruher „Gelbwesten“ allen offen: „Dicke und dünne Menschen, große und kleine, alte und junge – und wenn jemand vom Mars kommt, darf er auch mitmachen.“

Wie wird man also zum Teilnehmer einer Revolution? Baumann, 46, aus Elchesheim bei Rastatt, kam nach eigenen Worten vor drei Monaten auf Facebook mit einer Frau ins Gespräch, die im Kontakt mit den „gilets jaunes“ in Roppenheim stand. „Da haben wir spontan entschieden: Wir schauen uns mal an, was drüben los ist“, erzählt sie. Die Zahnarzthelferin und Mutter zweier Töchter kam von dem Kennenlern-Treffen mit den Elsässer Revolutionären völlig verwandelt zurück. „Sie interessieren sich nicht dafür, woher man kommt, wie man aussieht oder welchen politischen Hintergrund man hat – dort zählt einzig, dass man für gemeinsame Ziele zusammensteht. Diese Solidarität gefiel mir sehr gut.“ Wenig später fand sich die Karlsruher Gruppe über das soziale Netz zusammen.

Ihren Kern bilden laut den Organisatoren zehn bis 15 Aktivisten im Alter zwischen 30 und 60 Jahren, darunter seien Lehrer, Ingenieure, Rentner, Außendienstmitarbeiter und ein Inhaber einer Spedition. Sie kommen aus Karlsruhe, Pforzheim, dem Enzkreis Rastatt und der Gegend von Bruchsal. Einen Chef gebe es nicht, sagt Völlinger. „Jeder hat gleiches Mitspracherecht, und auf die Agenda kann alles gesetzt werden – außer dem radikalen Mist“.

Das Sammelsurium der regionalen „Gelbwesten“-Forderungen reicht von Aufrufen für „mehr Menschlichkeit“ und „genügend Schlafplätzen für Obdachlose im Winter“ über eine Total-Ablehnung von Tempolimits und Dieselfahrverboten in Deutschland bis hin zum Ultimatum an die angeblich desinteressierten und unsozialen Politiker, auf die Wähler zu hören. „Wir sind das Volk, es muss für uns regiert werden“, sagt Katja Baumann. „Die Politiker werden aber nur dann handeln, wenn Hunderte auf die Straße gehen – und das wollen wir tun“.

Der geplante Demonstrationszug von etwa 150 „Gelbwesten“ am Samstag in Karlsruhe ist nach Angaben ihrer Organisatoren von der Stadt genehmigt und mit einer Auflage versehen: Auf dem Weg zu ihrem Ziel, der Feinstaub-Messstation in der Reinhold-Frank-Straße dürfen sie die Straße selbst nicht betreten. Baumann und Völlinger versprechen, dass der Verkehr ungehindert fließen wird. „Man gewinnt nicht die Aufmerksamkeit der Leute, wenn man ihnen das Autofahren erschwert. Wir sind ja keine Franzosen“, sagen sie.

Das Landesamt für Verfassungsschutz rechnet derzeit nicht mit gewalttätigen Ausschreitungen der „Gelbwesten“ in Baden-Württemberg. Es sei „keine gezielte Einflussnahme“ auf die noch kleine Protestbewegung durch Rechts- und Linksextremisten festzustellen, gab die Behörde im Dezember bekannt. Katja Baumann berichtet jedoch von Versuchen der AfD, die „Gelbwesten“ für ihre politischen Zwecke zu gewinnen. Sie habe Nein gesagt: „Wir sind unparteilich und lassen uns nicht vor einen Karren spannen“.