Die schöne Aussicht mit Schloss Augustusburg lässt wenig von den Problemen der sächsischen Kleinstadt bei Chemnitz erahnen. Ihre Bürger fühlen sich seit der Wende im Stich gelassen. Bürgermeister Dirk Neubauer will das ändern. Foto: imago images

„Das Problem sind wir“

Die sächsische Kehrseite der Wende

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Es ist ein guter Tag für Bürgermeister Dirk Neubauer. Der erste Bauabschnitt eines neuen Sportplatzes in der Stadt Augustusburg ist fertig. 100-Meter-Laufbahn, Weitsprunganlage, Kunstrasen. Freudige Gesichter, Händeschütteln. Er hat Jahre gebraucht, um das 1,6-Millionen-Projekt anstoßen zu können.

Dieses Erfolgserlebnis lässt den Rathauschef beinahe den wütenden Mann vergessen, der ihm am Morgen per Fax 50 000 Euro Strafe angedroht hat, sollte der Bürgermeister jemals sein Grundstück betreten. Noch bevor jemand wusste, worum es ging, stand der wütende Bürger schon im Amtszimmer und schimpfte über die Verwaltung. „Wie gut, dass Sie da sind“, suchte Neubauer den Einstieg in ein ruhiges Gespräch. Am Ende hatte sich der Mann aber nicht besänftigen lassen, obwohl dessen Problem in seinem Sinne gelöst worden war.

„Das ist leider der Umgangston heute: Manche sind überzeugt, das wir nur Mist machen und denen etwas Böses wollen.“ Dirk Neubauer, 48 Jahre alt, SPD-Mitglied und Verwaltungschef der Kleinstadt Augustusburg mit 4 500 Einwohnern bei Chemnitz, seufzt tief, wenn er an sich an den Ärger von vorhin erinnert. In einer Woche stimmen die Sachsen über ihren Landtag ab. Der Anruf erreicht den Bürgermeister im Auto, unterwegs zu einer Wahlveranstaltung seiner Partei im benachbarten Freiberg. Funklöcher gibt es keine, der Verkehr auf der sanierten Straße fließt geschmeidig, der Aufbau Ost hat im Erzgebirge ganze Arbeit geleistet.

Ein neues Leben für die Demokratie

Warum sind dort bloß so viele Menschen frustriert? Wieso trauen sie „denen da oben“ nicht? Warum reden alle vom baldigen Wahlsieg der AfD? Dirk Neubauer hat darüber ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel: „Das Problem sind wir“ und sorgt für Aufsehen im Osten wie im Westen. Eine zentrale These des gebürtigen Hallensers ist, dass die Bürger – vor allem die in Ostdeutschland – der Demokratie neues Leben einhauchen, den politischen Stillstand überwinden und den Rechtsruck verhindern können.

Dazu müssten sie jedoch von Parteien ernst genommen werden, weniger jammern, Eigenverantwortung lernen. „Ein Teil der Leute hier hat eine Wut im Bauch, die weder jetzt entstanden ist noch einen rassistischem Hintergrund hat“, sagt Neubauer und verortet das Problem in den Fehlern der Nachwendezeit. Man habe im Osten „einiges in Steine investiert und wenig in Menschen“, die sich ignoriert und verloren gefühlt hätten, kritisiert der Politiker. „Es war von Anfang an zu viel ,Wir machen das’, viel zu wenig ,Wir brauchen euch’ und kaum ein ,Ihr müsst’“, schreibt Neubauer in seinem Buch. „Das generiert eine Erwartungshaltung, die man nicht erfüllen kann.“ Der frühere Journalist ist 2013, damals noch als ein weitgehend unbekannter, zugereister Parteiloser, mit dem Anspruch angetreten, es anders zu machen. Es muss sehr hart gewesen sein.

„Der Freistaat möchte das nicht“

Verbitterung, Apathie und ein resignierter Rückzug ins Private – das Städtchen mit einem prächtigen Jagdschloss eines früheren Kurfürsten, das einst von der Baumwollspinnerei gelebt hatte, unterschied sich nicht groß von vielen Orten im Osten, die nach der Wiedervereinigung eine Zäsur verkraften mussten. Neubauers Prinzip lautete: Neue Wege der Mitbestimmung eröffnen. Die Menschen über Veränderungen abstimmen lassen, Bürgerprojekte anstoßen und ihnen unkompliziert Geld zur Verfügung stellen. „Ich verwende meine Kraft dafür, Dinge möglich zu machen“, sagt der schlanke Bartträger mit kurzem Haupthaar – und erinnert sich an seine ersten, frustrierenden Telefonate mit der Ministerialbürokratie in Dresden vor sechs Jahren. „Die sagten nur: Der Freistaat möchte das nicht“.

Dirk Neubauer, 48, ist SPD-Mitglied und Bürgermeister der sächsischen Stadt Augustusburg. Foto: privat

Es hat sich seitdem einiges getan in Augustusburg. Jedes Jahr stellt der Stadtrat 50 000 Euro für Vorhaben zur Verfügung, die von Bürgern auf einer Internet-Plattform vorgeschlagen, abgestimmt und dann selbst umgesetzt werden. In diesem Jahr haben bislang das Projekt einer Wetterstation und ein neuer Kleingartenpark die meisten Stimmen. Der Frust weicht allmählich zurück. „Das ist ein langsamer Prozess“, sagt Neubauer, „weil es viele Leute gibt, die früher versucht haben, etwas zu bewegen und gescheitert sind. Sie sind vegrätzt, es dauert lange, bis sie einem glauben. Aber auch wenn sie mich vielleicht nicht mögen, finden sie jetzt unsere Veränderungen gut.“

In Augustusburg stimmte jeder Dritte für die AfD

Dass manche Menschen dennoch der rechtspopulistischen Propaganda auf den Leim gehen, bereitet dem Sozialdemokraten Sorgen. Bei der Europawahl im Mai gab fast jeder Dritte in Augustusburg seine Stimme der AfD, während die SPD mit 9,3 Prozent nur auf Platz vier kam. Das Ergebnis kommentierte der Bürgermeister am Wahlabend mit einem Aufschrei auf Facebook: „Ich bin schockiert“.

Neubauer findet es falsch, die AfD zu stigmatisieren, anstatt sie inhaltlich zu stellen. „Wer sie bekämpfen will, muss die Welle glätten, auf der sie schwimmt“, schreibt er im Buch. Der Kampf gegen den rechtsradikalen Ruck in seiner Stadt hat dem Bürgermeister allerdings auch persönliche Opfer abverlangt. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 bekam Neubauer den Hass in nächtlichen Anrufen und E-Mail-Nachrichten zu spüren. „Lass sie doch bei dir einziehen“, stand da. Oder: „Jetzt schickt ihr uns die Messerstecher.“ Vor der Europawahl hängte die rechtsextreme Partei „Der III. Weg“ an Laternenmasten in Augustusburg Plakate mit der Aufschrift „Reserviert für Volksverräter“ auf.

Neubauer lässt sich davon nicht beeindrucken und legt sich mit Neonazis in den sozialen Medien an. Noch kann er sich keine Situation vorstellen, in der er auf offener Straße angegriffen werden würde. Und auch dass die Rechten, wie mancherorts im Osten, mit Fackeln durch die Straßen von Augustusburg ziehen würden, ist für ihn unvorstellbar: „Dafür hat unsere Stadt zu viel Kultur und ist zu klein. Das würden die Menschen nicht tolerieren“.

„Ich möchte die Macht teilen“

Der vierfache Vater lässt die Kritik im Westen an den vermeintlich rückständigen Sachsen nicht gelten. Es wäre fatal, die Menschen aufzugeben. „Wir müssen die Hand ausstrecken und um Vertrauen werben.“ Sein Weg ist eher ungewöhnlich: „Ich möchte die Macht teilen“.

Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen ist Neubauer keineswegs von dem sicheren Triumph der AfD überzeugt. „Der Wahlkampf hat sich gedreht, die Leute stellen inhaltliche Fragen. Das macht mir Mut, weil die AfD inhaltlich nicht viel beizusteuern hat.“ Der Bürgermeister lobt überschwänglich den Wahlkampf des christdemokratischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer. Die Misere der Sozialdemokraten tut ihm dagegen weh. „Immerhin ist die Partei unglaublich diskussionsoffen“, sagt Neubauer, „das ist ein Zeichen dafür, dass vieles noch in Ordnung ist“.

Buchtipp: Dirk Neubauer: „Das Problem sind wir“, Deutsche Verlags-Anstalt, 240 Seite, 18 Euro