Der Bruchsaler Kriminalist und Autor Toni Feller warnt vor vorschnellen Reaktionen auf die Tötung eines Achtjährigen in Frankfurt. | Foto: Cambeis

Kriminalist im Interview

„Die Wut ist nicht erkennbar“

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Der Bruchsaler Kriminalist und Autor Toni Feller hat 35 Jahre bei der Polizei gearbeitet, unter anderem in der Mordkommission beim Polizeipräsidium Karlsruhe.

Im Interview beurteilt der Experte die Sicherheitsdebatte nach der Tragödie auf dem Hauptbahnhof in Frankfurt.

Können Sie sich die Tat eines Menschen erklären, der eine Mutter mit Kind vor einen Zug stößt – und der selbst Vater dreier Kinder ist?

Feller: Es war wohl keine spontane Tat. Ich denke, der Täter hatte sich vorgenommen, auf irgendeinem Bahnhof jemanden zu töten. Dieser grausame Mord könnte auf eine krankhafte Psyche des Täters zurückzuführen sein. Es gibt Menschen, die aus heiterem Himmel eine Zerstörungswut überkommt, die sich sogar gegen Menschen richten kann, die ihnen nahestehen. Oft reicht ein kleiner Anlass dazu. So hatte ich einmal einen Fall, bei dem eine Mutter ihren Sohn verbrannt hat, weil scheinbar eine Äußerung sie aus der Fassung gebracht hat. Diese Wut läuft völlig unkontrolliert ab und kann von anderen Menschen im Vorfeld nicht oder nur schwer erkannt werden …

… das heißt, man kann nicht präventiv einschreiten?

Feller: Ja, wenn ein solcher Täter auf dem Bahnhof steht, sieht er wie jeder andere Reisende aus. Generell würde ich daher raten, auf dem Bahnsteig einen großen Abstand zu den Zügen zu halten. Es könnte schließlich jeden überall treffen.

Was halten Sie von der Sicherheitsdebatte nach der Tragödie in Frankfurt?

Feller: Ich sehe jetzt keine guten Lösungen. Es wäre ein Nonsens, aufwändige Sicherheitseinrichtungen zu installieren. Denn das würde den Zugverkehr behindern und ein Gedränge erzeugen, das eigene Gefahren birgt. Es bringt auch nichts, das Polizeipersonal auf Bahnhöfen zu verdoppeln. Die gleiche Tat könnte nämlich jemand an einer viel befahrenen Kreuzung am Zebrastreifen verüben. Er muss nur warten, bis ein großer Lkw kommt.