Markus Gossenberger, Geschäftsführer der Firma Hago Druck & Medien, lässt mit einer UV-Lampe die fluoreszierende Farbe auf den frisch gedruckten malischen Wählerkarten leuchten. Foto: Makartsev

Ungewöhnlicher Auftrag

Druckerei aus Karlsbad liefert Wählerkarten für Mali

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In fünf Wochen will die westafrikanische Republik Mali ihr neues Parlament wählen – und ein Familienunternehmen aus Karlsbad macht es möglich. Die Firma Hago Druck & Medien liefert mehr als eine Million Bögen mit Wählerkarten in das Krisenland, in dem auch Bundeswehrsoldaten stationiert sind.

Seit etwa zwei Wochen rattern in der Werkhalle der Karlsbader Firma Hago Druck & Medien unaufhörlich die großen grauen Druckmaschinen, sie spucken von 6 bis 20 Uhr bunte Papierbögen heraus, auf denen eine grün-gelb-rote Flagge und ein blaues Wappen mit aufgehender Sonne zu sehen sind. Darunter liest man die französischen Worte: „Carte D’Électeur“ („Wählerkarte“).

Insgesamt 1.062.500 Bögen werden verschickt

Die Zeit drängt, der Auftraggeber hatte um eine schnelle Lieferung gebeten. An diesem Freitag wird also die letzte Partie der insgesamt 1.062.500 Bögen in einem Lkw das Druckerei-Gelände verlassen. Sie wird nach Luxemburg gebracht, von dort soll die sensible Fracht am kommenden Dienstag mit einer Boeing 747 in die malische Hauptstadt Bamako transportiert werden. Dann endlich wird Hago-Geschäftsführer Markus Gossenberger aufatmen und sich auf die baldige Wahl in dem 3.500 Kilometer entfernten westafrikanischen Land freuen, die sein Unternehmen erst möglich gemacht hat.

„Es ist schon eine große Ehre“, sagt stolz der dunkelblonde Brillenträger. Für sein 1968 gegründetes Familienunternehmen ist dies aber auch eine einmalige Gelegenheit, sich ein völlig neues Geschäftsfeld zu erschließen. Hochwertige fälschungssichere Dokumente für afrikanische Staaten: Das könnte für Hago Druck & Medien zu einem wichtigen Standbein werden und am Ende Gossenbergers Team aus elf Mitarbeitern im harten Überlebenskampf der kriselnden Druckbranche gut über Wasser halten.

Mali wird in Nachrichten oft als ein Krisenland gezeigt

Die Republik Mali kennt man gemeinhin aus TV-Nachrichten, in denen es um Massaker, ethnische Konflikte und den internationalen Kampf gegen Islamisten geht. 2012 sah Markus Gossenberger voller Entsetzen im Fernsehen, wie Tuareg-Rebellen in Timbuktu alte Weltkulturerbe-Stätten zerstörten. Der nordmalische Konflikt war weit weg, er spielte in einer Welt, die für viele Europäer fremd und unverständlich war. Knapp acht Jahre später klingelte jedoch bei Gossenberger das Telefon, und eine junge Frau fragte, ob die Druckerei binnen vier Wochen eine „Carte D’Électeur“ mit fluoreszierender Farbe für rund 8,5 Millionen wahlberechtigte Malier liefern könnte.

Viktoria Rupp lebte als Studentin ein Jahr in Mali und fand dort ihre Liebe. Die Designerin aus Karlsbad traf später bei einer Urlaubsreise in das Heimatland ihres Lebensgefährten dessen Onkel, der als IT-Spezialist für die malische Regierung arbeitet. Im vergangenen Jahr besuchte Honoré Dembélé das Paar im Südwesten und war von den freundlichen Menschen und der modernen Technologie „made in Germany“ fasziniert. Es stand für den Chef der Firma ICD Sarl fest, dass eine deutsche Druckerei den verantwortungsvollen Großauftrag der Herstellung von bald benötigten Wählerkarten erhalten sollte. Nur welche?

Ein Auftrag mit Risiko

Im Auftrag Dembélés holte Rupp drei Angebote ein. „Die Bereitschaft, ein afrikanisches Unternehmen zum Geschäftspartner zu machen, war nicht überall groß genug“, erzählt die 31-Jährige von ihrer Suche. Laut Rupp erfüllten manche Druckereien zudem nicht die Sicherheitsanforderungen an die Dokumente. Den Zuschlag für den 80.000-Euro-Auftrag bekam am Ende das Unternehmen, mit dessen Besitzer ihre Mutter befreundet ist. Markus Gossenberger kramte all seine Schulfranzösisch-Kenntnisse zusammen und mailte nach Bamako, dass er sofort loslege. „Wir gingen das Risiko ein, mit dem Drucken anzufangen, noch ehe das Geld hier eintraf“, erzählt der Geschäftsführer. „Ich war aber neugierig darauf, mit Menschen aus einem anderen Kulturkreis zusammenzuarbeiten, die sich am Ende als sehr integer erwiesen.“

Es gebe eine „Tendenz“, dass die am 29. März 2020 geplante Parlamentswahl in Mali gefälscht werden könnte, sagt der 55-Jährige. Darum sollen die Wahlberechtigten ihre Stimmzettel nur gegen Vorlage der in Deutschland gedruckten „Carte D’Électeur“ erhalten. An einer Druckmaschine bei Hago hängt ein Zettel mit einer Warnung: „Achtung! Exakt 1.062.500 Bögen nach Mali liefern. Es darf nicht mehr sein, da sonst mehr Berechtigungsbögen da sind als Wähler und sich die Gefahr von Fälschung erhöht.“

Farbe leuchtet unter Schwarzlicht

Um dieses Risiko zu mindern, werden die Karten zudem dreifach geschützt: durch eine Mikroschrift, die Guillochen (sehr feines Linienmuster) und die fluoreszierende Farbe, die unter Schwarzlicht leuchtet. „Ich fände es schön“, sagt Gossenberger, „wenn die Abstimmung sauber abläuft. Entwicklungsländer wie Mali sollten eine Möglichkeit erhalten, aus dem Dreck herauszukommen.“ Seine Vermittlerin Valerie Rupp träumt davon, noch mehr Unternehmen in der Region mit potenziellen Partnern in Afrika zu vernetzen. „Leider ist das Misstrauen aber bislang groß, und es ist mühsam, dagegen anzukämpfen“, gibt sie offen zu.

Für Markus Gossenberger geht es auch um die Zukunft seiner Firma mit einem Umsatz von 1,2 Millionen Euro (2019), die sich angesichts der Strukturkrise in der Druck-Branche gegen die billige Internet-Konkurrenz behaupten muss. Bislang schreibe sie schwarze Zahlen. „Aber die Druckereien verrecken, eine nach der anderen“, sagt der gelernte Schriftsetzer. „Die gemütlichen Zeiten sind vorbei, und man muss alles versuchen, was geht.“

Möglicher Einstieg in den afrikanischen Markt

Deswegen ist der weitgehend unentdeckte Markt Afrikas für Hago Druck & Medien interessant. Läuft alles gut, so die verhaltene Hoffnung des Geschäftsführers, könnte sein Unternehmen dank der Kooperation mit ICD Sarl vielleicht Wahlunterlagen für andere Länder liefern – und damit auch einen Beitrag für die Demokratisierung des Kontinents leisten. Gossenberger würde nach eigenen Worten gerne mal nach Mali reisen, um das Land besser kennenzulernen, das seine Neugier geweckt hat. „Als radikaler Umweltschützer, der daheim die Temperatur auf 18 Grad hält, reise ich aber nicht so gerne in den Urlaub mit dem Flugzeug“, räumt er schmunzelnd ein.