Djamal Chaschukdschi
Dschamal Chaschukdschi lebte zuletzt im Exil in den USA und schrieb unter dem transkribierten Namen Jamal Khashoggi auch für die «Washington Post». | Foto: Hasan Jamali/AP

Porträt

Dschamal Chaschukdschi – der Mann, der Riad Angst macht

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Riad (dpa) – Im vergangenen Jahr verließ Dschamal Chaschukdschi ein Land, dessen Wandel ihn immer mehr einengte. Der Journalist durfte nicht mehr schreiben und um ihn herum wurden immer mehr Freunde und Bekannte festgenommen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur im Juni.

Unter der Führung von Kronprinz Mohammed bin Salman sah der kritische Kommentator keine Zukunft für sich, nur noch wachsende Gefahr.

Er sei zwar ein Unterstützer des Reformkurses, aber «jetzt im Exil, weil ich nicht im Gefängnis landen will», sagte er damals. Er floh in die USA, wo er fortan lebte. An die Möglichkeit, im Ausland verschleppt oder sogar getötet werden zu können, dachte Chaschukdschi offenbar nicht, als er das saudische Konsulat Anfang Oktober in Istanbul betrat. Seitdem ist er verschwunden – viele haben die Hoffnung verloren, den 60-Jährigen lebend wiederzusehen.

Chaschukdschi stammt aus einer namhaften saudischen Familie in Medina. Sein Großvater war Arzt und behandelte den König, sein Onkel Adnan war ein bekannter Waffenhändler. In seinen frühen Jahren ging er zum Studieren in die Vereinigten Staaten, schätzt aber nicht nur demokratischen Werte, sondern auch islamistische. So soll er den Muslimbrüdern zumindest nahe gestanden und bis in die Gegenwart persönliche Kontakte mit Mitgliedern gepflegt haben.

Als Reporter erlangte Chaschukdschi erstmals Aufmerksamkeit als früher Wegbegleiter Osama bin Ladens, als dieser Truppen im Widerstandskampf gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan führte. Er selbst gilt als konservativ und teilweise auch kritisch gegenüber dem Westen, lehnte dagegen aber die Radikalisierung Bin Ladens ab und sagte sich von dem Terrorfürsten los.

In Saudi-Arabien machte er journalistische Karriere bei mehreren Zeitungen und als Korrespondent in verschiedenen Ländern. Seine schon familiär bedingt starke soziale Stellung baute er mit guten Kontakten zu mächtigen Mitgliedern der weit verzweigten Königsfamilie aus. Zwischenzeitlich arbeitete Chaschukdschi sogar als Berater und inoffizieller Sprecher des Königshauses.

Seine kritische Art brachte ihm dabei als Journalist immer wieder Probleme mit der autokratischen Staatsmacht: Kolumnen wurden eingestellt, 2003 und 2010 wurde er als Chefredakteur der Zeitung «Al-Watan» gefeuert. Doch bedrohlich wurde Saudi-Arabien für den groß gewachsenen Mann erst während des Aufstiegs von Mohammed bin Salman zum Thronfolger und mächtigsten Mann im Staat ab 2015.

Kronprinz Mohammed zerschlug die auf Ausgleich bedachten Strukturen in den höchsten saudischen Machtzirkeln und riss mehr und mehr Macht an sich. Widerspruch duldet er nicht, was Dschamal Chaschukschi dazu bewog, ins Exil zu gehen. Vor allem als Kolumnist der «Washington Post» kritisierte er den politischen Kurs Riads deutlich.

Saudi-Arabiens Herrscher war ein saudischer Dissident mit Kolumne in Washington und 1,7 Millionen Abonnenten auf Twitter zunehmend ein Dorn im Auge. Chaschukdschi selbst konnte diese Unsicherheit des jungen Thronfolgers nicht verstehen: «Mohammed bin Salman hat keinen Grund, besorgt zu sein. Es gibt keine Opposition im Land», sagte er im Juni.