Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow (l) wird nach seiner Ankunft zu den Feierlichkeiten zum 40-jährigen Staatsjubiläum der DDR am 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin von dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker mit dem traditionellen Bruderkuß willkommen geheißen.
Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow (l) wird nach seiner Ankunft zu den Feierlichkeiten zum 40-jährigen Staatsjubiläum der DDR am 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin von dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker mit dem traditionellen Bruderkuss willkommen geheißen. | Foto: Wolfgang Kumm

Russland und der 9. November

Ein banger Anruf im Morgengrauen nach dem Mauerfall

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Als die Berliner Mauer fiel, hielt die Welt den Atem an. Freilich nicht die ganze Welt. Glaubt man Informationen aus Moskau, soll die sowjetische Staatsführung und die Spitze des Geheimdienstes KGB Anfang November 1989 von dem bevorstehenden Zusammenbruch der innerdeutschen Grenze in Berlin gewusst haben.

Das bestätigte jetzt in einem Interview der russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti der frühere SED-Chef Egon Krenz (82). Nach seinen Worten war die DDR-Regierung am 1. November vom KGB gewarnt worden, dass einige Tage später eine Gruppe von Demonstranten die Grenze am Brandenburger Tor durchbrechen würde.

Auch der frühere sowjetische Partei- und Regierungschef Michail Gorbatschow schreibt in der Moskauer Zeitung „Nowaja Gazeta“: „Der Mauerfall war für uns keine Überraschung. Dass er gerade am 9. November geschah, war eine Konsequenz von Umständen und Stimmungen.“ Dabei stellt der Friedensnobelpreisträger von 1990 klar: „Die sowjetische Führung schloss damals die Gewaltanwendung und den Einsatz der in der DDR stationierten sowjetischen Armee-Einheiten aus.“

Die sowjetische Botschaft ist schockiert

Dass im ZK der kommunistischen Partei darüber Einigkeit herrschte, bestätigen auch andere Quellen. Allerdings war die Außenstelle der Moskauer Diplomatie in der DDR-Hauptstadt völlig überrumpelt vom friedlichen Gang der Dinge in der schicksalhaften Novembernacht. Der frühere Botschaftsrat in Berlin, Igor Maksimytschew, erinnerte sich in der Zeitschrift „Meschdunarodnaja Schisn“, vom legendären Auftritt des Politbüro-Sprechers Günter Schabowski am Abend des 9. November „schockiert“ gewesen zu sein: „Wir konnten nicht verstehen, warum eine mit uns abgestimmte Aktion ohne Rücksprache bis zur Unkenntlichkeit verändert worden war.“

Es gab noch einen weiteren Grund zur Sorge für die nervösen Botschaftsmitarbeiter: Sie waren sich lange nicht sicher, wie sie Moskau über die Ereignisse informieren sollten. „Wir waren nicht dazu fähig, irgendwelche Reaktionen vorzuschlagen“, gestand Maksimytschew offen ein. „Zudem sahen wir gar keine Möglichkeiten, um das Geschehen noch irgendwie ,korrigieren‘ zu können.“ Schließlich wollten die ratlosen Diplomaten auf keinen Fall eine unüberlegte politische Kurzschlusshandlung des ZK herbeiführen. Am Ende warteten sie einfach bis zum Morgengrauen mit ihrem Anruf.

Gorbatschow untersagte jegliche Repressionen

Wenig später meldete sich bei Maksimytschew ein aufgebrachter Apparatschik des sowjetischen Außenministeriums am Telefon: „Was ist denn bei euch los? Die Nachrichtenagenturen sind verrückt geworden, sie behaupten, dass es die Mauer nicht mehr gibt.“ Am Morgen des 10. November trommelte Gorbatschow in Moskau eilig sein Politbüro zusammen – und sprach sich nachdrücklich gegen Repressionen aus.

„Es gab welche, die mithilfe von Panzern die ,Ordnung‘ wieder herstellen wollten, aber sie trauten sich nicht, es auszusprechen“, erzählte der Ex-Staatsmann später in einem Interview. „Die sowjetische Führung begriff, dass sie die Zahnpasta nicht zurück in die Tube hinein pressen konnte. So begann eine neue Ära“, sagt heute der russische Historiker Wladislaw Subok.

Im größten Land der Welt war der deutsche Mauerfall indes eher kein großes Medien- und Gesprächsthema. Das lag teilweise daran, dass viele Sowjetbürger nur eine vage Vorstellung von der Funktion und den Ausmaßen des „amtiimperialistischen Bollwerks“ im Bruderland DDR hatten. Für sie war die Mauer einfach eine normale Grenzanlage, in der nun plötzlich ein paar Löcher klafften.