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Geteilte Meinungen

Stimmungsbild der Eltern im Südwesten: Die Schulen sollen offen bleiben - oder?

Bange warten viele Familien darauf, ob über die deutschen Schulen ein Teil-Lockdown verhängt wird. Doch nicht alle halten die Corona-Gefahr durch Kinder für gering.

Schreckgespenst Heimunterricht: Falls Bund und Länder wieder Scharen von Schülern heimschicken, sollte es nicht die Jüngsten treffen, meinen Elternvertreter. Das Corona-Risiko durch Kinder beurteilen sie aber durchaus zwiespältig. Foto: Paul Bradbury/Imago Foto: Paul Bradbury/imago

Wie werden Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs nächste Woche entscheiden? Schicken sie scharenweise Schüler nach Hause ins Homeschooling – und die Mütter und Väter in den Betreuungsnotstand? „Viele Eltern schwanken zwischen extremer Anspannung und leiser Hoffnung“, sagt Zarah Abendschön-Sawall, baden-württembergische Sprecherin der Initiative „Familien in der Krise“.

Die fünffache Mutter und Unternehmerin hält es für eine Beschönigung, wenn unter Schlagworten wie „Wechselmodell“ und „Hybrid-Unterricht“ darüber diskutiert wird, ob Mädchen und Jungen bald wieder wochenweise im Kinderzimmer statt im Klassenzimmer lernen sollen.

Elternmeinung uneinheitlich

„Wir brauchen uns nichts vorzumachen: Der Wechselbetrieb ist eine 50-prozentige Schulschließung“, meint Abendschön-Sawall. „Faktisch werden dann wieder Arbeitsblätter verteilt, die unsere Kinder alleine oder mit Hilfe der Eltern ausfüllen müssen.“

Technisch und personell seien die meisten Schulen auch nach achtmonatiger Corona-Krise nicht in der Lage, den Unterricht durchgängig via Video anzubieten. Die klare Forderung der Familieninitiative lautet: „Soweit es geht, sollten die Schulen offen bleiben – außer bei echten Corona-Ausbrüchen“. So eindeutig sehen das allerdings nicht alle Eltern.

Ob sie den Präsenzunterricht für ungefährlich oder riskant halten - dabei spielen Corona-Studien eine wichtige Rolle. Studien, die zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Oder auch Studien, die überhaupt noch nicht existieren: „Ich hätte gerne einmal belastbare Zahlen dazu, wie viele Kinder ihre Eltern mit dem Virus angesteckt haben“, sagt Michael Mittelstaedt, Vorsitzender des Landeselternbeirats (LEB) in Baden-Württemberg. Der Physiker zeigte sich – ähnlich wie die Lehrerverbände - stets skeptisch, wenn das Risiko durch Kinder als vernachlässigbar bezeichnet wurde – nur weil die Jüngsten selten Krankheitssymptome zeigen.

Wir wissen noch zu wenig über die Krankheit.
Michael Mittelstaedt / Vorsitzender Landeselternbeirat

Eine Helmholtz-Studie aus München, die verbesserte Antikörper-Testverfahren nutzte, kommt zu dem Ergebnis: Die Infektionsrate bei Kindern sei sechsmal so hoch wie bisher angenommen. Und ein Drittel der Kinder, die mit einem Erkrankten in der Familie leben, haben demnach Antikörper, waren also selbst infiziert. „Wir wissen noch zu wenig über die Krankheit“, betont Mittelstaedt.

Schulsport ohne Maske ein „Widerspruch“

Dass Schüler ab Klasse fünf in Baden-Württemberg zwar Mund-Nasen-Masken im Klassenzimmer tragen, aber in der Sporthalle die Masken ablegen und ungeschützt turnen, spielen, rennen, schnaufen – das empfindet der oberste Elternvertreter als „Widerspruch“. Die Kinder im großen Stil heimschicken, will er aber auch nicht unbedingt. „Wenn mir jemand sagt, wie dann das Betreuungsproblem gelöst werden soll...“, meint er dazu.

Aus Sicht des LEB-Vorsitzenden müsste vorrangig ein anderes Sicherheitskonzept her: Leistungsfähige Lüftungsgeräte und Plexiglas-Trennscheiben sollen die Schüler besser vor Ansteckung schützen als Masken. „Ähnlich wie den Schnupfengipfel bräuchten wir jetzt einen Lüftergipfel“, fordert Mittelstaedt - mit Politikern, Wissenschaftlern, Eltern und Schulen.

„Wir sehen an vielen Stellen noch Verbesserungsbedarf“, meint auch Abendschön-Sawall von „Familien in der Krise“. Ihre Vorschläge: Eine „Schnelltest-Strategie“ für Schulen, den Sportunterricht möglichst ins Freie verlegen, mehr Blockunterricht - damit Lehrer nicht alle ein bis zwei Stunden die Klassen wechseln müssen.

Abendschön-Sawall verweist zugleich aber auf eine entwarnende Studie aus Rheinland-Pfalz: „Die Ansteckungsrate an Schulen und Kitas liegt ungefähr im Bereich von 0,5 Prozent“. Von August bis November hatten die Behörden die Kontaktpersonen infizierter Kinder und Jugendlicher ermittelt. Ergebnis: 131 Infizierte hatten von ihren insgesamt 4.063 Kontaktpersonen nur 22 angesteckt.

Nicole Nicklis hingegen findet, man sollte von den Untersuchungsergebnissen an der Hamburger Ida-Ehre-Schule gewarnt sein. „Unter 1.200 Schülern und Lehrern wurden 55 positiv getestet, die meisten hatten überhaupt nichts gemerkt“, betont die Elternbeiratsvorsitzende der Michael-Ende-Gemeinschaftsschule in Bad Schönborn. „Ich glaube nicht, dass man Kinder immer so herausrechnen kann, wie man das lange gemacht hat.“ Grundschüler sähe sie ungern wieder im Homeschooling – doch wenn Schüler ab Klasse sieben wochenweise zuhause lernten, fände sie das „unproblematisch“. „An der Gemeinschaftsschule sind die Kinder das selbstständige Arbeiten ohnehin gewöhnt“, sagt Nicklis.

Flüchtlingskinder technisch fit

Dass ältere Schüler generell besser mit dem Fernunterricht zurechtkommen, liegt auch für Peer Giemsch, den Vorsitzenden des Karlsruher Gesamtelternbeirats (GEB) auf der Hand. Aber: „Schule ist eben nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch soziales Lernen.“

Giemsch widerspricht zugleich der weit verbreiteten Meinung, wonach Kinder aus sozial benachteiligten Familien große Probleme mit der Technik hätten: „Kinder aus Flüchtlingsfamilien zum Beispiel sind mit Videotelefonie oft sehr vertraut, weil sie mit Angehörigen in Syrien so den Kontakt halten.“

Giemsch hätte vor allem einen Wunsch: „Spannend wäre es, wenn die Eltern überhaupt mal nach ihrer Meinung gefragt würden.“ Genau das hat der Gesamtelternbeirat in Pforzheim gemacht. „Unsere Umfrage zum Homeschooling wird gerade ausgewertet“, sagt GEB-Vorstandsmitglied Holger Zweigart. Ob die Familien eher den Heimunterricht oder das Infektionsrisiko fürchten? „Ich habe das Gefühl, die Meinungen sind im Moment zweigeteilt“, beschreibt Zweigart seinen Eindruck.

Nach der ersten Aufregung um die Maskenpflicht für ältere Schüler sei es aktuell allerdings relativ ruhig bei den Eltern: „Das kann aber auch die Ruhe vor dem Sturm sein.“

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