Robert Habeck
Der mit sich selbst hadernde Grünen-Chef Robert Habeck will bei der politischen Kommunikation in Zukunft auf soziale Netzwerke verzichten. | Foto: Hendrik Schmidt

Abschied aus Internet-Netzwerk

Er ist dann mal weg: Grünen-Chef Habeck kehrt Facebook den Rücken

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Es kann schon mal für ziemlichen Wirbel sorgen, wenn ein netzaffiner und populärer Parteichef den sozialen Netzwerken Twitter und Facebook plötzlich den Rücken zukehrt. So geschehen am Montag im Fall des Grünen-Bundesvorsitzenden Robert Habeck.

Wenn Präsident Donald Trump in den USA twittert, schauen unzählige politische Analysten weltweit genau hin, und manche Regierungen berufen gar Krisensitzungen ein. So mächtig kann die schnelle, ungefilterte und direkte Kommunikation über die sozialen Netzwerke sein, dass mittlerweile auch viele deutsche Politiker sorgfältig ihre digitalen Fan- und Follower-Gemeinden pflegen und sie gerne mit launigen Wortmeldungen bei Laune halten. Da kann es schon mal für ziemlichen Wirbel sorgen, wenn ein netzaffiner und populärer Parteichef Twitter und Facebook plötzlich den Rücken zukehrt. So geschehen am Montag im Fall des Grünen-Bundesvorsitzenden Robert Habeck.

„Macht’s gut. Bye, bye“, so endet der jüngste Blog-Eintrag des Politikers, in dem er überraschend ankündigt, seine Konten auf Facebook und Twitter dicht zu machen. Damit zieht Habeck ein bitteres Fazit zweier persönlicher Tiefpunkte der vergangenen Tage. Der aktuelle Datenklau habe „die persönlichsten Gespräche zwischen mir und meiner Familie jetzt auf alle Rechner der deutschen Tageszeitungen und jede Menge rechter Medien gebracht“, schreibt er. Zudem sei sein Tweet-Aufruf zur Unterstützung bei der kommenden Landtagswahl in Thüringen unglücklich formuliert gewesen.

Bye-bye Twitter: Grünen Chef Habek hat sich aus dem sozialen Netzwerk verabschiedet. | Foto: BNN-Screenshot

In einem am Sonntag veröffentlichten Video sagt der Parteichef: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ein ökologisches Land.“ Es sei der Eindruck entstanden, „als würde ich Thüringen absprechen, weltoffen und demokratisch zu sein. Was ich natürlich null tue“, stellt Habeck klar – nur, um dann kleinlaut einzuräumen: „,wird’ statt ,bleibt’ – ein kleines Wort, ein echter Fehler. (…) Wie um alles in der Welt konnte mir so was passieren?“

Als Konsequenz verabschiedet sich der 49-jährige Vize-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein nicht nur von seinen knapp 100 000 Fans in beiden Netzwerken, deren Reaktionen er einst „gierig“ verfolgt habe. Habeck bricht auch den Stab über den sozialen Plattformen als Mittel der Kommunikation an sich. Speziell Twitter sei „aggressiv“, in keinem anderen Medium gebe es „so viel Hass, Böswilligkeit und Hetze“, schreibt er.

 

Ausgerechnet er, ausgerechnet jetzt. Die von anderen Parteien für ihren Höhenflug neidisch beäugten Grünen positionieren sich gerade für die wichtigen Europa- und Landtagswahlen 2019. Dabei gilt der charismatische Habeck als Star und Zukunftshoffnung seiner Partei. Er ist einer der Gründe dafür, dass die Grünen 2018 rund 10 000 neue Mitglieder hinzugewinnen konnten – so viele wie seit vielen Jahren nicht mehr. Dass die Öko-Partei nicht mehr im sozialen Netz kommunizieren wird, ist schier unvorstellbar.

„Unsere Partei versteht sich als eine soziale Institution“, sagte in der Vergangenheit der Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner. Zwar gewinne man die meisten Neumitglieder durch direkte Ansprache. Aber: „Wir setzen viel auf Facebook, Twitter, Instagram und WhatsApp.“

Habecks offenherziges „Bye, bye“ löst im Netz ein lautes Echo aus, manche Stimmen sind verständnisvoll, viele kritisch . „Wir verstehen es, wenn nicht jeder mit der Kritik, Häme etc. umgehen kann. Aber wir bleiben gerne hier“, versichert auf Twitter die CDU Hamburg. „Adieu, Robert Habeck!“, triumphiert die AfD.


„Wenn ich bei Hausbesuchen oder auf Infoständen bin, bekomme ich auch oft Kritik ab. Trotzdem würde ich nie aufhören, an den Haustüren und Marktplätzen zu sein“, unterstreicht SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil seine Netztauglichkeit. „Auch TV-Kameras & Mikrofone können ,abfärben’, wenn wir nicht aufpassen. Öffentliche Existenz heißt immer die Bereitschaft, der Versuchung zu widerstehen“, philosophiert Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).


Die Grünen scheinen von der radikalen Entscheidung ihres Vorsitzenden kalt erwischt worden zu sein. Die BNN-Anfrage an die Bundespartei bleibt am Montag unbeantwortet. „Zu drastisch, zu unstrategisch“ sei Habecks Reaktion, hört man aus dem Landesverband Baden-Württemberg. Offiziell will dort aber niemand Kritik üben. Die Accounts der Südwest-Grünen auf Twitter, Facebook, Instagram und Youtube seien „klar auf die Parteiarbeit ausgerichtet“ und mit denen von Habeck „nicht so leicht vergleichbar“, stellt die Pressestelle in Stuttgart klar.

„Was sind schon einige Zehntausend Follower?“

Die Experten sind sich uneins, welche Wirkung die digitale Abkehr der Grünen-Spitze auf die Politikwelt haben könnte. Dass die „Kurzschlusshandlung“ Habecks Nachahmer findet, hält der Kommunikationsfachmann Marcus Maurer für unwahrscheinlich. „Die sozialen Medien geben den Politikern den Anstrich der Modernität, aber im Prinzip sind sie für sie verzichtbar. Im Fernsehen können Politiker Millionen Menschen erreichen, was sind dagegen schon einige Zehntausend Follower?“, fragt der Mainzer Forscher im Gespräch mit den BNN.

Ein kritischer Fehler?

Von einem kritischen Fehler Habecks spricht dagegen die Karlsruher Social-Media-Strategin und Trainerin Rebecca Rutschmann. „Ohne Öffentlichkeit, zu der auch die sozialen Medien gehören, kann ein Spitzenpolitiker heute nicht überleben. Gerade viele jüngeren Wähler schauen keine TV-Nachrichten, sondern sie informieren sich im Netz.“ Frühere Datenlecks auf Facebook und anderen Kanälen hätten Politikern wie Habeck als Warnung dienen sollen, keine privaten Inhalte dort zu verbreiten, findet Rutschmann.

Privat sei ihr die Offenheit des digitalen Aussteigers sympathisch. Aber: „Man merkt, dass er sich politisch keine Gedanken über den Schritt gemacht hat.“