Anis Amri wurde mit diesem Bild gesucht. | Foto: BKA

„Verschiedene Maßnahmen“

Amri soll sich als Selbstmordattentäter angeboten haben

Die Sicherheitsbehörden sollen nach Informationen des «Spiegel» vor Monaten Hinweise darauf gehabt haben, dass der Terrorverdächtige Anis Amri sich in der Islamistenszene als möglicher Selbstmordattentäter anbot. Wie das Magazin vorab berichtete, legen dies frühere Ermittlungen gegen mehrere Hassprediger nahe. Die Äußerungen von Amri aus der Telekommunikationsüberwachung seien aber so verklausuliert gewesen, dass sie nicht für eine Festnahme gereicht hätten. Aktuell wird nach dem 24-jährigen Tunesier europaweit gefahndet. Er soll den Anschlag in Berlin verübt haben.

Festnahmen dementiert

Die Bundesanwaltschaft hat Berichte dementiert, dass es im Zusammenhang mit den Ermittlungen Festnahmen gegeben haben soll. Es fänden derzeit verschiedene Maßnahmen im Bundesgebiet statt, sagte ein Sprecher der Karlsruher Behörde. Konkreter äußerte er sich nicht. Die Bundesanwaltschaft fahndet öffentlich nach dem Verdächtigen Anis Amri. Der geborene Tunesier ist als islamistischer Gefährder bekannt.

Mahnwache in Karlsruhe auf dem Schlossplatz in Gedenken an Berliner Terroropfer: 600 Menschen beteiligten sich.
Mahnwache in Karlsruhe auf dem Schlossplatz in Gedenken an Berliner Terroropfer: 600 Menschen beteiligten sich. | Foto: Jörg Donecker

Gegen den Mann wurde bereits früher in Berlin wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat ermittelt – allerdings ohne Ergebnis. Medienberichten zufolge hat der Verdächtige ein langes Vorstrafenregister: Er soll bereits in Italien und Tunesien zu langen Haftstrafen verurteilt worden sei. In Karlsruhe beteiligten sich unterdessen 600 Menschen auf dem Schlossplatz an einer Mahnwache in Gedenken an die Berliner Terroropfer.

Hierzu ein Beitrag des SWR:

 

Recherche über Sprengsätze

Amri soll sich im Internet über den Bau von Sprengsätzen informiert und direkten Kontakt zum IS gehabt haben. Das berichtet die «New York Times» unter Berufung auf Aussagen nicht näher genannter amerikanischer Offizieller. Unklar blieb zunächst, auf welchen Zeitraum sich diese Angaben beziehen. Dem Bericht zufolge stand Amri mindestens einmal über den Messengerdienst Telegram in Kontakt zum IS. Sein Name habe zudem auf der Flugverbots-Liste der USA gestanden.

100.000 Euro Belohnung

Die Bundesanwaltschaft rief die Bevölkerung zur Mithilfe auf und setzte 100.000 Euro Belohnung aus – das Schreiben dazu wurde auch auf Arabisch, Dari, Farsi und Urdu veröffentlicht. Zugleich mahnte sie zur Vorsicht: «Bringen Sie sich selbst nicht in Gefahr, denn die Person könnte gewalttätig und bewaffnet sein!»

Opfergedenken
Blumen zum Gedenken an die Opfer stecken an einem Geländer vor der Gedächtniskirche in Berlin. | Foto: Britta Pedersen

Im Berliner Stadtteil Kreuzberg überprüfte ein Spezialeinsatzkommando der Polizei am Mittwochabend einen Mann, bei dem es sich aber nicht um Amri handelte. Auch europaweit wird nach ihm gefahndet.

Duldungspapiere im Lkw

Seine Duldungspapiere wurden in dem Lastwagen gefunden, der am Montagabend auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gefahren war. Zwölf Menschen wurden getötet, rund 50 teils lebensbedrohlich verletzt. Ein zunächst festgenommener Pakistaner kam wieder frei.

Über Freiburg eingereist

Gemeldet war der gesuchte Tunesier in einer Asylbewerberunterkunft in Nordrhein-Westfalen, laut «Spiegel Online» in Emmerich bei Kleve. Nach Angaben der NRW-Landesregierung war er 2015 über Freiburg nach Deutschland eingereist und verwendete mehrere Identitäten. Seit Februar hielt er sich demnach vor allem in Berlin auf.

Lange Überwachung

Dort wurde Amri nach Hinweisen von Bundesbehörden von März bis September dieses Jahres überwacht, wie die Generalstaatsanwaltschaft mitteilte. Es habe Informationen gegeben, wonach der in Nordrhein-Westfalen als islamistischer Gefährder geführte Verdächtige einen Einbruch plane, um Geld für den Kauf automatischer Waffen zu beschaffen – «möglicherweise, um damit später mit noch zu gewinnenden Mittätern einen Anschlag zu begehen», hieß es.

Observierung verlängert

Die Observierung und Überwachung der Kommunikation sei sogar verlängert worden, habe aber keine Hinweise auf ein staatsschutzrelevantes Delikt erbracht, erklärte die oberste Berliner Ermittlungsbehörde. Es habe lediglich Hinweise gegeben, dass Amri als Drogendealer tätig und an einer körperlichen Auseinandersetzung, vermutlich in der Dealerszene, beteiligt gewesen sein könnte. Deshalb sei die Überwachung im September beendet worden.

Kontakte zu Hassprediger

Die Sicherheitsbehörden tauschten nach Worten von NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) ihre Erkenntnisse über Amri im gemeinsamen Terrorabwehrzentrum aus, zuletzt im November 2016. Laut «Süddeutscher Zeitung», NDR und WDR tauchte er im Dezember unter. Demnach hatte er Kontakte zum Netzwerk des kürzlich verhafteten Hildesheimer Predigers Abu Walaa, den Jäger früher einmal als «Chefideologen» der Salafisten in Deutschland eingestuft hatte.

100.000 Euro Belohnung sind für Hinweise auf Anis Amri ausgelobt. Er ist dringend verdächtig, den Anschlag in Berlin verübt zu haben. Die rechte Aufnahme stammt aus seinen Papieren.
100.000 Euro Belohnung sind für Hinweise auf Anis Amri ausgelobt. Er ist dringend verdächtig, den Anschlag in Berlin verübt zu haben. Die rechte Aufnahme stammt aus seinen Papieren. | Foto: BKA

Abschiebung scheiterte an Papieren

Amri wurde bereits im Juni als Asylbewerber abgelehnt, wie Jäger erklärte. «Der Mann konnte aber nicht abgeschoben werden, weil er keine gültigen Ausweispapiere hatte.» Tunesien habe lange Zeit bestritten, dass es sich um seinen Staatsbürger handele. Die für die Abschiebung wichtigen tunesischen Ersatzpapiere seien erst an diesem Mittwoch bei den deutschen Behörden eingetroffen, sagte der Minister.

Familie wird verhört

In Tunesien verhörten Ermittler nach einem Bericht der Zeitung «Al-Chourouk» die Familie des möglichen Attentäters in der nordöstlichen Provinz Kairouan, einer Salafisten-Hochburg. Die Familie habe ausgesagt, dass sie keinen steten Kontakt mit Amri hatte, seitdem er das Haus Ende 2010 verlassen habe. Sein Vater sagte dem tunesischen Sender Mosaique FM, Anis Amri habe Tunesien vor rund sieben Jahren verlassen. Dem Bericht zufolge wurde er in Abwesenheit wegen Raubes zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Schon einmal Lkw gestohlen

Nach dem Anschlag in Berlin führten die tunesischen Behörden laut «Welt» Ermittlungen zu Amri und seiner Familie durch. Ersten Erkenntnissen zufolge habe er 2010 einen Lastwagen gestohlen und sei daraufhin zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden.

Vier Jahre in Palermo im Gefängnis

2011 kam er als Flüchtling nach Italien, wie die dortige Nachrichtenagentur Ansa berichtete, und wurde in einem Auffanglager auf Sizilien untergebracht. Weil er Sachbeschädigungen und «diverse Straftaten» beging, kam er demnach in Palermo vier Jahre ins Gefängnis. Nach Informationen der «Welt» wurde er wegen Gewalttaten, Brandstiftung, Körperverletzung und Diebstahls verurteilt. Mithäftlinge hätten ihn als gewalttätig beschrieben.

Probeme mit Tunesien

Im Frühjahr 2015 wurde Amri laut Ansa entlassen, konnte wegen Problemen mit den tunesischen Behörden aber nicht ausgewiesen werden. Er sei dann nach Deutschland weitergereist.

Fingerabdrücke aus Italien

Den italienischen Behörden liegen nach Information der «Welt» Fingerabdrücke von Amri vor. Sie könnten dabei helfen, offene Fragen zum Tathergang in Berlin zu klären. So ließe sich durch Vergleiche mit Fingerabdrücken am Lkw und Tatort möglicherweise eindeutig feststellen, ob Amri am Steuer des Sattelschleppers saß. Bislang ist das nicht erwiesen.

Berlin
Der Tatort in Berlin aus der Perspektive eines Polizeihubschraubers. | Foto: Polizei Berlin

IS-Beteiligung unklar

Unklar ist auch, ob die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) wirklich hinter dem Anschlag steht. Sie hat den Angriff für sich reklamiert und sich schon in der Vergangenheit immer wieder über ihr Sprachrohr Amak zu Anschlägen in unterschiedlichen Ländern bekannt. Täterwissen gab der IS – wie in früheren Fällen – nicht bekannt.

Tatortabeit abgeschlossen

Derweil hat die Polizei ihre Tatortarbeit auf dem Breitscheidplatz abgeschlossen und ihn offiziell wieder freigegeben. Der nach dem Anschlag geschlossene Weihnachtsmarkt wurde wieder eröffnet.