Keine Alternative zur engen Partnerschaft mit den USA sieht der frühere SPD-Chef und Bundesaußenminister Sigmar Gabriel. In Karlsruhe schlug er im Scherz vor, das US-Generalkonsulat aus Frankfurt hierher zu verlegen. Foto: Hora

Deutsch-Amerikanischer Tag

Gabriel hat es eilig: Amerikas Freund überrascht mit Blitzbesuch in Karlsruhe

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Da ist er also. Sigmar Gabriel sitzt in der ersten Reihe im Bürgersaal, die vielleicht 100 Menschen hinter ihm verrenken sich die Hälse, um einen besseren Blick auf den früheren SPD-Chef und Vizekanzler zu bekommen. Fit, schlank und braun gebrannt sieht er aus.

Vor Beginn der Zeremonie hieß es, der Spitzengast komme mit der Bahn. Ganz im Zeichen des Klimaschutzes also. Und dann wird klar, dass dies eher nicht stimmt. Denn Sigmar Gabriel ist extra aus seinem Türkei-Urlaub eingeflogen, um einen alten Bekannten zu würdigen.

An diesem Samstag dreht sich im Karlsruher Rathaus alles um die transatlantische Freundschaft, die gerade nicht die besten Zeiten erlebt. Unter US-Präsident Donald Trump sind die Beziehungen abgekühlt. Das Vertrauen zwischen Berlin und Washington ist geschwunden, gegenseitige Vorwürfe und sogar Drohungen sind an der Tagesordnung.

Glaubt man den Umfragen, halten die meisten Deutschen Trump für eine größere Gefahr als den Russen Wladimir Putin oder den Chinesen Xi Jinping.

Berliner Journalist mit Medaille geehrt

Am „Deutsch-Amerikanischen Tag 2019“ möchte der Verband der deutsch-amerikanischen Clubs (VDAC) jedoch in Karlsruhe ein Zeichen der Hoffnung und des guten Willens setzen. Er zeichnet den Buchautor, Redakteur und früheren US-Berichterstatter des „Tagesspiegel“, Christoph von Marschall, mit der „Lucius D. Clay“-Medaille aus.

Der 60 Jahre alte Journalist, so heißt es zur Begründung, war einst der einzige deutsche Korrespondent im Weißen Haus Press Corps und habe sich mit seiner Arbeit um die Vertiefung der bilateralen Beziehungen verdient gemacht.

Vielleicht gibt es an diesem Tag kaum einen geeigneteren Redner, um den Zuhörern zu erklären, warum dies so verdienstvoll ist, als den neuen Chef des deutsch-amerikanischen Vereins „Atlantik-Brücke“, der einst als Bundesaußenminister auf dem diplomatischen Parkett der Welt zuhause war.

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Es war zuletzt ruhig geworden um Sigmar Gabriel. Der unberechenbare Sozialdemokrat aus Goslar, der früher gerne seine Partei aufwirbelte, Wortduelle im Rampenlicht genoss und an der Machtspitze in Berlin leidenschaftlich um Einfluss und Meinungshoheit stritt, war 2018 vom SPD-Führungsduo Nahles und Scholz kaltgestellt worden. Daraufhin zog sich Gabriel zurück.

Neuer Chef der „Atlantik-Brücke“

In zweieinhalb Wochen will Gabriel nach 30 Jahren im Bundestag sein Mandat niederlegen und der Politik den Rücken kehren. Der 60-Jährige will sich dann auf seine Arbeit als Publizist, die Lehraufträge an den Universitäten Bonn und Harvard und auf die „Atlantik-Brücke“ konzentrieren. Bei seiner Laudatio auf den Preisträger zeigt Gabriel aber noch einmal, was er als Redner drauf hat.

Um das Publikum im Bürgersaal aufzuwärmen, schlägt er vor, das US-Generalkonsulat aus Frankfurt nach Karlsruhe zu verlegen. Es ist eine Anknüpfung an Oberbürgermeister Frank Mentrup, der zuvor von der „Wild West Show“ des Buffalo Bill 1891 in der Fächerstadt geschwärmt hatte.

Kein Ort könne in Sachen deutsch-amerikanischer Freundschaft mit Karlsruhe mithalten, wo man sich noch genau an die Zahl der von Buffalo Bill mitgebrachten Ponys erinnere, scherzt Gabriel. Große Heiterkeit.

Ein Kompass in Gefahr

Dann wird er ernst. „Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht darüber reden, was uns trennt“, beschreibt der Ex-Außenminister den Stand der transatlantischen Beziehungen. „Sie waren auch früher schwierig, aber nie so, dass der deutsch-amerikanische Kompass in Gefahr war“.

Dabei sollte es in der Zusammenarbeit um mehr gehen als um die „Konflikte mit dem aktuellen Präsidenten“, fordert Gabriel. Und er erinnert alle daran, dass es die USA waren, die Deutschland von der Nazi-Herrschaft befreit hatten.

Auch heute sei der Verbündete unverzichtbar: „Selbst in einem besseren Zustand Europas ist nicht davon auszugehen, dass wir ohne die Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten in der veränderten Welt Bestand haben könnten.“

Gabriels Zukunftsvision für Deutschland lautet: Ohne einen guten Draht nach Washington keine Souveränität. Er spricht jedoch von einer Verschiebung der amerikanischen Interessen nach Asien und den Illusionen der Europäer, die darauf vertraut hatten, dass die US-Flugzeugträger sie beschützen würden. „Die Zeiten sind vorbei“, lautet Gabriels Urteil. Was aber bleibe, ist die Freundschaft, die gepflegt werden müsse, allen Krisen zum Trotz.

Gershwin und Hollywood-Hits

Christoph von Marschall gibt sich in Karlsruhe als „gebürtiger Badenser“ zu erkennen. In seiner Dankesrede beschwört der Preisträger die engen Bande zwischen Deutschland und Amerika. Er nennt die Arbeit des VDAC wichtig, um der Entfremdung der beiden Gesellschaften entgegenzuwirken.

Ein Bläserquintett der Musikhochschule Karlsruhe spielt Gershwin und Hollywood-Hits, Austausch-Studierende werden mit Urkunden ausgezeichnet. Und dann ist Sigmar Gabriel zur großen Überraschung der Organisatoren plötzlich weg.

Er hatte es wohl eilig. Als Überraschungsgast taucht Gabriel wenig später am Rand des SPD-Landesparteitags in Heidenheim auf. Zurück im Karlsruher Rathaus bleiben einige enttäuschte Freunde Amerikas, die gerne vom Ex-Vizekanzler sein zum Verkauf ausgestelltes Buch signiert bekommen hätten.

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Der Deutsch-Amerikanische Tag geht auf eine Idee des US-Präsidenten Ronald Reagan zurück und erinnert an den 6. Oktober 1683, als deutsche Familien die nordamerikanische Küste erreichten und später die Stadt Germantown gründeten. Sie wurde 1854 in die Stadt Philadelphia eingemeindet.
Der 1948 gegründete Verband der Deutsch-Amerikanischen Clubs (VDAC) verleiht die „Lucius D. Clay“-Medaille als Anerkennung für besondere Leistungen zur Entwicklung und Vertiefung der Freundschaft zwischen den beiden Staaten. Zu den früheren Preisträgern gehören zum Beispiel der Basketballer Dirk Nowitzki und Kanzlerin Angela Merkel.
Clay war einer der Gründerväter des VDAC und von 1947 bis 1949 Militärgouverneur der US-Besatzungszone in Deutschland. Der US-General war Organisator der Berliner Luftbrücke, die am 24. Juni 1948 begann und über einen Zeitraum von über 15 Monaten andauerte. Angang der 1960er-Jahre beriet er den Präsidenten John F. Kennedy in Berlin-Fragen.