Julian Assange festgenommen
Julian Assange nach seiner Festnahme durch die britische Polizei in London. | Foto: Victoria Jones/PA Wire

Kommentar

Gefallener Ritter Assange

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Julian Assange hat jahrelang seine drohende Niederlage in einem ungleichen Kräftemessen mit dem britischen Staat hinausgezögert – nun muss er sich jedoch den Behörden geschlagen geben, die geduldig und siegessicher auf ihre Stunde gewartet haben. Eingeschlossen in einer diplomatischen Vertretung und angewiesen größtenteils nur auf elektronische Kommunikation, konnte der australische Einsiedler nur verlieren.

So wie Assanges relative Freiheit für ihn letztlich nur eine Illusion war, stellte der einst prominenteste Enthüller der Welt für seine politischen Gegner zum Schluss keine allzu große Gefahr mehr dar. Einerseits weil sein Elan verpufft war und die Medien der meist ereignislosen Reportagen von dem Eingang der Londoner Botschaft Ecuadors überdrüssig wurden. Andererseits weil das Whistleblowing – also das Aufdecken von Missständen, Korruption und Menschenrechtsverstößen – generell seine einstige Exklusivität im Scheinwerferlicht verloren hat.

Als Wikileaks gestartet waren, bedurfte es noch schillernder Ritter, die medienwirksam die Windmühlen der angeblich verbrecherischen Staaten angriffen und ordentlich Wind in der Öffentlichkeit machten. Heute sind Enthüllungen auf allen Ebenen eher keine Heldentaten mehr, sondern fast schon Massenware, an die sich viele gewöhnt haben.

Dennoch gebührt Assange Anerkennung, gemeinsam mit anderen diesen Mechanismus in Gang gesetzt zu haben. Man muss den bisweilen selbstverliebt wirkenden Hacker nicht für eine Lichtgestalt halten. Trotz all seiner Widersprüche und Allüren hat er dennoch dazu beigetragen, Missbrauch und Exzesse in der Politik bloßzustellen. Dadurch haben die Whistleblower um Assange die Welt ein Stück besser gemacht. Wenn die britischen Richter dies und die Umstände der elenden siebenjährigen Selbstisolation des Australiers gegen seine Rechtsverletzungen abwägen, sollten sie besser Milde walten lassen.