Sahra Wagenknecht
Sahra Wagenknecht will im Herbst den Linken-Fraktionsvorsitz aufgeben. | Foto: Michael Kappeler

Kommentar

Gewinn und Verlust

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Die Entscheidung der schillernden Linken-Mitanführerin Sahra Wagenknecht, sich im Herbst aus der Fraktionsspitze zurückzuziehen, verdient zunächst einmal Respekt. Auch wenn es viele nicht glauben wollen: Politik ist zumindest auf der großen Bühne ein hartes, aufreibendes Geschäft, das große persönliche Opfer abverlangen kann. Zugleich kann Politik im Scheinwerferlicht auch süchtig machen, bis die Normalität zerbröselt und eine Grenze zur Selbstzerstörung überschritten wird.

Manch einer leidet dann still und kaschiert die gesundheitlichen Folgen. Dass Wagenknecht die untragbare Belastung offenbar noch rechtzeitig erkannt hat und einen radikalen Schluss zieht, spricht für das Urteilsvermögen der 49-Jährigen – wenn die persönliche Begründung denn ehrlich gemeint war. Für die politische Bühne in Berlin ist der Rückzug der streitbaren Kapitalismuskritikerin gleichzeitig ein Verlust und ein Gewinn.

Ein Verlust ist er, weil die Politik nicht von blassen Gestalten, sondern von großen Persönlichkeiten lebt, die Menschen mitreißen, ihr Interesse wecken und sie bestenfalls dazu bringen, sich öffentlich zu engagieren. Sahra Wagenknecht hat in der Vergangenheit oft für Schlagzeilen gesorgt. Sie hat auch leidenschaftlich gerne polarisiert und viele dazu gebracht, die eigenen Ansichten zu prüfen, Positionen zu beziehen und an gesellschaftlichen Debatten teilzunehmen. Für die Demokratie war das sicher ein Gewinn.

Andererseits ist ihr Abschied im Herbst ein Gewinn für die Linke, die schon lange unter heftigen Grabenkämpfen leidet. Im Streit um die Migration, aber auch in der Sozialpolitik schien es Wagenknecht oft um Prinzipien zu gehen, weniger um Kompromisse. Ohne Rücksicht auf Verluste spielte die Fraktionschefin ein eigenes Spiel und nahm dabei eine Spaltung ihrer Partei in Kauf.

Das kann sich die Linke angesichts des zunehmenden Drucks von der AfD und der SPD, die das Politikfeld Gerechtigkeit intensiv beackern, nicht länger leisten – zumindest nicht solange die verlorenen Wähler im Osten zurückgewonnen sind. Ohne Wagenknecht könnte die Oppositionskraft in Zukunft flexibler, moderater und effizienter werden.