Spitzenpolitiker zu Gast bei Spitzenforschern: Winfried Kretschmann (Mitte) und Robert Habeck (rechts) lernen am KIT den Roboter Armar-6 kennen. Foto: Hora

Robert Habeck trifft Roboter

Grünen-Spitzenpolitiker blicken am KIT in die Zukunft

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Es ist ein besonderer Tag im „Leben“ von Armar-IIIa. Seit 13 Jahren schiebt die blaue Maschine unermüdlich ihren eintönigen Dienst in der Roboter-Übungsküche des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Immer das gleiche: Fahr zur Spüle, kehre zum Stehtisch zurück, mache die Schranktür auf und zu, hole die Milch, lass sie stehen. Dann kommen aber eines Morgens zwei Spitzen-Politiker der Grünen vorbei.

Armar-IIIa ist stumm. Der Roboter mit der weißen Kochmütze auf dem Kopf steht regungslos da und schaut mit seinen vier Knopfaugen fragend Winfried Kretschmann an. „Du musst ihm helfen, Winfried“, murmelt Grünen-Parteichef Robert Habeck. Also geht Kretschmann brav zur ausgestreckten Hand des mechanischen Kochs und zieht vorsichtig an der Packung mit den Kaffeefiltern. Es passiert nichts.

Roboter kann noch keinen Kaffee kochen

Kretschmann zieht stärker. Man hört ein Zischen, dann gibt der Greifer nach, alle lachen. „Sie sind nicht der Einzige, der damit ein Problem hat. Das hat er erwartet“, tröstet der KIT-Wissenschaftler Tamim Asfour den Ministerpräsidenten. Auf einen frisch gebrühten Roboter-Kaffee muss der Landesvater verzichten, diese Fertigkeit hat Armar-IIIa offenbar noch nicht erlernt.

Ohnehin ist Kretschmann am Freitag nicht der Stargast im Institut für Anthropomatik und Robotik des KIT. Es ist eher Robert Habeck, Hoffnungsträger und die lässig-authentische „Feel-Good-Figur“ der Grünen. Erst vor wenigen Tagen wurde der 50-Jährige mit 90 Prozent der Stimmen als Bundesvorsitzender neben Parteikollegin Annalena Baerbock wiedergewählt. Eine der ersten Dienstreisen nach dem Parteitag in Bielefeld führt den selbst ernannten „Politiker mit Haut und Haar“ nun an den Technologiestandort Karlsruhe.

Robert Habecks tiefsinnige Fragen

Habeck trägt ein Sakko, Jeans und Hemd ohne Krawatte. Der Mann mit der kunstvoll unordentlichen Frisur drängt sich nicht in den Vordergrund, redet wenig und hört konzentriert den Ausführungen der Wissenschaftler zu. Wenn der Grünen-Chef Fragen über die Künstliche Intelligenz (KI) stellt, klingen sie tiefsinnig, aber nicht abgehoben. Wenn die KI heute die Wünsche des Menschen antizipiere, werde sie morgen Gefühle entwickeln können? Ein andermal fragt er, ob sich die Menschen der Zukunft wohl freuen würden, wenn die Roboter mit ihnen spielten und nicht ihre Kinder.

Locker, freundlich und nachdenklich wirkt an diesem Morgen der Mann, der immer wieder als möglicher zukünftiger Kanzler gehandelt wird. Seit einiger Zeit redet Habeck gerne über Innovationen und Investitionen. Er weiß, dass er die Unterstützung der Wirtschaft braucht, um die politische Basis der Grünen stark zu verbreitern. Und darum ist es sicher kein Zufall, dass sich Habeck im KIT Seite an Seite mit hoch entwickelten humanoiden Maschinen präsentiert.

Öko-Partei ist interessiert an Zukunftstechnologie

Der Auftritt, bei dem der Parteichef mitunter auch eine Roboterhand neugierig betastet und sich vertrauensvoll an eine grüne Metallschulter anlehnt, soll daher sicher auch eine politische Botschaft ausstrahlen: Die Öko-Partei, einst von vielen als ein fortschrittsskeptischer Sonnenblumen-Verein belächelt, denkt ganz modern und ist an den industriellen Zukunftstechnologien sehr interessiert.

Karlsruhe hat auf diesem Gebiet einiges vorzuweisen. Im Institut für Robotik hören die beiden Grünen viel über das Zusammenspiel von Mensch und Maschine, das die Lebensqualität verbessern soll. Die KIT-Forscher zeigen den Politikern anschließend personalisierte, intelligente Handprothesen, multifunktionale Greifer, sprachgesteuerte Reparaturhelfer und selbst lernende Systeme, die Konsequenzen aus eigenen Handlungen ziehen und eigenes Erfahrungswissen nutzen können.

Zum Spiegelei braten braucht man Öl

„Wenn unser Roboter mal ein Spiegelei machen soll, wird er sich erinnern können, dass er dafür Öl braucht“, erklärt der Institutsleiter Asfour. „Und wenn er eine Salatschüssel sucht und nicht findet, dann holt er sich halt ein anderes, passendes Gefäß“.

Habeck zeigt sich von den Demonstrationen beeindruckt. Er spricht von „Dingen, die man sonst in abgefahrenen Filmen sieht“ und schwärmt von der interaktiven Zusammenarbeit von Mensch und KI: „Wenn sich der Montagearbeiter beim Roboter bedankt, und dieser sagt: ,gern geschehen’, dann merkt man, dass da gesellschaftlich viel passiert ist“.

Karlsruhe als Herz des „europäischen Wertekanons“

In Karlsruhe denke man die Technik vom Menschen her, lobt der Politiker. Anders als China und Amerika würden die hiesigen Forscher „Lösungen für die menschliche Gesellschaft“ in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen. Darin macht Habeck nichts weniger als einen „europäischen Wertekanon“ aus. Und nennt Karlsruhe das „Herz dieses Kanons“.

Natürlich bleibt an diesem Tag der Umweltschutz nicht außen vor. Der teils enorme Stromhunger der schlauen Maschinen gibt Habeck zu denken. „Der Fortschritt sollte nicht unnötig Energie verbrauchen“, urteilt er und bittet Armar-IIIa, die offene Tür des Kühlschranks zuzumachen, aus dem der Küchenroboter Milch geholt hat. „Das versuche ich auch meinen Kindern beizubringen“, sagt der Grünen-Chef lachend – und freut sich, dass der Helfer mit der Kochmütze gehorcht.