May in Brüssel
Die Zeit von Theresa May in der Downing Street 10 ist abgelaufen. | Foto: Frank Augstein/AP

Kommentar

Brexit: Hoffen und beten

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May muss jetzt bekannt geben, wann sie aus der Downing Street 10 auszieht. Ihre Zeit ist ohnehin längst abgelaufen. Sie hat sich im zähen Brüsseler Scheidungsprozess als eine unflexible und amateurhafte Verhandlungspartnerin blamiert. Die sture Britin ist ein Graus für ihre Amtskollegen in Kontinentaleuropa, die kein Vertrauen mehr in ihre Fähigkeiten als Krisenmanagerin haben.

Vor dem Streitgespräch mit ihren Erzrivalen auf dem Landsitz in Chequers hatte es Theresa May am Sonntag nicht versäumt, in die Kirche zu gehen. In schweren Zeiten hält die „neue eiserne Lady“ Großbritanniens immer an ihrem christlichen Glauben fest.

So war es, als die Pfarrerstochter mit 25 Jahren beide ihre Eltern verlor oder als sie feststellen musste, dass sie niemals eigene Kinder haben würde. Der Zeitung „Mail on Sunday“ vertraute May später an, sich auf die aufbauende Kraft der Gebete voll zu verlassen. Jetzt, nachdem viele ihrer Verbündeten sie verlassen haben, nachdem ihre Hoffnung auf ein irgendwie noch glanzvolles Finale des epischen Brexit-Dramas geschwunden ist, bleibt der gescheiterten Premierministerin nicht viel mehr als beten und hoffen, dass sie in den nächsten 18 Tagen unter der erdrückenden Last der Verantwortung nicht zerbricht.

Die Zeit läuft

Am 12. April läuft der erste Aufschub ab, den die EU May eingeräumt hat, um auf den letzten Metern des Brexit-Marathons eine Mehrheit für den Austrittsvertrag im Westminster-Parlament zu bekommen. Eine schier unlösbare Aufgabe. Die Regierungschefin hat vielleicht nur noch eine Chance, die frustrierten Konservativen an der Schwelle einer Meuterei zu besänftigen und das Parlament temporär auf ihre Seite zu ziehen, nämlich wenn sie zurücktritt.

May muss jetzt bekannt geben, wann sie aus der Downing Street 10 auszieht. Ihre Zeit ist ohnehin längst abgelaufen. Sie hat sich im zähen Brüsseler Scheidungsprozess als eine unflexible und amateurhafte Verhandlungspartnerin blamiert. Die sture Britin ist ein Graus für ihre Amtskollegen in Kontinentaleuropa, die kein Vertrauen mehr in ihre Fähigkeiten als Krisenmanagerin haben.

Die sture Britin ist ein Graus für ihre Amtskollegen in Kontinentaleuropa

Und auch im erbitterten Kräftemessen des zerstrittenen Unterhauses an der Themse hat die Premierministerin nichts mehr zu gewinnen, seit sie die Parlamentarier mit ihrem Schwarzen-Peter-Spiel der Schuldzuweisungen in der Brexit-Misere vergrätzt hat. Und je länger sich May dagegen sträubt, ihre Niederlage zu akzeptieren, Verantwortungsgefühl zu zeigen, in Würde zu gehen und damit den Weg zu neuen Brexit-Kompromissen zu öffnen, desto mehr schadet sie ihrem Land.

Die Tatsache, dass die Regierung das Parlament manipuliert und den millionenfachen Protest der Briten gegen den traumatischen EU-Abschied ignoriert, hat die britische Demokratie in den Grundfesten erschüttert. Egal, wie das Brexit-Tauziehen ausgeht, die offenen Wunden im Königreich werden noch lange heilen müssen.

In dieser Situation ist es wichtig, dass Europa die Briten nicht fallen lässt. Das Land mag bald seine engen Bande mit den Kontinent kappen, es wird trotzdem unser Nachbar und Freund bleiben. Wenn sich die Gemüter wieder abgekühlt haben, müssen Brüssel und London offen darüber sprechen, wie eine neue, fruchtbare Partnerschaft aussehen könnte.