Die beiden Kühltürme des Kernkraftwerks Philippsburg werden bald einstürzen. Der Standort soll in Zukunft zu einem Knotenpunkt einer Stromautobahn werden. Foto: imago-images

Atomausstieg

Im alten Atommeiler Philippsburg gehen bald die Lichter aus

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Am 10. März 1979 wurde es im Atomkraftwerk Philippsburg erstmals „kritisch“ – und alle freuten sich darüber. Die am Leitstand des Blocks 1 versammelten Politiker und Energiemanager atmeten erleichtert auf, als die Geräte des brandneuen Atommeilers eine erste sich selbst erhaltende Kettenreaktion anzeigten.

Im Gespräch mit den BNN, die damals vom großen Tag in der Kleinstadt am Rhein berichteten, schwärmte der damalige Bürgermeister Fritz Dürrschnabel vom „sichersten Kraftwerk der Welt“ und betonte, dass es in Philippsburg nicht einen Hauch von Unzufriedenheit mit dem Umstieg auf die Energiequelle der Zukunft gab: „Was an Protesten kommt, stammt ausnahmslos von außen“.

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Die Euphorie und Aufbruchstimmung, die Aufregungen nach den Störfällen, die Diskussionen über Ausstieg und Stilllegung nach der Fukushima-Katastrophe – all dies wird bald Vergangenheit sein, wenn im AKW Philippsburg endgültig die Lichter ausgehen. Bis zum Jahresende 2019 soll der noch betriebene Block 2 vom Netz gehen.

2022 ist Schluss mit der Kernkraft im Südwesten

Der in die Jahre gekommene erste Block war schon im Frühjahr 2011 abgeschaltet worden, nachdem der Bundestag die Atomwende beschloss. 2017 begannen dort die Rückbauarbeiten. Nun dauert es gar nicht mehr lang, ehe Baden-Württemberg mit der Abschaltung des dann letzten aktiven AKW Neckarwestheim (Kreis Heilbronn) spätestens Ende 2022 sich für alle Zeiten von der Kernkraft verabschiedet.

Die aufwendige Entsorgung der nuklearen Altlasten und die Frage nach der Sicherheit des strahlenden Mülls werden im Südwesten allerdings noch viele Jahrzehnte auf der Tagesordnung stehen.

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Mit der nahenden Zerstörung der markanten, 152 Meter hohen Kühltürme am Rhein wird in der Geschichte der Atomenergie am Standort Philippsburg ein neues Kapitel aufgeschlagen. Es ist geplant, dass die beiden Kolosse aus jeweils rund 30 000 Tonnen Stahl und Beton in der ersten Hälfte 2020 gesprengt werden, wenn das Landesumweltministerium, wie erwartet, seine Zustimmung gibt.

Knotenpunkt einer zukünftigen „Stromautobahn“

Von da an dreht sich alles um den Rückbau des Blocks 2 und den Neubau einer Verteilerstation für eine der vier zukünftigen „Stromautobahnen“, die Energie aus dem windreichen Norden an Verbraucher und industrielle Großabnehmer im Süden und Westen der Republik leiten werden. Bis der saubere Strom durch Philippsburg fließt, gibt es noch viel zu tun.

Als eine „enorme Herausforderung“ bezeichnet die bevorstehende Schließung und den Rückbau des Atomkraftwerks die Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth. „Diese Herausforderung wird bleiben, solange Zwischenlagerung und Endlagersuche nicht abgeschlossen sind“, sagte die Grünen-Politikerin im Gespräch mit den BNN. „Das wird die Region um Philippsburg, wird uns alle noch lange Zeit beschäftigen.“

Da wäre zunächst das Problem des belasteten Bauschutts, für den es bislang keine Deponie gibt. „Dieser Müll ist nicht ohne: Darin kann vereinzelt Radioaktivität sein, und die Bevölkerung ist beunruhigt“, sagt die Karlsruher Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl (Grüne). „Diesen Müll müssen wir oberirdisch lagern und dabei möglichst ein strenges Verfahren wählen, das uns nicht Milliarden Euro kosten wird.“

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98-prozentiges Recycling

Im Juli wurde auf dem Kraftwerksgelände ein Reststoff-Bearbeitungszentrum eröffnet, in dem die zukünftigen radioaktiven Abfälle auf ein Minimum reduziert werden sollen. EnBW erwartet, auf diese Weise bis zu 98 Prozent der Reststoffe später auf Deponien zu entsorgen. Ein Prozent sollen die schwach- bis mittelradioaktiven Abfälle betragen, die künftig im Endlager Schacht Konrad bei Salzgitter landen werden. Zwischenzeitlich sollen sie in einem eigens dafür gebauten Standort-Abfalllager in Philippsburg untergebracht werden.

Schließlich werden die hochradioaktiven Abfälle, zu denen die Brennelemente gehören, in Glas eingeschmolzen und in den dickwändigen Castor-Behältern auf dem Kraftwerksgelände deponiert. Jeder Castor-Behälter kann bis zu 28 dieser Glaskokillen fassen.

Strahlender Müll bleibt bis mindestens 2050

Das Zwischenlager in Philippsburg ist für maximal 152 Behälter zugelassen; nach derzeitigem Stand werden seine Kapazitäten nur zu etwa zwei Dritteln ausgelastet sein. Allerdings muss die EnBW in Philippsburg auch einige Behälter aus der Wiederverarbeitung in Großbritannien und Frankreich aufnehmen. Es wird erwartet, dass die Castoren mindestens bis 2050 in Reichweite der Stadt mit 12 000 Einwohnern bleiben werden, ehe in Deutschland ein Endlager gefunden und eingerichtet wird.

Das schwierige und politisch aufgeladene Thema Endlagerung ist einer der Schwerpunkte der Karlsruher Atomtage 2019, die an diesem Samstag zu Ende gehen. Ihre Organisatorin, die Grünen-Politikerin Kotting-Uhl, ist vorsichtig optimistisch, dass dieses Problem gelöst werden kann. „Wir sind am Anfang, da heißt es: Daten sammeln von allen Landesbehörden, um sie zu vergleichen und zu schauen, welche Standorte die Mindestkriterien nicht erfüllen“, sagt sie. „Noch sind wir bei der Suche nicht in Verzug, der erste Bericht soll 2020 kommen.“