Im ruhigen Fahrwasser

Radikaler Karrierewechsel: Martin Selmayr geht nach Wien

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Das Loslassen ist eine hohe Kunst. Eben noch ein stark beanspruchter Macher und Entscheider mit viel Verantwortung, fällt manch einer in ein tiefes Loch, wenn der Schreibtisch erst einmal geräumt ist und das Telefon nicht mehr klingelt.

„Nichts ist entspannender, als das anzunehmen, was kommt“, lautet ein kluger Rat des Dalai Lama für solche Fälle. Der Stimme von Martin Selmayr am Telefon nach zu urteilen, ist er gerade ziemlich entspannt.

Der Anruf erreicht den einst mächtigsten Beamten Europas irgendwo im Österreich-Urlaub. Moment mal, Österreich? Weniger als zwei Wochen zuvor hat die EU-Kommission beschlossen, den Deutschen in Anerkennung seiner „herausragenden Fähigkeiten und Leistungen“ ab 1. November als neuen Leiter ihrer Vertretung nach Wien zu schicken. Es ist also wohl kein Zufall.

„Es stehen neue schöne, spannende Zeiten bevor“

Selmayr nimmt sich Zeit, er wählt einen freundlich-lockeren Ton. Nach den teils schadenfrohen Berichten über seinen Karrierewechsel möchte der Urlauber klarstellen, dass alles nach Plan läuft: „Ich freue mich auf die neue Aufgabe“. Seine Frau und er selbst seien „mit dem Ergebnis im Reinen“, versichert der 48-Jährige und beantwortet die Frage nach der Wehmut angesichts des nahenden Abschieds von Brüssel mit einem Nein. „Es war eine schöne, spannende Zeit. Aber es stehen neue schöne, spannende Zeiten bevor“.

Dalai Lama wäre wahrscheinlich zufrieden mit Martin Selmayr. Eigentlich ist das erstaunlich. Noch wenige Wochen vor der Europawahl Ende Mai erleben BNN-Redakteure den damaligen Generalsekretär der Europäischen Kommission beim Redaktionsbesuch in Karlsruhe als einen tatendurstigen „Maschinisten“ in der EU-Schaltzentrale, der nach den Brüsseler 15-Stunden-Arbeitstagen geradezu süchtig zu sein scheint. Er habe „Glücksmomente“, an Europa zu arbeiten, erzählt der in Karlsruhe aufgewachsene Spitzenjurist – und schwärmt vom kollegialen Miteinander der Nationen im Berlaymont-Haus.

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Jetzt ein „Sonderberater“ von Juncker

Seit 1. August ist der frühere Dienstherr von etwa 32 000 EU-Beamten jedoch nur „Sonderberater“ des scheidenden Kommissionschefs Jean-Claude Juncker, ehe er in der Alpenrepublik seinen vergleichsweise bescheidenen Job in einer Vertretung mit etwa 20 Mitarbeitern aufnimmt. Was also ist passiert?

Die Antwort lautet: Ursula von der Leyen. Am 2. Juli, als das Gezerre um Junckers Nachfolge in der dritten Runde zu scheitern droht, wird überraschend die deutsche Verteidigungsministerin als Kandidatin des EU-Rats aus dem Hut gezaubert. Europas Blamage ist abgewendet, doch es ist keineswegs ein Heimspiel für die 60-jährige CDU-Politikerin, die in den folgenden zwei Wochen noch zahlreiche Kritiker mit ins Boot holen muss.

Auch der „General“ an der Seite Junckers wird in Brüssel seit längerem kritisch gesehen. In seinem Job, der mit dem Berliner Kanzleramtsminister vergleichbar ist, hat sich Selmayr wegen seiner resoluten Art nicht nur Freunde gemacht. So hat seine Beförderung zum Generalsekretär im Jahr 2018 im Europäischen Parlament viele Fragen hinterlassen, das die Entscheidung in einer Resolution gerügt hat. Selmayr ließ alle Kritik von sich abprallen. „Man kann nicht die Europäische Kommission wie eine Montessori-Schule leiten, sagte er einmal der Financial Times.

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„Ich werde nicht in Brüssel bleiben“

Manche Skeptiker im Parlament sind jedoch offenbar nur dazu bereit, die Kandidatur von der Leyens mitzutragen, wenn der Deutsche keine Rolle mehr in der künftigen Kommission spielt. Einen Tag vor der Abstimmung am 16. Juli verkündet die Bewerberin, dass Selmayr nicht weitermachen wolle. Daraufhin bestätigt er dem Politikportal Politico: „Ich werde nicht in Brüssel bleiben“.

Mit etwas Abstand zu jenen bewegten Tagen klingt er nicht bitter, eher gelassen und gleichmütig. „Nach 15 Jahren im Schaltzentrum der europäischen Politik ist es Zeit, ins Glied zurückzutreten und etwas anderes zu tun“, sagt Selmayr. Es sei zudem richtig, dass nicht alle EU-Spitzenposten von Deutschen besetzt werden würden. Denn: „Es ist wichtig, in Europa in gemischten, plurinationalen Teams zu arbeiten, um Europa besser zu verstehen“.

Er fügt noch hinzu, dass er von der Leyen gut kenne, sich für sie lange eingesetzt habe und dass die in Berlin als wenig erfolgreich geltende Ex-Ministerin „die richtige und die einzig mögliche Wahl unter diesen Umständen“ gewesen sei. Selmayr nennt das knappe Ja mit 383 Stimmen im Europaparlament für seine baldige Chefin ein „kleines politisches Wunder“, welches auf „geschickte Arbeit von Politikern und Mitwirkern“ zurückzuführen sei. Denn Deutschland sei im vergangenen Jahrzehnt in Europa vor allem wegen seiner Rolle in den Finanz- und Flüchtlingskrisen sehr kritisch gesehen worden.

Kein gutes Haar lässt er an den deutschen Sozialdemokraten, die in seiner Wahrnehmung ihre Landsmännin im Stich gelassen haben. 16 SPD-Abgeordnete lehnten von der Leyen als Kommissionschefin ab, auch weil die Partei am Prinzip der vom EU-Parlament vorgeschlagenen Spitzenkandidaten festgehalten hat. „Ich wundere mich, dass die Deutschen mit Deutschen in Brüssel besonders kritisch und negativ umgehen“, kommentiert indes Selmayr. „In Europa sollte das Gesamtinteresse der Gemeinschaft stärker sein als die Parteipolitik.“

Zufrieden mit dem „geordneten Haus“ Europa

Sehr zufrieden ist er dagegen mit dem Ergebnis der oft als „Schicksalswahl“ hochstilisierten Abstimmung auf dem Kontinent. „Die Populisten, vor denen sich viele gefürchtet haben, sind zumindest eingedämmt worden.“ Europa sei handlungsfähiger als viele gedacht haben, unterstreicht der noch bis vor drei Wochen einflussreichste Strippenzieher in Brüssel. Er ist selbstbewusst genug, um seinen eigenen Verdienst darin hervorzuheben: „Ich hinterlasse das Haus geordnet und deshalb in großer Zufriedenheit, weil die Kommission in den vergangenen Jahren viel erreicht hat, vor allem bei der Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage und in der Handelspolitik“.

Natürlich weiß Selmayr, dass in den Medien darüber spekuliert wird, ob sein Wechsel in ruhigeres politisches Fahrwasser rein taktischer Natur sei und nicht lange andauern werde. Bereitet der ehemalige „Chef-Maschinist“ der Europäischen Union womöglich im Geiste schon sein Comeback vor? Er winkt ab, wählt aber seine Worte sehr sorgfältig. „Ich bin für die Funktion als EU-Botschafter in Wien auf fünf Jahre ernannt und ich habe vor, mein Mandat in Gänze zu erfüllen.“

Der Europa-Profi versichert, dass er „in einer wichtigen Hauptstadt“ eines Landes, welches eine „Brücke zu Ost- und Mitteleuropa“ sei, noch viel lernen könnte. Und wieder klingt Martin Selmayr so, als hätte er vollkommen losgelassen.