Die Neu-Ulmer Journalistin Mesale Tolu erzählte im Tollhaus von der traumatischen Zeit in einem türkischen Gefängnis.
Die Neu-Ulmer Journalistin Mesale Tolu erzählte im Tollhaus von der traumatischen Zeit in einem türkischen Gefängnis. | Foto: Makartsev

Lesung im Karlsruher Tollhaus

In Erdogans Geiselhaft: Mesale Tolu rechnet mit dem türkischen Staat ab

Anzeige

„Es ist ein bedrückendes Thema“, beginnt auf dem Podium die schwarz gekleidete Frau mit den langen braunen Haaren. „Aber ich möchte hier Mut und Hoffnung geben, dass das Leben weitergeht“.

Dass sie keine leichte Geschichte hören würden, war den Besuchern im Karlsruher Tollhaus am Dienstagabend wohl von Anfang an klar. Die Neu-Ulmer Journalistin Mesale Tolu las aus ihrem Buch vor, das den Titel „Mein Sohn bleibt bei mir!“trägt. Der Abend wurde zu einer persönlichen und eindringlichen Abrechnung mit einem Unrechtsstaat, der den Menschen ihre Würde und Freiheit raubt.

Mesale Tolu, Deutsche mit türkischen Familienwurzeln, wurde als angebliche linksextreme Terroristin im April 2017 in ihrer Istanbuler Wohnung verhaftet und ins berüchtigte Polizeipräsidium der Stadt gebracht, wo sie eine Woche lang bedroht und verhört wurde. Später wurde die Mutter eines zweijährigen Sohns in ein Frauengefängnis verlegt. Fünf Monate lang lebte Tolu dort mit dem kleinen Serkan.

Nach zahlreichen lautstarken Protesten in Deutschland und dank einer Intervention der Bundesregierung kam sie Ende 2017 unter Auflagen frei, konnte jedoch zunächst nicht ausreisen. Erst acht Monate später hob ein türkisches Gericht die Sperre auf. Seit der Rückkehr lebt Tolu mit ihrer Familie in Neu-Ulm, sie macht derzeit eine journalistische Ausbildung bei der „Schwäbischen Zeitung“.

„Einer Horde Männer ausgeliefert“

In Karlsruhe bedankte sie sich bei allen, die auf die Straße gegangen waren, um gegen ihre Inhaftierung zu demonstrieren: „Es ist wichtig, nicht wegzuschauen“. Was die junge Frau in der Haft erlebt hatte, schildert sie eindrücklich in ihrem Buch. „Ich zitterte innerlich, denn ich wusste, dass ich dieser Horde Männer ausgeliefert worden war, die sich jetzt schon in allen möglichen Gewaltfantasien ergingen“, las Tolu vor.

In einer anderen Passage schildert sie, wie ihr Serkan bei dem „Überfall auf mein Leben“ zusehen musste, wie „dreckige Militärstiefel“ sein Zuhause zerstörten. Ihr heute vierjähriger Sohn sei in Deutschland „fröhlich und sehr glücklich“, sagte Tolu in einem Gespräch mit den BNN vor der Lesung. „Er erinnert sich an alles, aber es hat bei ihm keine Spuren hinterlassen“. Ihr selbst habe die Arbeit am Buch geholfen, das Trauma zu verarbeiten. „Ich durchlebte beim Schreiben alles noch einmal und stellte fest, dass ich es kann“, sagte sie.

Die Erinnerungen an die Zeit als politische Gefangene kommen in ihr jetzt nur selten hoch. Zum Beispiel dann, wenn plötzlich ein blaues Lichtflackern der Polizei die Fenster ihrer Wohnung erhellt. Dann sagt sie sich, dass sie in Sicherheit sei und die Familie um sich habe. „Das Ganze belastet mich nicht. Schlimm ist nur, dass ich nicht in die Türkei reisen kann, wo jetzt ein Prozess gegen mich beginnt. Der türkische Staat beraubt mich damit erneut meiner Freiheit“.

Mesale Tolu kritisiert auch Bundesregierung

Tolu glaubt nicht, dass sie im „Schauprozess“ freigesprochen werden könnte: „Die Türkei wird nie eingestehen, dass sie einen Fehler gemacht hat“. Sie geht mit der Bundesregierung hart ins Gericht, etwa mit Innenminister Horst Seehofer. „Ich habe nichts zu kritisieren an der Arbeit der Türkei“, sagte der CSU-Politiker kürzlich bei seinem Besuch in Ankara.

Tolu nennt solche Äußerungen „blauäugig“, weil die Politik „wohlwissend“ ignoriere, dass sich Dutzende deutscher Staatsbürger in der Türkei in Haft befänden. „Deutschland ist zu still“, sagt sie. „Die Situation wird immer schlimmer, irgendwann wird sie unerträglich sein. Darum müssen wir klare Worte finden“.