Skip to main content

Der vierte Kanzlerkandidat

Der Offenburger Jürgen Todenhöfer will mit seinem „Team“ Deutschland umkrempeln

Jürgen Todenhöfer saß für die CDU 18 Jahre lang im Bundestag, später diente er den Dschihadisten in den von der Terrororganisation IS kontrollierten Gebieten als Sprachrohr. Nun will der kontroverse Publizist mit seinem „Team“ Deutschland umkrempeln und Kanzler werden.

Tritt bei der Bundestagswahl an: Jürgen Todenhöfer, ehemaliger CDU-Abgeordneter, hat im November vor dem Brandenburger Tor die Gründung der Partei „Team Todenhöfer“ verkündet. Foto: Jörg Carstensen/dpa

Von den verschiedenen Forderungen im Bundestagswahlkampf dürfte diese zu den exotischsten gehören. Politiker, die künftig den Bundeswehr-Einsätzen in Krisengebieten zustimmen, müssten selbst vier Wochen „an die Front“, verlangt das „Team Todenhöfer – die Gerechtigkeitspartei“. Wahlweise sollen diese Politiker auch ihre Kinder schicken dürfen.

Die schräge Idee ist ein Teil des Reformprogramms für das angeblich „unter Wert“ regierte Deutschland, mit der ein kontroverser Publizist, Ex-Medienunternehmer und langjähriger Ex-Bundestagsabgeordneter der CDU derzeit um Wählerstimmen kämpft.

Der Offenburger Jürgen Todenhöfer hat sich selbst zum 80. Geburtstag im November 2020 ein Geschenk gemacht und eine Partei gegründet, die binnen kurzer Zeit so viele Anhänger angezogen hat, dass sie zur Wahl am 26. September zugelassen wurde.

Der streitbare Moralist tritt dabei nicht nur an, um die etablierten Parteien das Fürchten zu lehren. Sein großer Plan ist es, Kanzlerin Angela Merkel im Amt zu beerben.

Provokantes Foto in zerbombter Hausruine

Der konservative Politiker mit der runden Brille hatte schon immer Talent für provokante Selbstinszenierungen. 2014 ließ sich Todenhöfer aus Protest gegen den Gaza-Krieg in den Ruinen eines zerbombten Hauses in Gaza mit dem um ihn herum drapierten Kinderspielzeug fotografieren – und handelte sich den Vorwurf der Manipulation ein.

Um die „barbarischen Öl-Kreuzzüge“ des Westens bloßzustellen, reiste er im selben Jahr nach Mosul im damaligen Besatzungsgebiet des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS).

Der von einem Fernsehteam begleitete Todenhöfer ließ dort einen deutschen Dschihadisten zu Wort kommen, der den „Christen und Juden“ damit drohte, „durch das Schwert umzukommen“.

Deswegen und wegen seiner Verharmlosung des Islamismus als angebliche Reaktion auf das „Terrorzuchtprogramm“ der USA handelte sich der einstige entwicklungspolitische Sprecher der CDU im Bundestag den Vorwurf ein, zum Propaganda-Helfer von Terroristen mutiert zu sein.

Öffentlichkeitswirksamer Austritt aus der CDU am 80. Geburtstag

Vor zwei Jahren nahm Todenhöfer an einer Demonstration im Gazastreifen teil und wurde von einem israelischen Gummigeschoss getroffen. Schließlich der Austritt aus der CDU nach 50 Jahren Mitgliedschaft: Der ergraute Rebell kündigte ihn an seinem 80. Geburtstag auf Facebook an und rief alle Interessierten dazu auf, am selben Abend am Brandenburger Tor der Gründung seiner neuen Partei beizuwohnen.

Die Menge war überschaubar – doch acht Monate später zählt das angeblich schnell wachsende „Team Todenhöfer“ schon 7.300 Mitglieder bundesweit, darunter 1.100 in Baden-Württemberg. Auf Facebook folgen seinem Chef knapp 700.000 Menschen, die ihn teilweise glorifizieren.

Der „Team“-Vorsitzende ließ sich im Mai zum Kanzlerkandidaten wählen. Todenhöfer erklärte dazu: „Die jämmerliche Corona-Politik der jetzigen Politikergarde gibt der deutschen Bevölkerung einen Vorgeschmack darauf, was auf sie zukommt. Diese Regierung muss weg.”

Erste politische Hürde erfolgreich bewältigt

Es wäre vielleicht zu einfach, die neue Kleinpartei nur als einen Publicity-Stunt eines Egozentrikers abzustempeln. Immerhin hat das „Team Todenhöfer“ mit der Zulassung zur Wahl eine erste Hürde überwunden, an der einige Dutzend Mitbewerber gescheitert sind.

Der Bundeswahlausschuss musste dabei prüfen, ob das „Team“ überhaupt eine Partei ist und mit seiner „dauernden Mitwirkung an der politischen Willensbildung des Volkes“ eine „öffentliche Aufgabe“ wahrnehmen kann. Das Ergebnis: positiv.

Auch in Karlsruhe sind nun Wahlplakate zu sehen, auf denen das „Team“ die Konkurrenz mit dem Spruch belehrt: „Liebe CDU, SPD, FDP, AfD & Grüne: Gute Politik geht anders!“

Bedeutet das Weglassen der Linkspartei, dass sich der Pazifist Todenhöfer den Gegnern der Nato und Rüstungsexporte verbunden fühlt? Nein, man habe die Linke „einfach aus Platzgründen weggelassen“, sagt die Parteisprecherin Sarah El Jobeili.

Wir sind die einzige Partei, die sich für alle einsetzt.
Sarah El Jobeili, Sprecherin „Team Todenhöfer - die Gerechtigkeitspartei“

Auf Anfrage klärt die PR-Strategin aus Hamburg auf, dass ihre Partei mit allen Kräften außer der AfD zusammenarbeiten wolle und sich aber von allen anderen Parteien unterscheide. Mit einem Frauenanteil von 45 Prozent sei das „Team“ weiblicher, mit dem Durchschnittsalter von 36 Jahren jünger als die Mitbewerber bei der Wahl.

„Wir sind die einzige Partei, die sich für alle einsetzt. Es gibt deshalb keine Kernzielgruppe“, sagt El Jobeili, die im September mit nicht weniger als zehn Prozent der Wählerstimmen rechnet.

Das „Team“ verspricht den Unterstützern, die Massentierhaltung zu verbieten, bei der Produktion von Elektroautos die „Mindeststandards der Moral“ einzuhalten, die „Marionetten“-Rolle Deutschlands in der Beziehung zu den USA zu beenden, eine Million klimafreundlicher Häuser oder Wohnungen zu bauen und den Bundestag zu halbieren. Wie das alles erreicht werden soll, dazu schweigt das Wahlprogramm.

Gegenüber den BNN wehrt sich El Jobeili gegen den Eindruck, dass es dem „Team Todenhöfer“ in Wirklichkeit nur um Todenhöfer selbst geht.

„Uns geht es um Gerechtigkeit“, versichert sie. Und räumt dann doch noch ein: Es sei „seine Vision“, er sei der Begründer: „Klar wurde aus Marketinggründen dieser bekannte Name im Parteinamen aufgegriffen.“

nach oben Zurück zum Seitenanfang