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Grüne

CDU-Chef Armin Laschet: Der Ausgleichende

Armin Laschet ist ein Typ der leisen Töne. Unterschätzen sollte man sein Machtbewusstsein dennoch nicht. Schon mehrfach hat der CDU-Chef Niederlagen in spätere Siege umgewandelt.

Der erste Nordrhein-Westfale im Kanzleramt seit Konrad Adenauer? Als CDU-Chef ist Armin Laschet dem ersten Kanzler bereits gefolgt, nun will er auch die Merkel-Nachfolge antreten. Foto: Oliver Berg/dpa

Helmut Kohl ist entsetzt. Dass sich eine Gruppe junger Abgeordneter der CDU und der CSU, denen es aus seiner Sicht an Statur wie an Erfahrung fehlt, im Juni 1995 im Weinkeller des italienischen Restaurants „Sassella“ in Bonn mit gleichaltrigen Kolleginnen und Kollegen der „Grünen“ trifft, um bei Pasta oder Pizza über Politik, Gott und die Welt zu diskutieren, stößt beim „Kanzler der Einheit“ auf wenig Gegenliebe.

Die Grünen, das sind in seinen Augen unzuverlässige Schmuddelkinder am linken Rand des Parteienspektrums, mit denen er nichts zu tun haben will.

Doch die Jungen in der Bundestagsfraktion, von denen die meisten 1994 erstmals in den Bundestag gewählt worden sind, lassen sich davon nicht beirren. Im Gegenteil. Dass die sich regelmäßig treffende Runde, die bald unter dem Namen „Pizza-Connection“ bundesweite Bekanntheit erlangt, von den Alten argwöhnisch beäugt wird, macht sie erst recht interessant. Und bringt den Aufmüpfigen den Ruf von „jungen Wilden“ ein, die mit ihrem Tabubruch an den Grundpfeilern der Macht rütteln.

Laschet als Jungpolitiker im engen Kontakt mit Grünen

Zu ihnen gehört auch der damals gerade einmal 34-jährige CDU-Abgeordnete Armin Laschet, der völlig überraschend im Jahr zuvor das Direktmandat für den Wahlkreis Aachen-Stadt gewonnen hat und nun an der Seite von Hermann Gröhe, Norbert Röttgen, Peter Altmaier oder Ronald Pofalla mit den Grünen über Klimaschutz, Ökosteuer oder ein neues Staatsbürgerschaftsrecht diskutiert.

Großen Einfluss auf die praktische Politik haben die Treffen nicht, aber man lernt sich kennen und schätzen, erfährt, wie die andere Seite denkt und argumentiert. Nach der Bildung der rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder (SPD) schläft die gesellige Runde ein, die Grünen regieren fortan an der Seite der SPD.

Nur Schwarz-Grün hat derzeit eine Mehrheit - Vorteil Laschet?

Gut zweieinhalb Jahrzehnte später steht der gelernte Journalist und spätere Verlagsleiter Armin Laschet, seit 2012 Chef des mitgliederstärksten CDU-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen und seit Juni 2017 Ministerpräsident des größten Bundeslandes, vor dem nächsten Karrieresprung.

Nach seiner Wahl zum CDU-Vorsitzenden im Januar strebt er auch die Kanzlerkandidatur an mit dem klaren Ziel, im Herbst als Nachfolger von Amtsinhaberin Angela Merkel ins wuchtige Berliner Kanzleramt einzuziehen. Seine guten Kontakte zu den Grünen, die er seit den 90er Jahren in Bonn pflegt, könnten sich dabei als entscheidender Vorteil im unionsinternen Ringen mit dem bayerischen Amtskollegen und CSU-Vorsitzenden Markus Söder erweisen.

Nach den aktuellen Umfragen hat nur ein einziges Zweierbündnis derzeit eine Mehrheit – Schwarz-Grün. Und Laschet wird es zugetraut, diese Koalition nicht nur zu schmieden, sondern auch zusammenzuhalten, obwohl er in Düsseldorf ebenso ruhig wie unaufgeregt mit den Liberalen koaliert.

Ausgleichen, versöhnen, moderieren – der 60-jährige rheinische Katholik aus Aachen wirkt in seinem Auftreten wie ein Gegenentwurf zu seinem Rivalen Söder, der gerne forsch und selbstbewusst auftritt, zugespitzt formuliert und dabei wirkt, als könne er vor Kraft kaum laufen. Laschet hingegen liebt die leisen Töne, hört zu, sucht den Ausgleich, womit er eher in einer Linie mit Amtsinhaberin Angela Merkel steht.

Erster Integrationsminister in einem Bundesland

Doch unterschätzen sollte man ihn nicht. An Machtbewusstsein mangelt es auch Laschet nicht, erst recht nicht an Stehvermögen. Mehrfach bereits wandelte er Niederlagen in spätere Siege um und setzte sich im Ringen um die Macht gegen vermeintlich Stärkere durch.

So bewarb sich Laschet, der von 2005 bis 2010 in Nordrhein-Westfalen der erste Landesminister für Integration in Deutschland war, nach dem Rücktritt von Landeschef Jürgen Rüttgers im Jahr 2010 erfolglos um dessen Nachfolge, in einer parteiinternen Umfrage setzte sich Norbert Röttgen mit 54,8 Prozent der Stimmen durch.

Doch als dieser zwei Jahre später die Landtagswahl gegen Hannelore Kraft von der SPD verlor und von Bundeskanzlerin Angela Merkel als Umweltminister entlassen wurde, war der Weg für Laschet an die Spitze der Partei frei. 2017 gewann er schließlich die Landtagswahl.

Nach dem Rücktritt von CDU-Chefin Angela Merkel hielt er sich bedeckt und unterstützte Annegret Kramp-Karrenbauer, nach deren Rückzug setzte er sich schließlich im Januar gegen Norbert Röttgen und Friedrich Merz durch.

Laschet: Aachener, begeisterter Chorsänger und Karnevalist

Der Vater von drei erwachsenen Kindern und begeisterte Chorsänger, der seine Frau bereits im Grundschulalter in einem Kinder- und Jugendchor im Aachener Stadtteil Burtscheid kennenlernte, hat als „Bevollmächtigter der Bundesrepublik Deutschland für die kulturellen Angelegenheiten im Rahmen des Vertrags über die deutsch-französische Zusammenarbeit“ gute Kontakte zum französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, zudem ist er Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

Sein akademisches Ansehen beschädigt wurde allerdings durch die Notenaffäre - als Lehrbeauftragter an der RWTH Aachen „verlor“ er Klausuren und verteilte freihändig 35 Noten an lediglich 28 Prüfungsteilnehmer, wodurch der Schwindel aufflog. Seinen Lehrauftrag gab er daraufhin zurück.

Hier hat man einen festen Standpunkt, aber ist offen zu allen Seiten.
Armin Laschet, CDU-Vorsitzender

Wie es sich für einen Rheinländer gehört, ist er ein begeisterter Karnevalist und seit 2018 Ehrensenator im Kölner Karneval. Als erster Aachener wurde er mit dem „Orden wider den tierischen Ernst“ des Aachener Karnevalsvereins wegen seiner Fähigkeit zur Selbstironie ausgezeichnet.

Bei seiner Festrede machte er klar, warum der Narrenkäfig ein idealer Ort für ihn ist: „Hier hat man einen festen Standpunkt, aber ist offen zu allen Seiten, kann den anderen sehen und ihm zuhören.“

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