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BNN-Leser spenden 45.000 Euro

Karlsruher Drohnen-Piloten retten 50 Rehkitze vor dem Traktor-Tod

Rund 90.000 Rehkitze sterben in den Erntemaschinen deutscher Bauern – Jahr für Jahr. BNN-Leser wollten das nicht mehr länger mit ansehen. Mit einer überwältigenden Spendenbereitschaft rüsteten sie die Gruppe „Drohnenrettung Karlsruhe” so aus, dass die schon in ihrem ersten Frühling 50 Kitze retten konnte.

Gerettet: Die Wärmebildkamera entdeckt das Rehkitz im hohen Gras. Die Retter bringen es vor den Erntemaschinen in Sicherheit. Foto: pr

Erschreckt und einigermaßen verwundert blinzeln große braune Augen ins Sonnenlicht. Wenn das wenige Tage alte Rehkitz aus dem Jutesack schlüpft, dann ist ihm gar nicht klar, dass diese kurzen Minuten, eingesperrt im engen Sack nicht die schlimmsten, sondern wahrscheinlich die glücklichsten in seinem noch jungen Leben waren.

Denn über die Wiese, in der es von seiner Mutter versteckt wurde, rattert ein großer Traktor mit einem messerscharfen Mähwerk. Seine Rettung vor dem blutigen Tod verdankt Bambi an diesem Morgen dem Team der „Drohnenrettung Karlsruhe“.

Entdeckt wurde das Rehkitz von der Wärmebildkamera einer ferngesteuerten Drohne, die Roman Rossel in rund 50 Metern Höhe über die Wiese navigiert. Rossel und sein Team sind schon seit Anfang Mai über den Wiesen rund um Karlsruhe unterwegs.

Drohnenretter entdecken 50 Rehkitze

50 Rehkitze haben sie in diesen acht Wochen entdeckt und unmittelbar vor dem Abmähen aus dem hohen Gras geholt. Wer Bambi retten will, der muss früh aufstehen. Schon um vier Uhr bricht das Team auf, oft mehrmals in der Woche und nicht nur am Wochenende.

Der frühe Start ist wichtig, denn die Kameras der Drohnen erkennen die Rehkitze an ihrer Wärme. Sobald die Sonne scheint und sich der Boden erwärmt, haben die Retter keine Chance mehr, die frisch Geborenen beim Überflug zu entdecken. „Einmal sind wir zwölf Tage hinter einander früh um drei Uhr aus dem Bett“, sagt Rossel.

Dass das Engagement solche Dimensionen annehmen würde, war dem Karlsruher Schweißer nicht klar. Er dachte eigentlich darüber nach, wie er seiner Verpflichtung als Jäger nachkommen könnte, in die auch fällt, Rehkitze vor dem Tod im Mähwerk zu schützen.

Spenden reichen für drei Drohnen

Nach der Berichterstattung in den Badischen Neuesten Nachrichten, in der er einräumte, dass seine Idee wohl an den hohen Kosten scheitern könnte, erhielt Rossel so viele Spenden, dass er nicht eine, sondern gleich drei hochwertige Wärmebild-Drohnen anschaffen konnte. Mit drei ausgebildeten Suchpiloten und einem großen Bergeteam, das die Kitze aus den Wiesen holt, sind die Retter inzwischen so gut aufgestellt, dass sie keinen Landwirt warten lassen müssen.

Es ist ein herrliches Gefühl, einem kleinen Geschöpf das Leben zu retten
Christian Kappler, Drohnenpilot und Busfahrer

Wenn Bauern anrufen und ankündigen, dass sie mähen wollen, dann machen sich die „Drohnenretter Karlsruhe“ auf – komplett ehrenamtlich und unabhängig davon, ob sie nach vier Stunden Einsatz dann ins Bett dürfen oder zur Arbeit müssen.

„Es ist ein herrliches Gefühl, wenn wir so einem kleinen Geschöpf das Leben retten können“, sagt Christian Kappler. Über ihm summt die Drohne, die er an diesem Morgen steuert, wie ein ganzer Hornissenschwarm. Sein schönstes Erlebnis als Drohnenpilot war, als er Drillinge im hohen Gras entdeckte. Als Busfahrer in Karlsruhe ist Kappler das frühe Aufstehen gewöhnt.

Ist die Wiese gemäht, darf das Kitz wieder springen

Doch um kleine Rehbabys kümmert er sich noch lieber als um genervte Pendler. Mit dem Blick auf den Bildschirm seiner Fernbedienung lotst er die beiden Helfer zu den Tieren, die die Kitze dann in Jutesäcke packen und aus der Gefahrenzone tragen.

Ursprünglich lebten Rehe im offenen Gelände. Erst der Mensch trieb die scheuen Tiere in den Wald. Nur zur Geburt folgt das Muttertier seinem Instinkt und kommt auf die Wiese. Dort liegen die Neugeborenen viele Stunden alleine.

Damit sie nach der Rettung nicht nach Mensch und damit nach Gefahr riechen, tragen die Helfer Handschuhe, die sie im Gras reiben, bevor sie die Jungtiere anfassen. Ist die Wiese abgemäht, werden die Bambis wieder frei gelassen. Schnell finden sie dann zu ihrer Mutter, der ohne die Hilfe des Drohnenteams nichts übrig bliebe, als vor den Traktoren zu fliehen und den schrecklichen Tod ihres Nachwuchses zu ertragen.

An diesem Morgen auf den Höhen über Grünwettersbach muss Landwirt Jonas Schaufelberger warten. Die Drohnenretter sind pünktlich gekommen. Aber der Funkturm stört offenbar die Übertragung der Wärmebildkamera. Die Retter müssen in niedrigerer Höhe fliegen, ihr Sichtfeld verkleinert sich und sie müssen deutlich öfter über die Wiese kreisen. Das dauert. „Aber ich warte gern“, sagt der Bauer. Er kennt das schlimme Gefühl, wenn man mit dem Mähwerk ein Tier erwischt aus den Vorjahren, als noch keine Drohnen nach den Kitzen suchten.

Wir haben noch kein Kitz übersehen
Roman Rossel, Projektleiter

„Ich bin sehr stolz auf meine Truppe“, sagt denn auch Roman Rossel. „Seit wir unsere Arbeit aufgenommen haben, haben wir noch kein Kitz übersehen. Alle wurden gerettet.“ Seit Anfang Mai sind es inzwischen 50 Bambis, die die Drohnenflieger entdeckt und vor den Mähmaschinen in Sicherheit gebracht haben.

Rettungssaison neigt sich dem Ende

Ihr diesjähriger Einsatz neigt sich dem Ende. Denn inzwischen sind die meisten Rehkitze so groß, dass sie selbst vor den Erntemaschinen davonlaufen können. „Ein paar Nachzügler finden wir noch. Aber im Großen und Ganzen sind wir durch.“

Ein ähnliches Projekt gibt es auch im Enzkreis. Im Landkreis Rastatt wollen freiwillige Bambi-Retter im nächsten Frühjahr erstmals mit ihren Drohnen aufsteigen und die Wiesen absuchen.

Wer sagt da, man kann eh nichts ändern. Die Leser der Badischen Neuesten Nachrichten haben deutlich bewiesen, dass man sich mit dem Elend von Tieren nicht abfinden muss. Mit ihrer unglaublichen Spendenbereitschaft haben sie in diesem Frühjahr fast 50 Rehkitzen das Leben gerettet, sie vor dem Tod im Mähwerk bewahrt.

Alljährlich, so schätzt das Landwirtschaftsministerium, kommen in Deutschland über 90.000 frisch geborene Bambis in landwirtschaftlichen Maschinen ums Leben.

Instinkt der Tiere passt nicht in die moderne Welt

Die Tierbabys, von ihren Müttern im hohen Gras vermeintlich sicher versteckt, kommen ums Leben, weil sie zu jung sind, um vor den Traktoren und ihren Mähwerken, die in diesen Tagen ausrücken um Heu zu machen, fliehen zu können.

Eigentlich soll es Schutz bieten vor Fressfeinden, wenn das Reh sein Baby im hochgewachsenen Wiesengras versteckt. Doch in der modernen Welt kommt eben nicht der Wolf, sondern der Traktor und in dessen Mähwerk stirbt Bambi einen schrecklichen Tod.

BNN-Leser wollten ein Scheitern nicht akzeptieren

Da hatte Roman Rossel aus Karlsruhe eine Idee. Als Jäger kennt er das Elend der Rehkitze und als leidenschaftlicher Pilot einer privaten Drohne weiß er auch um die Lösung. Doch der Aufbau eines Teams, das mit Wärmebildkameras über die Wiesen fliegt, Rehkitze aufspürt und rettet, drohte am Geld zu scheitern.

Mindestens 10.000 Euro, so Rossel, kostet eine Drohne samt der notwendigen Wärmebildtechnik. Doch mit der Meldung in den BNN, das Geld sei nicht da und man müsse das Projekt wohl verschieben, wollten sich die Leser nicht abfinden.

Die Vorstellung, dass die kleinen Tiere geschreddert werden, hat mich entsetzt.
Eva Renner, BNN-Leserin

Anders als bei üblichen Spendenaktionen kam die Initiative von den Leuten, die helfen wollten. „Die Vorstellung, dass die armen kleinen Tieren in Mähwerken geschreddert werden, hat ich entsetzt“, sagt Eva Renner aus Karlsruhe.

Gemeinsam mit rund 700 anderen BNN-Lesern meldete sie sich unmittelbar nach dem ersten Bericht in den BNN. „Sie haben ja geschrieben, in anderen Teilen Deutschlands funktioniere die Rettung per Drohne. Da habe ich gedacht: Das kann doch nicht am Geld scheitern.“

Ich bin Naturliebhaberin. Ich wollte einfach etwas zurück geben.
Martina Schmidt, BNN-Leserin

Martina Schmidt aus Stutensee erinnerte sich, wie geschockt der Inhaber des Bauernladens war, in dem sie immer einkauft, als dem mal zwei Rehkitze in die Maschine gerieten. „Es hat ihm furchtbar leid getan.“ Als sie dann las, wie man solches Unglück verhindern kann, hat sie gespendet.

Ebenso wie Margarete Schmidt aus Bühlertal. „Mir ist vor einem dreiviertel Jahr eine abgemagerte Katze zugelaufen. Das ist so ein liebes Tier. Ich bin eine Naturliebhaberin und wollte einfach etwas zurück geben.“ Per Telefon und in E-Mails machten die Leser deutlich, dass sie nicht bereit waren, die Idee der Bambi-Rettung am Geld scheitern zu lassen.



„Wohin muss ich überweisen, damit die Drohne gekauft werden kann“, war eine häufige Frage, die nicht nur die Redaktion der BNN, sondern auch Roman Rossel von der Kreisjägervereinigung Karlsruhe erreichte. Rossel richtete dann ein Spendenkonto ein und die Aktion nahm ihren Lauf. So kam eine Summe von 45.000 Euro zusammen.

Rossel war platt. „Ich war von dieser Reaktion mehr als überrascht. Und es hat mich extrem gefreut, dass uns die BNN-Leser so eine Möglichkeit geben. Mit so viel Rückenwind wollten wir dann natürlich auch das Maximale raus holen.“

Fast 50 Helfer sind im Einsatz

Rossel fand mit Christian Kappler und Knut Kraft zwei engagierte Piloten. Patricia Bandbeck und Susanne Kraft organisieren die Rettung am Boden.

Neben diesem Kernteam sind über 40 weitere Helfer immer wieder bereit, sich die Morgenstunden um die Ohren zu schlagen, ins taufrische hohe Gras zu stapfen und die kleinen Rehkitze zu bergen, bevor die Landwirte zur Heuernte ausrücken.

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