Der freundliche Roboter Pepper wartet auf seinen Auftritt beim Symposium „Herrschaft der Algorithmen“ des Karlsruher Forums für Kultur, Recht und Technik. Im ZKM ging es um die Frage, ob intelligente Maschinen eher ein Segen oder eine Gefahr sind. Foto: Hora

Künstliche Inteligenz

Keine Angst vor der Macht der Algorithmen

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„Wir müssen in der digitalen Welt leben lernen, um zu überleben:“ Ein kluger Gedanke oder nur leeres Blabla? Vielleicht lesen Sie diesen Satz aber noch einmal, wenn Sie jetzt erfahren, dass kein Mensch ihn formuliert hat, sondern ironischerweise ein Algorithmus. Alleine, unbeeinflusst – und vielleicht auch ganz bewusst?

Es ist ein Schlüsselmoment dieses Tages im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM): Da steht der Berliner Cyber-Theaterkünstler Marcel Karnapke auf der Bühne des Medientheaters und gibt zu, dass ihm die am Tag zuvor von der Künstlichen Intelligenz (KI) generierte, gewagt klingende These gerade sehr viel zu denken gibt.

Alle reden von der KI. Aber sind wir jetzt auch schon soweit, dass die KI von uns redet und uns gar lebensphilosophische Ratschläge auf den Weg mitgibt? Intelligente Maschinen, die überall in unserem Alltag mitwirken, können unheimlich viel. Müssen sie uns jedoch deshalb unheimlich sein? Könnten Roboter und Rechner ein Bewusstsein entwickeln und den Menschen ersetzen?

Sind intelligente Maschinen eine Bedrohung oder Bereicherung?

Mit diesen brisanten Fragen beschäftigte sich am Donnerstag ein hochkarätig besetztes Symposium des Karlsruher Forums für Kultur, Recht und Technik im ZKM. Sein wertfrei formulierter Titel – „Die Herrschaft von Algorithmen“ – ließ den Besuchern die freie Wahl, ob sie diese als existenzielle Bedrohung oder Bereicherung einordnen würden.

So kreativ wie der Mensch: Der Berliner Künstler Mario Klingemann stellte beim Symposium im ZKM ein von der KI erschaffenes Bild vor. Foto: Makartsev

Es ist auffällig, dass die Experten auf diesem Gebiet für sich übereinstimmend die erste Option ausschließen. „Wir müssen vor der KI keine irrationale Angst haben“, versicherte zu Beginn ihres Vortrags Andrea Martin, Leiterin des IBM Watson Internet of Things Centers in München. „Die Künstliche Intelligenz ist wie ein Kind, das in die Schule kommt und noch lange nicht so schlau ist wie vielleicht später beim Abitur“, erklärte die Wirtschaftsmathematikerin, die auch der KI Enquete Kommission des Bundestages angehört.

Die Menschen verstehen nicht einmal ihr eigenes Gehirn

Sie habe mit ihren IBM-Kollegen die Ergebnisse einer Umfrage besprochen, wonach 18 Prozent der Menschen überzeugt seien, dass die KI nach der Weltherrschaft trachte oder unser Bewusstsein beherrsche. Martin gibt beim Symposium Entwarnung: „Meine Forscher sagen: ,Dies ist, wenn überhaupt, sehr ferne Zukunft, weil wir selbst unser Hirn heute noch nicht ganz verstehen“.

Wie mächtig sind also die Algorithmen? Intelligente Maschinen können besser als Menschen verschiedene Muster erkennen – und fast genau so treffsicher unterschiedliche Bilder. Sie können gewaltige Datenmengen erfassen, sie situativ blitzschnell analysieren und sinnvolle Lösungen anbieten. Die KI kann auch kreativ sein, Musik komponieren und faszinierende Bilder erzeugen. Sie kann selbstständig angefangene Sätze fehlerfrei vervollständigen und ohne jegliches Wissen über Orte fast Reiseführer-taugliche Texte schreiben. All dies führen die Experten am Donnerstag im ZKM zum Staunen des Publikums vor.

Roboter nehmen keine Arbeitsplätze weg

Sie machen aber auch klar, dass der Homo sapiens einen Hang dazu
hat, die Maschinen zu vermenschlichen und darum ohne Sinn und Verstand um die angeblich übermächtigen Algorithmen einen hohlen Mythos geschaffen hat. „Die KI ist kein schlafender King Kong, der uns plötzlich schlimme Dinge antun kann, sondern sie wird von uns Menschen erschaffen, die sich von Werten und Interessen leiten lassen“, sagte Armin Grunwald, Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung beim Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Es sei außerdem Unsinn, zu beklagen, dass Roboter den Menschen die Arbeitsplätze wegnehmen würden, sagt Grunwald: „Es sind nicht die Maschinen, sondern die Manager“.

Die Top-Informatiker sind zudem überzeugt, dass die KI den Menschen auf vielen Gebieten noch lange nicht ebenbürtig sein wird. Zum Beispiel beim Autofahren. In ihrem Vortrag machte die Freiburger Algorithmen-Forscherin Hannah Bast auf das Problem der mangelnden Nachvollziehbarkeit von KI-Entscheidungen aufmerksam, die fatale Konsequenzen haben kann: „Eine schlechte Buchempfehlung ist nicht tragisch, ein Verkehrsunfall mit Todesfolge schon“.

Wirklich intelligentes Fahren ist noch eine ferne Zukunftsvision

Das derzeit viel diskutierte autonome Fahren habe die Stufe Zwei erreicht, wenn der Fahrer die Hände vom Steuer nimmt, aber Kontrolle jederzeit übernehmen könne. „Die Stufe Drei – autonom fahren, ohne hinschauen zu müssen – werden die meisten in diesem Raum nicht mehr erleben“, sagte sie voraus. Von einer KI der Stufe Vier, also von den menschenähnlichen und superintelligenten Robotern wie in den „Terminator“-Filmen sei die Menschheit noch weiter entfernt. „Da weiß keiner, wie das gehen soll“, stellte Bast klar.

Also keine Furcht vor den Algorithmen, die uns sehr nützlich sein können, etwa zur Unterstützung von Therapien in der Medizin, in der Fertigung oder als Helfer beim Lernen. Die Teilnehmer der Tagung im ZKM sehen aber große, ungelöste Probleme beim Datenschutz, der Ethik und der Transparenz der Künstlichen Intelligenz. Sie warnen vor Diskriminierung und möglichen Verletzungen von Grundrechten, etwa wenn die KI für Unternehmen Persönlichkeitsprofile erstellt, die mit der Realität nichts zu tun haben.

Dagegen helfe nur eines, sagen die Experten: Der Mensch müsse den Maschinen strenge Regeln geben und auf deren Einhaltung achten.

Als Geburtsjahr der Künstlichen Intelligenz (KI) gilt das Jahr 1956. Bereits 1997 schlug die sogenannte „KI erster Stufe“ – ein Algorithmus mit einem intelligenten Bewertungsschema – den Schachweltmeister Garri Kasparow. 2016 bezwang ein intelligenteres Programm der zweiten Stufe einen Go-Champion. Die Zahl der Möglichkeiten in diesem Spiel beträgt zehn mal zehn mit 48 Nullen, das neuronale Netz hatte zuvor aus Datenbanken mit Tausenden von Partien gelernt. Laut einer Prognose wird eine „Superintelligenz“ im Jahr 2060 die gleiche Zahl von Rechenschritten pro Sekunde für 1 000 Dollar erreichen wie alle menschlichen Gehirne zusammen genommen. Und dann? Der Informatiker Karsten Wendland vom KIT sucht gerade die Antwort auf diese Frage als Leiter eines Projekts mit der Bezeichnung: „Abklärung des Verdachts aufsteigenden Bewusstseins in der Künstlichen Intelligenz“. „Wir sollten aufpassen, dass der Oberbürgermeister von Karlsruhe auch in Zukunft ein Mensch bleibt“, scherzte Wendland am Donnerstag im ZKM. In Japan hätte es beinahe eine andere Entwicklung gegeben, erklärte der Fachmann. Dort habe eine „Roboterfrau“ bei einer Bürgermeisterwahl viele Wählerstimmen erhalten – auch wenn sie nicht gewonnen habe.