Zwischenfall mit Regierungsflieger
Nach einem technischen Defekt ihres Regierungsflugzeugs auf dem Weg zum G20-Gipfel in Argentinien sitzt Kanzlerin Merkel in Köln fest. | Foto: TeleNewsNetwork

Technischer Defekt

Merkels Pannenflug und eine «höhere abstrakte Gefahr»

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Köln/Berlin (dpa) – Angela Merkel sitzt erst ein paar Minuten neben Olaf Scholz im engen Besprechungsraum ihres Regierungs-Airbus, als eine Stewardess das Briefing stört. «Es ist wichtig», sagt die Frau ernst und bittet die Kanzlerin mit Nachdruck heraus.

Das ist ungewöhnlich, doch Merkels Vizekanzler und Finanzminister setzt das Gespräch mit den Journalisten an Bord der «Konrad Adenauer» erstmal fort – alleine. Kurz darauf wird klar: Der Airbus hat nur knapp eine Stunde nach dem Start um 18.55 Uhr zum G20-Gipfel in Buenos Aires ein Problem – und mit ihm die Passagiere.

Wegen eines technischen Defekts müsse man zurückkehren nach Köln, zum Heimatstandort der Flugbereitschaft der Luftwaffe, dort stehe wohl eine Ersatzmaschine, macht Merkel deutlich. Da ist ihr Flugzeug gerade über den Niederlanden. Gut möglich, dass sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht so sehr im Kopf hat, was die Störung für ihre am Freitag geplanten bilateralen Treffen mit US-Präsident Donald Trump oder dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping bedeutet. Sondern eher das, was ihr der Flugkapitän gerade mitgeteilt hat.

Unruhe macht sich zu diesem Zeitpunkt unter den Fluggästen jedenfalls noch nicht breit. Eben noch hatte der Kapitän darum gebeten, wieder die Anschnallgurte anzulegen, man durchfliege ein Schlechtwettergebiet. Da ist es normal, dass ein Flugzeug mal etwas stärker ruckelt.

Eine halbe Stunde später aber, kurz vor der außerplanmäßigen Landung in Köln um 21.20 Uhr, berichtet der Flugkapitän über die Bord-Sprechanlage nüchtern, einige elektrische Systeme am Flugzeug seien ausgefallen. Den Weiterflug über den Atlantik könne man so nicht fortsetzen. Es werde aber eine sichere Landung geben, versucht der Kommandant die Mitreisenden zu beruhigen. So ganz gelingt ihm das nicht. Manche an Bord werden ganz still. Andere versuchen, ihre Sorgen wegzufrotzeln.

Erst nach der ziemlich harten Landung auf dem Kölner Flughafen wird vielen klar, wie brenzlig die Situation gewesen sein könnte. Ein Löschzug der Flughafenfeuerwehr steht mit Blaulicht neben der stehenden Maschine, um notfalls eingreifen zu können. Die Bremsen des Flugzeugs müssten geprüft werden, weil sie wegen des hohen Landegewichts – die Maschine war für einen Transatlantikflug vollgetankt – stark beansprucht wurden, erklärt der Kommandant.

Ein defektes Bauteil – eine zentrale Schalteinheit in der Bordelektronik («Transformer Rectifier Unit») – hat gleich zwei Funksysteme lahmgelegt, die sich im Notfall gegenseitig ersetzen sollen. Und auch verhindert, dass der Pilot Kerosin in der Luft ablassen kann, um das Landegewicht zu verringern. Um 19.41 Uhr war die Fehlermeldung gekommen.

Diese ungewöhnliche Kombination ist bei den A340-Maschinen der Flugbereitschaft noch nicht vorgekommen, heißt es im Verteidigungsministerium. Nur mit einem Satellitentelefon an Bord gelingt es der Besatzung, Kontakt zur Flugleitstelle aufzunehmen und die Landung auf dem Flughafen in Köln-Bonn zu planen. Natürlich habe eine «höhere abstrakte Gefahr» bestanden, sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Mittag.

Die Kanzlerin werde sich an Bord in fliegerische Entscheidungen des Kommandanten niemals einmischen, versichert Regierungssprecher Steffen Seibert noch an Bord. Später unterstreicht der Sprecher des Verteidigungsministeriums: «Der Kapitän hat das letzte Wort.»

Berichten über mögliche Sabotage – einen «kriminellen Hintergrund» des Vorfalls – treten Luftwaffe und Ministerium strikt entgegen. Das Bauteil sei tief im Flugzeug verbaut und nicht einfach zugänglich. «Es gibt überhaupt keinen Hinweis auf einen kriminellen Hintergrund», sagt ein Luftwaffensprecher. Doch die Frage, wie es genau zu einem solchen Schaden gekommen ist, bleibt am Freitag unbeantwortet. Die Lufthansa Technik hat angeboten, an der Fehlersuche mitzuwirken. Die Maschine hatte zuletzt schon Schlagzeilen gemacht – ein Nagetier hatte Kabel angeknabbert.

Eine Ersatzmaschine stand am Donnerstagabend am Flughafen Berlin-Tegel bereit. Der Umweg über Köln und der folgende Flug nach Argentinien hätten aber die erlaubten Arbeitszeiten der Besatzung überschritten. Merkel, Scholz und ihre Delegation fahren zur Übernachtung in einem kleinen Konvoi in ein Bonner Hotel. Dort sitzen Merkel, ihr Mann Joachim Sauer, Scholz und Seibert noch bis lange nach Mitternacht zusammen.

Zu diesem Zeitpunkt steht der Entschluss längst fest, dass die Kanzlerin, ihr Vizekanzler und ein Bruchteil der Delegation am nächsten Morgen mit einer kleineren Maschine der Flugbereitschaft nach Madrid fliegen und dort in eine Linienmaschine nach Buenos Aires umsteigen. Joachim Sauer bleibt zurück, er hätte sowieso die Hälfte des Partnerprogramms verpasst, heißt es zur Begründung.

Ganz früh um 4.30 Uhr am Freitagmorgen bricht Merkels kleine Reisegruppe dann doch noch Richtung Buenos Aires auf. Die Argentinier wollten die prominenten Fluggäste dort am Abend in einer «Spezialoperation» aus dem regulären Sicherheitsbereich holen. So gab es die Chance, wenigstens noch rechtzeitig zu den Abendveranstaltungen des Gipfels zu kommen. Gegen 0.30 Uhr deutscher Zeit am Samstagmorgen war dort das Abendessen der Staats- und Regierungschefs geplant – ein Termin, den Merkel auf keinen Fall verpassen wollte.

Zum Ende des ersten Abends von Merkels G20-Odyssee, gegen 1.00 Uhr in der Nacht zum Freitag, zeigt sich die sonst so nüchtern wirkende Kanzlerin ziemlich emotional. «Es war eine ernsthafte Störung», sagt Merkel – das klingt nicht danach, dass sie selbst oder andere Eingeweihte an Bord die technischen Probleme als Trivialität eingeschätzt haben. Dann findet die Kanzlerin noch außergewöhnliche Worte für die Mannschaft des Flugzeugs und vor allem für den Piloten: Sie habe «eine sehr, sehr exzellente Crew gehabt» – und das Kommando habe «der erfahrenste Kapitän der Flugbereitschaft» geführt. Das klingt mehr als nur ein bisschen erleichtert.