Ein junger russischer Soldat trägt bei einer Patrouille in Tschetschenien eine Kalaschnikow vor seiner Brust. Bis heute setzt Russlands Militär auf die 1947 erfundene und später modernisierte Waffe. Foto: Makartsev

Politik

Michail Kalaschnikow wäre 100 geworden – BNN-Redakteur traf Sturmgewehr-Erfinder

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Ich könnte wahrscheinlich heute noch mit geschlossenen Augen eine Kalaschnikow zerlegen und wieder zusammenbauen. Wenn man trainiert ist, dauert es weniger als eine Minute. Ich habe es wie alle Jungs in der Sowjetunion mit 13 oder 14 Jahren erstmals probiert, in meiner Schule in Moskau beim Wehrkunde-Unterricht. Die Pazifisten werden sich jetzt empören, aber wenn ich ehrlich bin, hat es Spaß gemacht.

Auch später beim Wehrdienst in der Sowjetarmee, als ich gemeinsam mit anderen Soldaten zu Übungszwecken in einem Wald im tiefsten Sibirien auf hundert Meter entfernte Fichten geballert habe – und fasziniert zuschaute, wie die enorme Feuerkraft des berühmten russischen Sturmgewehrs Zweige und Zapfen niederregnen ließ.

Es dauerte dann noch etwa 15 Jahre, bis ich Michail Kalaschnikow in Person gegenüberstand. Der legendäre Waffenbauer war damals 84 Jahre alt, ein kleinwüchsiger Mann mit schütterem, schneeweißem Haar und einem festen Händedruck.

Bei dem Korrespondenten-Besuch in der Rüstungsfabrik Ischmasch durfte der Wodka natürlich nicht fehlen. „Auf das ruhmreiche Vaterland!“, sprach der zweifache Held der sozialistischen Arbeit, und die goldenen Sterne seines Sowjet-Ordens klimperten leise, als er die klare Flüssigkeit im Glas hinunterkippte.

Krawattennadel in Gestalt eines Schnellfeuergewehrs

Und dann verzog Kalaschnikow sein Gesicht, als ich ihn nach seiner Schöpfung im Dienst von Terroristen, Söldnern und Kriminellen fragte. „Ich habe diese Waffe für Soldaten konstruiert, die meine Heimat verteidigen. Die Politiker sind Schuld, wenn sie von schlechten Menschen missbraucht wird“, polterte der Mann los und ließ seine Krawattennadel in Gestalt eines Schnellfeuergewehrs im Lampenlicht bedrohlich blitzen.

Es war die berühmte AK-47, gemeinhin als „Kalaschnikow“ bekannt, von etwa 50 Armeen der Welt benutzt, oft kopiert und von unzähligen Guerillabewegungen und Terrorgruppen als eine extrem robuste und zuverlässige Waffe bevorzugt. Bei einem seiner seltenen Treffen mit Journalisten in Ischewsk an der Wolga verteidigte der publikumsscheue Generalleutnant a.D. das Image seines „Awtomat“, den er „vollendet schön“ genannt hat.

Michail Kalaschnikow (rechts) mit BNN-Redakteur Alexei Makartsev in Ischewsk.
Michail Kalaschnikow (rechts) mit BNN-Redakteur Alexei Makartsev in Ischewsk.

Ich wollte eigentlich Landwirtschaftsmaschinen entwickeln

Michail Kalaschnikow

„Ich wollte eigentlich Landwirtschaftsmaschinen entwickeln. Aber der Krieg hat mein Schicksal verändert“, erzählte der Mann, dessen Name heute wohl die ganze Welt kennen dürfte. Das Kriegschaos und die große Not in der von Hitler angegriffenen Sowjetunion hatten Ende 1941 das technische Talent des ungebildeten Emporkömmlings aus einer Bauernfamilie mit 19 Kindern geweckt.

Bei der Behandlung in einem Hospital nach einer Verwundung beschloss der 22-jährige Panzerfahrer Kalaschnikow, ein neuartiges, leichtes Gewehr für die Rote Armee zu bauen.

Im Genesungsurlaub erfand der Waffen-Laie dann in einem Eisenbahndepot in der kasachischen Steppe den Prototyp der AK. Kalaschnikow wurde von der Front in eine evakuierte Rüstungsfabrik geschickt, wo er an seinem Sturmfeuergewehr arbeitete. Sechs Jahre später setzte sich der junge Konstrukteur bei einem Wettbewerb mit seiner AK-47, Kaliber 7,62 mm, gegen sämtliche Star-Konkurrenten durch.

Mit dem Stalin-Preis ausgezeichnet

Die Waffe mit dem markanten, nach vorne gebogenen Magazin ging in Serienproduktion. Ihr Erfinder wurde mit dem Stalin-Preis ausgezeichnet. „Von dem hohen Preisgeld konnte man sich zehn Autos der Luxusmarke ,Pobeda’ kaufen“, erinnerte sich Kalaschnikow bei unserem Treffen. Er hatte sich einen Wagen geleistet, konnte damit aber bei niemandem angeben.

Denn der Waffenerfinder, der bei Ischmasch ein Konstrukteursbüro leitete, und unter strengster Geheimhaltung arbeitete, durfte nicht einmal seiner Familie erzählen, womit er sich konkret beschäftigte. Die AK-47 wurde außerhalb der Militärgarnisonen nur verhüllt getragen, wie es hieß, zum Schutz vor neugierigen Blicken der Spionen.

Mehr als 100 Millionen Mal gebaut

Seit 1947 wurde das legendäre Gewehr in verschiedenen Versionen mehr als 100 Millionen Mal gebaut – nicht nur in der Sowjetunion, sondern zunächst auch unter Lizenz in den „sozialistischen Bruderstaaten“ und später ohne in manchen instabilen Dritte-Welt-Staaten, denen die westlichen Waffen auch viel zu teuer waren. Länder wie Mosambik nahmen die Kalaschnikow in ihr Staatswappen auf, sie zierte das Logo der RAF-Terroristen.

„Wer kämpfen muss, nimmt etwas, worauf er sich verlassen kann. Darum ist die Kalaschnikow so weit verbreitet“, erklärte ihr Erfinder. Das auf maximal 800 Meter Entfernung zielgenaue Sturmgewehr kann 1.000 Schuss pro Minute abgeben und ist selbst nach Sandstürmen wie Schlammbädern noch voll funktionsfähig – das macht es ziemlich unschlagbar.

Da die Waffe bis 1997 nicht patentiert war, sah Michail Kalaschnikow nicht einen Rubel aus Lizenzgebühren. Der Staat entlohnte den Helden mit fünf Orden und einer überlebensgroßen Bronze-Büste in seinem Heimatdorf. „Ich bin nicht arm“, versicherte der bescheidene Pensionär, der nach 50 Jahren Arbeit bei Ischmasch zum Schluss von 450 Euro Monatsrente gelebt hat. Im Gespräch freute er sich darüber, dass in Ischewsk für eine Million Dollar ein Kalaschnikow-Museum gebaut wurde.

Kalaschnikow kritisierte die USA

Dabei wusste Kalaschnikow natürlich, dass der Entwickler des amerikanischen Schnellfeuergewehrs M-16, Eugen Stoner, dank seiner Lizenzen ein Multimillionär war. „Ich arbeitete für das Wohl meines Landes und nicht für Geld“, betonte der Russe, um daraufhin die USA der Markenpiraterie zu bezichtigen.

Anfang der 2000er Jahre rüsteten die Amerikaner die Sicherheitskräfte im Irak angeblich mit relativ billigen, in Bulgarien nachgebauten Kalaschnikows aus. Zu seinem 80. Geburtstag gönnte sich der Konstrukteur ein besonderes Geschenk: Er ließ einen Edel-Wodka „Kalaschnikow“ in einer gewehrförmigen Flasche produzieren. Bald wurde aber auch das 41-prozentige Getränk, das angeblich die gleiche durchschlagende Kraft wie alle sonstigen Kalaschnikow-Produkte besitzen soll, in anderen Ländern kopiert.

Kalaschnikow starb Ende 2013, fast zehn Jahre nach unserem Treffen. Kurz vor seinem Tod schrieb der berühmteste Waffenbauer der Welt einen reumütigen Brief an das russische Kirchenoberhaupt, Patriarch Kyrill. „Mein seelischer Schmerz ist unerträglich“, stand in diesem Schreiben, das die Zeitung Iswestija veröffentlicht hat. „Mich bewegt nur eine Frage: Wenn mein Sturmgewehr Menschenleben ausgelöscht hat, dann bin ich doch als gläubiger Christ an diesen Toden mitschuldig?“

An diesem Sonntag feiern die Russen den 100. Geburtstag des Waffenkonstrukteurs Michail Kalaschnikow. Der Erfinder des berühmten Sturmgewehrs AK war 2013 mit 94 Jahren gestorben. Der in Russland geborene BNN-Redakteur Alexei Makartsev hatte einst als Schüler und Soldat mit der Kalaschnikow eigene Erfahrungen gemacht. Später hat er als Journalist den legendären Konstrukteur in seiner Waffenfabrik in Ischewsk getroffen.