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"Stoßen an Grenzen"

Ärzte aus der Region kritisieren Reform der Rettungsdienste: Notaufnahmen fühlen sich "jenseits des Limits"

„Wir stoßen an unsere Grenzen“: Ein Satz, den man häufig von Leitern der Notaufnahmen hört. Chaotische Zustände, gestresste und chronisch überlastete Ärzte, durch lange Wartezeiten zermürbte oder fehlgeleitete Patienten sind heute in den medizinischen Einrichtungen keine Seltenheit. Für das Problem der ineffizienten Notfallversorgung in Deutschland ist jetzt eine Lösung in Sicht.

Ein Fahrzeug des Rettungsdienstes. Foto: Nicolas Armer/Archivbild

„Wir stoßen an unsere Grenzen“: Ein Satz, den man häufig von Leitern der Notaufnahmen hört. Chaotische Zustände, gestresste und chronisch überlastete Ärzte, durch lange Wartezeiten zermürbte oder fehlgeleitete Patienten sind heute in den medizinischen Einrichtungen keine Seltenheit.

Für das Problem der ineffizienten Notfallversorgung in Deutschland ist jetzt eine Lösung in Sicht. Doch manche Mediziner haben Zweifel, ob sie in der derzeitigen Form gut funktionieren wird.

Neues Gesetz soll Kliniken entlasten

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will eine Reform der Notfallversorgung auf den Weg bringen. Mit der Vorlage des Referentenentwurfs an diesem Montag im Ministerium startet die Umsetzung des komplexen Vorhabens, das bis Ende 2020 Gesetz werden soll. Im Kern geht es darum, die bisher meist getrennt organisierten Bereiche der ambulanten, stationären und rettungsdienstlichen Notfallversorgung besser zu verzahnen, die Kliniken zu entlasten und den Patienten genau die Versorgung zuteil werden zu lassen, die sie brauchen.

Dazu sieht der Entwurf unter anderem die Schaffung eines gemeinsamen Notfallsystems mit den rund um die Uhr erreichbaren Rufnummern 112 und 116117 vor, die die Hilfesuchenden zur geeigneten Behandlung lotsen sollen. Das bedeutet in manchen Fällen eine Rettungsfahrt, in anderen einen telemedizinischen Kontakt oder einen Hausbesuch durch ärztlichen Bereitschaftsdienst.

Integrierte Notfallzentren entscheiden über Behandlungen

Zudem werden an größeren Kliniken als erste Anlaufstelle sogenannte integrierte Notfallzentren (INZ) eingerichtet. Dort sollen die Patienten eine Ersteinschätzung ihres Versorgungsbedarfs erhalten. Mit anderen Worten, im INZ wird künftig festgestellt, ob stationär in der Klinik oder ambulant behandelt werden soll.

Spahns Vorhaben gilt in Expertenkreisen grundsätzlich als sinnvoll. Die Krankenkassen sind mit an Bord, allerdings sehen Ärzte und Krankenhäuser noch Verbesserungsbedarf und warnen vor Risiken. So kritisiert der Marburger Bund, dass der Entwurf nur besser ausgestattete Kliniken als INZ-Standorte vorsieht – insgesamt 241 Einrichtungen bundesweit.

Lange Wartezeiten für Patienten befürchtet

Das werde aber dem regionalen Versorgungsbedarf nicht gerecht: „Wenn zukünftig nur noch entfernte integrierte Notfallzentren entscheiden sollen, wo und wie die Patienten behandelt werden, wird das zu erheblichen Engpässen mit langen Wartezeiten führen“.

Im Südwesten gibt es rund 100 gemeinsam von Krankenhäusern und Kassenärzten betriebene, ambulante Notfallpraxen. Es wäre sinnvoller, diese funktionierenden Strukturen auszubauen, statt die Notversorgung auf die INZ zu konzentrieren, teilt die Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft auf BNN-Anfrage mit.

Sie stört sich daran, dass die fachliche Leitung der künftigen Notfallzentren bei der Kassenärztlichen Vereinigung liegen soll – der Zusammenschluss von 463 Trägern mit 117.481 stationären Betten sieht die Leitung dagegen klar bei den Krankenhäusern. „Bei unterschiedlichen Verantwortlichkeiten würden neue Schnittstellen entstehen, die nicht im Interesse der Patienten sind“, bemängelt die Gesellschaft.

Experte sieht Mängel der Infrastruktur

„Spahns Idee ist richtig, aber sie wird wohl an Details scheitern und bei allen Seiten zu Frust führen“: So lautet die eher pessimistische Prognose des medizinischen Geschäftsführers des Karlsruher Klinikums, Uwe Spetzger. Im Gespräch mit den BNN bemängelt der Facharzt für Neurochirurgie, dass die materielle Basis für die Reform fehle. „In den Notfallzentren muss viel Expertise vorgehalten werden. Ich bezweifle, dass wir die richtige Infrastruktur haben“.

Man brauche mehr Ärzte, die besser bezahlt werden sollten. Leider sei jedoch der Markt für Personal leer. „Die Stellen sind nullkommanull attraktiv“, bedauert Spetzger, der eine weitere Zunahme von Patienten in der Notaufnahme des Städtischen Klinikums infolge der Reform nicht ausschließt.

Für Bernhard Gorißen ist entscheidend, wer die INZ leitet und wo sie eingerichtet werden. „Stehen hier wirtschaftliche Motive im Vordergrund oder die Daseinsfürsorge der Bevölkerung?“, fragt der Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am Ortenau-Klinikum in Offenburg. „Wichtig ist zudem, dass die dort eingesetzten Mitarbeiter die nötige Qualifizierung haben, um zeitkritische, schwerwiegende Fälle zu erkennen und zu versorgen“, sagt Gorißen.

Bestrafung für kleinere Kliniken?

Sehr kritisch sieht der Mediziner die Pläne, den Krankenhäusern mit Nothilfeleistungen, die kein INZ haben werden, künftig die Vergütungen um 50 Prozent zu kürzen: „Auch die Bevölkerung wird eine solche Bestrafung nicht nachvollziehen können“, warnt er.

Laut Gorißen arbeitet sein Klinikum manchmal „jenseits des Limits“ mit der Folge, „dass wir Menschen mit unserem Angebot leider enttäuschen.“ Er ist zuversichtlich, dass Spahn am Ende auf die Einwände der Mediziner hören wird.

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