Skip to main content

"Poseidon" auf dem Mittelmeer

Evangelische Kirche kauft Rettungsschiff für Flüchtlinge – an der badischen Kirchenbasis ist das umstritten

Die Protestanten haben sich ein Schiff gekauft und wollen jetzt Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten. An der Kirchenbasis ist das nicht unumstritten. Soll sich die Evangelische Kirche lieber auf ihre etablierten Hilfsorganisationen konzentrieren oder ist die Rettung Ertrinkender ihre christliche Pflicht?

Kirche als Retter: Die Evangelische Kirche in Deutschland hat das Forschungsschiff „Poseidon“ gekauft und wird es jetzt zu einem Rettungsschiff umbauen. Dabei ist das Engagement der Protestanten als Flüchtlingsretter im Mittelmeer nicht unumstritten. An der Kirchenbasis wird gestritten, wie weit sich die Kirche einmischen sollte in ein hochpolitisches Thema. Foto: dpa

Die „Poseidon“ ist künftig im Auftrag des Herrn unterwegs. Seit einer Woche ist die Evangelische Kirche in Deutschland stolzer Besitzer eines eigenen Schiffs, das bald schon Flüchtlinge aus Seenot im Mittelmeer retten soll. Organisatorisch läuft die Aktion über den neu gegründeten Verein „United4Rescue“, an dessen Gründung die Evangelische Kirche maßgeblich beteiligt war.

Das Schiff, das in Kiel mit einem Schätzpreis von einer Million Euro versteigert wurde, war über 40 Jahre als Forschungsschiff auf den Weltmeeren unterwegs. Jetzt wird es im Auftrag von Deutschlands Protestanten zum Rettungsschiff umgebaut.

Kirchenschiff unter Seawatch-Flagge

Unter der Flagge der Rettungsorganisation Seawatch wird es das Mittelmeer durchpflügen, um Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Mit diesem Engagement bringt sich die Evangelische Kirche ins Zentrum der Flüchtlingsdiskussion.

Der EKD-Vorsitzende Bischof Heinrich Bedford-Strohm erhielt eben wegen dieses Engagements bereits Morddrohungen aus dem rechtsextremen Lager. Deutlich zivilisierter, sachlicher und auf menschenwürdigem Niveau verläuft die Diskussion um das kirchliche Engagement in Baden. Dabei ist die Rettungsmission auch hier nicht unumstritten.

Schwierige Diskussion in aufgeheizter Situation

Im Kirchenbezirk Karlsruhe-Land wird kontrovers diskutiert. Wolfgang Häcker, Bezirkskirchenrat und Laienprediger im Landkreis Karlsruhe, hält die Entscheidung seiner Kirche für falsch.

Dass es nicht leicht ist, in der aufgeheizten Situation eine sachliche Diskussion zu führen, ist ihm sehr bewusst geworden. „Ich bin alles andere als ein Rechter, und muss das wohl vorausschicken, sonst gerate ich gleich in falschen Verdacht“, sagt Häcker.

Niemand kann dagegen sein, Menschenleben zu retten
Wolfgang Häcker, Laienprediger

Das Problem habe zwei Ebenen und wer sich nicht die Zeit nehme, ihm ganz zuzuhören, der verstehe ihn leicht falsch. Menschen aus Lebensgefahr zu retten ist für ihn eine Selbstverständlichkeit, aus humanitärer wie aus christlicher Sicht.

„Niemand kann dagegen sein, Menschenleben zu retten.“ Doch den Weg, den seine Kirche gehen will, hält er für falsch. „Es gibt andere Möglichkeiten. Wir müssen den Menschen eine Perspektive geben, bevor sie sich auf eine lebensgefährliche Odyssee begeben. Mit unserer europäischen Handelspolitik zerstören wir die Märkte in Afrika. Wir unterbieten die Milchpreise im Senegal und drängen die Bauern dort in den Bankrott.“

Politisch problematisch

Dass jetzt zu Spenden für das Rettungsschiff aufgerufen wird, schwäche das Spendenaufkommen für Brot für die Welt und damit eben auch genau die Hilfe vor Ort, glaubt der Prediger.

Politisch hält er es für problematisch, sollte der Kapitän des Kirchenschiffs einmal in Italien vor Gericht stehen. „Wenn sich die Politik nicht mit all ihrer Kraft hinter die Retter stellt, dann erreicht die EKD auch nicht viel.“

Es fällt ihm nicht leicht, mit diesen rationalen Argumenten seine eigenen Gefühle zu überzeugen. „Ich bin ein begeisterter Segler im Mittelmeer und ich weiß, was es heißt, durch den Sturm zu Segeln“, erzählt Häcker.

Einsatz für Flüchtlinge oder Daheim-Gebliebene?

Und wenn er auf See schon in objektiv relativ sicherer Lage und mit guter Ausrüstung gegen die eigene Panik ankämpfen musste, sagt er, „dann kann ich schon nachempfinden, wie verzweifelt Menschen sind, die sich in einem Schlauchboot ohne Kiel, mit 40 PS-Motor und 100 Liter Sprit auf den Weg machen.“

Als Kirche jedoch müsse man die Ressourcen und den Einfluss anders einsetzen und die Flüchtenden retten, schon bevor sie die Flucht ergreifen. Der Kirchenbezirk Karlsruhe-Land und die gesamte Evangelische Kirche haben sich mehrheitlich gegen die von Härter vertretene Position entschieden. Sehr zur Freude von Pfarrer Volker Erbacher.

Der Samariter hat auch nicht gefragt, warum liegst Du da?
Volker Erbacher, Diakonie Baden

Erbacher ist oberster Spendensammler der Diakonie Baden. Er sieht seine Kirche in der Rolle des guten Samariters. „Der hat auch nicht gefragt, warum liegst Du da? War es denn sinnvoll, sich auf den Weg zu machen? Hast Du das Risiko, unter die Räuber zu fallen, nicht gesehen?. Nein, der Samariter hat einfach geholfen.“

Helfen als Teil der Kirchen-DNA

Für Erbacher ist das Helfen in der DNA der Kirche. „Es geht um christliches Handeln dort, wo Hilfe gebraucht wird.“ Die Frage nach Schuld und Verantwortung sei sekundär, wenn Menschen um Leben und Tod kämpften.

Auch er habe sich mit den Argumenten auseinandergesetzt, sind die Leute selbst schuld, wenn sie sich solchen Fluchtrisiken aussetzen, und bringe die Aussicht auf ein rettendes Schiff der Kirche nicht noch mehr Menschen dazu, sich ins Mittelmeer zu stürzen?

„Ich halte es da mit dem Rettungssanitäter. Der fragt auch nicht, ob das Unfallopfer Alkohol getrunken hat oder zu schnell gefahren ist, bevor er das Leben rettet. Und niemand rast mit überhöhter Geschwindigkeit über die Autobahn, nur weil er weiß, dass unser Rettungssystem so gut ausgebaut ist.“

Kirchenschiff ja – Rettungswagen nein

Und weil dieses Rettungssystem so gut funktioniert, käme doch auch niemand in der Evangelischen Kirche auf die Idee, einen Rettungswagen zu kaufen. „Aber für die Flüchtlinge im Mittelmeer hat weder die EU noch die Bundesrepublik Deutschland offenbar ein wirkungsvolles Rettungskonzept. Wir merken da fehlt es, und deshalb engagieren wir uns.“

Wie Häcker hat auch Erbacher einen ganz persönlichen Bezug zur rauen See. „Mein Vater war im Krieg in der Marine. Er wurde zwei Mal versenkt und zwei Mal gerettet. Zuletzt vom Feind. Und die Engländer, die ihn aus dem Meer zogen, die haben nicht gefragt: bist Du ein Feind, bist Du ein Nazi, bist Du selbst schuld daran?“

Erbachers Vater wurde auch gerettet

Das Motto der Engländer sei es gewesen: Wer im Meer liegt und Wasser schluckt, der wird rausgezogen. „Ohne dieses bedingungslose Verantwortungsgefühl wäre mein Vater ertrunken und mich gäbe es nicht.“

nach oben Zurück zum Seitenanfang