Skip to main content

Baden-Württemberg

Reinhold Maier war vor Thomas Kemmerich einziger FDP-Ministerpräsident

Vor der Wahl von Thomas Kemmerich in Thüringen war Reinhold Maier der bislang einzige FDP-Ministerpräsident in Deutschland – in Baden-Württemberg. Maier hatte 1933 Hitlers Ermächtigungsgesetz zugestimmt. Das hatte auch Folgen für seine eigene Familie.

Reinhold Maier war der bislang erste FDP-Ministerpräsident in Deutschland. Der Liberale stand bis 1953 an der Spitze von Baden-Württemberg. Foto: dpa

Als die FDP Baden-Württemberg vor einigen Jahren ihres ersten und einzigen Ministerpräsidenten gedachten, charakterisierte diesen der damalige FDP-Landeschef Walter Döring so: „Reinhold Maiers Verständnis von Liberalismus als einer fundamentalen Lebens- und Wertehaltung reichte über den Tag und politische Einzelprogramme hinaus.“

Am Tag Eins nach der Wahl von Thomas Kemmerich zum bundesweit zweiten FDP-Ministerpräsidenten in der Geschichte hat dieser Satz Dörings einen eigenartigen Klang. Von 1945 bis 1953 war der 1889 in Schorndorf geborene und 1971 in Stuttgart gestorbene promovierte Jurist Reinhold Maier Ministerpräsident, zunächst in Württemberg-Baden, später – nach Gründung des Südweststaats im April 1952 – von Baden-Württemberg.

Der Schwabe war damit bislang der einzige FDP-Ministerpräsident in Deutschland.

Erste Regierungsbildung in Baden-Württemberg war umstritten

Die erste Regierungsbildung in Baden-Württemberg war allerdings alles andere als unumstritten gewesen. Als der Liberale Reinhold Maier am 25. April 1952 in der Verfassunggebenden Versammlung den noch namenlosen Südweststaat aus der Taufe hob, wären die Worte des frisch gekürten Ministerpräsidenten „Gott schütze das neue Bundesland“ beinahe im Tumult untergegangen.

Für die turbulenten Szenen sorgten die Christdemokraten. Zwar waren zuvor die Bemühungen der CDU, ein Regierungsbündnis zu schmieden, gescheitert. Doch die Christdemokraten waren die stärkste Fraktion – und selbstverständlich davon ausgegangen, mit Gebhard Müller den Regierungschef zu stellen.

An dem für die Landes-CDU „schwarzen Freitag“ wählten die Vertreter von FDP/DVP, SPD und dem Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) aber den Liberalen Maier zum ersten Ministerpräsidenten des neuen Landes. „Handstreichartig“, wie nicht nur Zeitgenossen, sondern im Rückblick auch viele Historiker meinten.

Sitzung wurde zum Eklat

Vollends zum Eklat wurde die Sitzung, als Reinhold Maier nicht nur die Annahme der Wahl zum Ministerpräsidenten erklärte, sondern auch gleich noch die Minister seines Kabinetts berief. Es handelte sich demnach um ein abgekartetes Spiel. Prompt kündigte der CDU-Fraktionsvorsitzende, der Badener Franz Gurk, an, man werde der von Reinhold Maier – "man dürfe wohl sagen widerrechtlich" – gebildeten Regierung schärfste Opposition bieten.

Ein Protest-Telegramm an Bundeskanzler Konrad Adenauer, in dem die CDU-Fraktion die Bundesregierung zur Herbeiführung „der verfassungsmäßigen demokratischen Ordnung“ im neuen Bundesland bat, blieb freilich ohne Erfolg. Allerdings, so heißt es in einem Dossier der Landeszentrale für politische Bildung, sei Reinhold Maiers "Taschenspielertrick" nur von kurzer Dauer gewesen.

1953 folgte ihm der CDU-Mann und Kontrahent Gebhard Müller im Amt.

Maier verehrte Eugen Bolz

In der Villa Reitzenstein, dem Amtssitz des Regierungschefs, zeigt ein Porträt des Stuttgarter Malers August Köhler Maier stehend in gelassen-staatsmännischer Haltung. Im Hintergrund des Ölbilds hat der Künstler den vormaligen württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz verewigt. Ihn verehrte Maier besonders.

Bolz wurde als NS-Gegner nach dem fehlgeschlagenen Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Kurz vor Kriegsende 1945 wurde der Demokrat in Berlin-Plötzensee enthauptet.

Bereits lange vor Hitlers Machtergreifung war Reinhold Maier in der Politik tätig gewesen: Von 1930 an amtierte er als württembergischer Wirtschaftsminister; wenig später hatte er einen Sitz im Berliner Reichstag.

Maier stimmte Hitlers Ermächtigungsgesetz zu

Dort erreichte seine politische Biografie wohl ihren Tiefpunkt. Nach Ansicht von Historikern unterschätzte er nämlich die Radikalität der nationalsozialistischen Bewegung und stimmte – in trügerischer Erwartung einer gesetzmäßigen Entwicklung – Hitlers Ermächtigungsgesetz zu.

Unter historisch interessierten Besuchern des Stuttgarter Landtags machte diese Begebenheit am Tag der Erfurter Ministerpräsidentenwahl die Runde.

Ehefrau stammte aus jüdischer Familie und floh

Ausweislich seiner politischen Vita hatte Maier mit der Hitler-Partei jedenfalls nichts am Hut. Seine Frau, die aus einer angesehenen jüdischen Familie stammte, floh kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zusammen mit den beiden Kindern des Ehepaares nach England.

Maier selbst blieb in Deutschland und wurde gegen Kriegsende als Munitionsarbeiter in eine Rüstungsfabrik geschickt. Als erster Ministerpräsident von Baden-Württemberg erwarb er sich in den frühen 50er Jahren einen Ruf wie Donnerhall. Es gibt nur die ganze Freiheit, keine abgezirkelten Teilfreiheiten, das war sein Credo.

Baden-Württemberg ist Stammland der FDP

Die „Lösung der scheinbar kleinen Probleme der Leute“, sagte einmal FDP-Ehrenvorsitzender Jürgen Morlok, machte Maier zum Maßstab seiner Politik. Man gab Reinhold Maier das Attribut des „Graswurzeldemokraten“, er war volksnah und Anwalt der Menschen.

Maiers freiheitlich-pragmatischer Politikansatz gilt vielen als Fundament für die wachsende Prosperität des Bundeslandes. Er ist wohl auch ein Grund dafür, dass die FDP den Südwesten als ihr Stammland begreift. In keinem anderen Bundesland gehörten die Liberalen ununterbrochen dem Landesparlament an.

nach oben Zurück zum Seitenanfang