Soldaten
Soldaten der ukrainischen Armee sind auf dem Weg in die Ostukraine. | Foto: Alexander Shulman/AP

Kommentar

Russland und Ukraine: Annäherung im Schritttempo?

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„Wer langsamer fährt, kommt weiter“: So lässt sich ein russisches Sprichwort übersetzen, das auf einen möglichen Neuaufbruch in den russisch-ukrainischen Beziehungen gut zutrifft.

Nach der aggressiven beidseitigen Rhetorik der vergangenen Jahre zeichnet sich ganz langsam ein Annäherungsprozess zwischen Moskau und Kiew ab, der mit Fingerspitzengefühl, politischem Willen und Glück irgendwann zu einer zivilisierten Nachbarschaft der verfeindeten „Bruderstaaten“ führen könnte.

Das Pariser Treffen der Präsidenten Selenskyi und Putin – der erste Gipfel im Normandie-Format seit 2016 – ist ein Hoffnungsschimmer für beide Länder, die einst wirtschaftlich, kulturell und familiär eng verbandelt waren. Die Spitzendiplomatie muss aber im Schritttempo fahren, sonst landen die Friedensgespräche womöglich im Graben.

Noch säumen zahllose Hindernisse den Weg zum Waffenstillstand in der Ostukraine, wo es am Wochenende bei Kampfhandlungen zwischen Separatisten und Regierungstruppen wieder Tote und Verletzte gab. Ein Handschlag in Paris würde am Montag beiden Präsidenten die Möglichkeit eröffnen, erstmals direkt die Kompromisslinien zur Beendigung des Krieges auszuloten. Die Zeit ist jetzt reif. Seit dem Machtwechsel in Kiew ist Russlands Gesprächsbereitschaft gestiegen.

Für Selenskyi geht es darum, möglichst viel Kontrolle über die Grenze zu Russland zu erlangen. Sein Kalkül ist, dass die Gefechte bei Donezk und Luhansk ohne russischen Waffennachschub zum Erliegen kommen werden. Der Erfolg der Gespräche hängt davon ab, was Putin seinem unerfahrenen Amtskollegen zugestehen wird.

Der Kreml ist an einer Eskalation der Kampfhandlungen nicht interessiert. Aber Putins Preis für den Frieden bleibt hoch: Eine weitreichende Autonomie des ukrainischen Ostens, die die Teilung des Landes politisch besiegelt. Wird der frühere Komiker diese Kröte schlucken können?