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Szenario wie in 1979/1980?

Schon einmal konnte sich die Union nicht auf einen Kandidaten einigen

1979 entschied die Unionsfraktion den Machtkampf. Wiederholt sich die Geschichte nun?

Erbitterte Gegner: Nach der verlorenen Bundestagswahl 1976 lieferten sich die Chefs von CDU und CSU, Helmut Kohl und Franz Josef Strauß, einen Machtkampf auf offener Bühne. 1979 kürte die Fraktion Strauß zum Kanzlerkandidaten. Foto: Heinrich Sanden/dpa

Gunther Krichbaum hat genug. Seit einer Woche liefern sich die Chefs der beiden C-Parteien, Armin Laschet und Markus Söder, auf offener Bühne einen quälenden Schlagabtausch, wer von ihnen die Union als Spitzenkandidat und potenzieller Merkel-Nachfolger in den Bundestagswahlkampf führen soll. Beide beharren auf ihren Anspruch, beide haben ihre Bataillone in Stellung gebracht. Doch einer Entscheidung sind sie nicht näher gekommen.

Die Fraktion ist das einzige Gremium, in dem CDU und CSU gemeinsam sitzen.
Gunther Krichbaum, CDU-Abgeordneter aus Pforzheim

Darum hat der einflussreiche Vorsitzende des Bundestags-Europa-Ausschusses eine Initiative gestartet, um den Gordischen Knoten zu durchschlagen und eine schnelle Lösung zu erzwingen.

Im Kreise der Kolleginnen und Kollegen sammelt Krichbaum Unterschriften für seinen Antrag, das Thema auf die Tagesordnung der nächsten Fraktionssitzung am Dienstag zu setzen und dort dann den Kanzlerkandidaten zu küren. „Die Fraktion ist das einzige Gremium, in dem CDU und CSU gemeinsam sitzen“, sagt der Politiker aus Pforzheim mit Blick auf die gegenwärtige Patt-Situation.

Vor allem im Söder-Lager stößt die Initiative Krichbaums auf große Begeisterung. Mehr als 70 Abgeordnete haben bereits unterschrieben. Schon die Debatte am vergangenen Dienstag zeigte, dass der bayerische Ministerpräsident nicht nur im Kreis der CSU-Landesgruppe, sondern auch bei einer Mehrheit der CDU-Abgeordneten als Kanzlerkandidat bevorzugt wird.

Offener Schlagabtausch mit persönlichen Beleidigungen

Zudem können Krichbaum und seine Unterstützer auf einen historischen Präzedenzfall verweisen, der die Fraktion ermächtigt, die Entscheidung zu fällen. Schon einmal konnten sich CDU und CSU nicht auf einen gemeinsamen Kanzlerkandidaten einigen. 1979/80 lieferten sich die damaligen Vorsitzenden von CDU und CSU, Helmut Kohl und Franz Josef Strauß, einen erbitterten, geradezu unversöhnlichen Schlagabtausch, der mit offenen Bandagen zwischen Bonn und München ausgetragen wurde.

Der Helmut Kohl wird nie Kanzler werden. Er ist total unfähig.
Franz Josef Strauß, 1976 CSU-Chef

Kohl und Strauß, die nur die gegenseitige Verachtung einte, sowie ihre damaligen Generalsekretäre Heiner Geißler und Edmund Stoiber schenkten sich dabei nichts, lieferten sich heftige Wortgefechte und schreckten auch vor persönlichen Beleidigungen nicht zurück. „Der Helmut Kohl wird nie Kanzler werden“, urteilte Strauß am 24. November 1976 nach der verlorenen Bundestagswahl mit Helmut Kohl als Kanzlerkandidat in der legendären „Wienerwald-Rede“. Und weiter: „Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür.“ Mit 90 Jahren werde er seine Memoiren schreiben: „Ich war 40 Jahre Kanzlerkandidat. Lehren und Erfahrungen aus einer bitteren Epoche.“

Aufkündigung der Fraktionsgemeinschaft

Fünf Tage zuvor, am 19. November 1976, hatte die CSU-Landesgruppe auf einer Sitzung in Wildbad Kreuth beschlossen, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU aufzukündigen und eine eigene Fraktion im Bundestag zu bilden. Als die Bundes-CDU im Gegenzug ankündigte, in Bayern einen eigenen Landesverband zu gründen, zog die CSU den Kreuther Trennungsbeschluss zurück.

Kohl verzichtet, CDU nominiert Ernst Albrecht

Doch das Tischtuch zwischen Kohl und Strauß war zerschnitten. Der Konflikt eskalierte, als es um die Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahl 1980 ging. Eine Strategiekommission von CDU und CSU sollte sich auf einen Kandidaten einigen. Das misslang allerdings. Die CSU forderte unmissverständlich, dass ihr Parteichef nach der Niederlage Kohls 1976 nunmehr das Recht auf seine Kandidatur habe.

„Strauß ist für die CSU ein Programm, und es ist für die CSU nicht mehr vorstellbar, dass Herr Strauß nicht als Kanzlerkandidat der Unionsparteien in den Wahlkampf zieht“, stellte Generalsekretär Edmund Stoiber ultimativ fest.

Kohl erkannte, dass er keine Chance habe und erklärte seinen Verzicht. Doch ganz kampflos wollte die CDU der bayerischen Schwester das Feld nicht überlassen. Am 28. Mai 1979 sprach sich der CDU-Bundesvorstand für den bundespolitisch wenig bekannten niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht aus. Die CSU tobte und drohte erneut mit der Kündigung der Fraktionsgemeinschaft.

Ein Teilnehmer von damals ist heute noch im Bundestag

In dieser schier ausweglosen Situation einigten sich CDU und CSU, dass die Entscheidung über den gemeinsamen Kanzlerkandidaten in der Fraktion getroffen werden solle. Am 2. Juli 1979 kam es in Bonn zur „Entscheidungsschlacht“, wie die Medien das Treffen nannten.

Albrecht und Strauß nahmen daran nicht teil, von den damaligen Teilnehmern gehört heute nur noch ein einziger dem Bundestag an – Parlamentspräsident Wolfgang Schäuble. Nach fast siebenstündiger hitziger Debatte stand kurz vor Mitternacht das Ergebnis fest: Für Strauß stimmten 135 der 237 anwesenden Fraktionsmitglieder, das waren 57 Prozent, auf Albrecht entfielen 102 Stimmen.

Kohls Stunde schlug am 1. Oktober 1982

Es folgte ein äußerst emotionsgeladener Wahlkampf. Am Ende jedoch hatte Franz Josef Strauß keine Chance gegen SPD-Amtsinhaber Helmut Schmidt. Zwar erhielt der Bayer 44,5 Prozent der Stimmen, während der Hanseat nur auf 42,9 Prozent kam. Doch im Drei-Parteien-Parlament fehlte ihm der Koalitionspartner. Noch stand die FDP mit ihrem populären Außenminister Hans-Dietrich Genscher fest an der Seite der SPD und kam auf 10,6 Prozent. Strauß blieb bayerischer Ministerpräsident, Helmut Kohl Oppositionsführer.

Zwei Jahre später, am 1. Oktober 1982, schlug dann die Stunde des Pfälzers. Nachdem die FDP die Koalition mit der SPD aufgekündigt und die Seiten gewechselt hatte, kam es zu einem konstruktiven Misstrauensvotum. Helmut Kohl wurde Bundeskanzler – und blieb es 16 Jahre.

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