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Stockholm am Scheidepunkt

Corona-Pandemie: Führt Schwedens Sonderweg in eine Sackgasse?

Schweden ist das letzte Land Europas, das in der Corona-Krise auf Appelle statt auf Verbote setzt. Doch die Kritik an diesem Sonderweg wird lauter. Vor allem in den Ballungsräumen steigen die Zahlen der Infizierten dramatisch.

Zwischen Vorsorge und Normalität: In der Innenstadt von Stockhom ist von „social distancing“ wenig zu spüren. Foto: dpa

Wenn Martina Richter mit ihrer alten Heimat telefoniert, traut sie ihren Ohren nicht. Das nette Café in der Leipziger Innenstadt: geschlossen. Die schicken Geschäfte an der Reichsstraße: dicht. Die Kinos: verwaist. Im schwedischen Hultsfred, auf halbem Weg zwischen Malmö und Stockholm, kennt man solche Szenarien nur aus dem Fernsehen. „Corona ist hier kaum ein Thema“, erzählt die Auswanderin, die sich wenig Gedanken um die Gefahr einer Ansteckung macht.

Warum auch: Aus der Sicht vieler Deutscher liegt in der typisch schwedischen Kleinstadt der Hund begraben. Die 14.000 Einwohner leben auf einer Gemeindefläche, die so groß wie der Landkreis Karlsruhe ist.

Auf den Nachbarn trifft man allenfalls, wenn der auf dem Rasentraktor seine Latifundien bestellt oder im kleinen Supermarkt Einkaufen geht. Mehr als zwei Kunden gleichzeitig sind dort selten anzutreffen.

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Dabei liegt Hultsfred noch im bevölkerten Teil des skandinavischen Landes, dessen zehn Millionen Einwohner stolze 450.000 Quadratkilometer zur Verfügung haben. Die fast 83 Millionen Deutsche ballen sich auf rund 357.000 Quadratkilometer zusammen.

Dünne Siedlungsdichte

Die Siedlungsdichte ist möglicherweise mit ein Grund für den schwedischen Sonderweg in der Coronakrise. Denn außerhalb der Ballungsräume Stockholm, Göteborg und Malmö, wo mehr als ein Drittel aller Einwohner leben, ist freiwillige Quarantäne fast schon gottgegeben. In Schwedisch-Lappland weisen Verkehrsschilder darauf hin, dass Tanken angesagt ist (weil lange keine Gelegenheit mehr dazu kommt) und wenn tatsächlich mal einer vorbeischaut, ist das eher ein Elch, denn ein Mensch.

„Det kommer att vara bra“, lautete die Botschaft der Regierung, die lange auf Empfehlungen, statt auf Verbote setzte. Das wird schon, meinte auch Anders Tegnell, seit 2013 Staatsepidemiologe der schwedischen Volksgesundheitsbehörde. Ausgangssperren, freiwillige Quarantäne, gar eine weitgehend lahmgelegte Wirtschaft waren für die Tre Kronor lange kein Thema, im Gegensatz zum reichen Nachbarn Norwegen, der frühzeitig die Grenzen dicht machte und den Corona-Shutdown beschloss.

Appelle statt Verbote wegen des Coronavirus

Der Umgang mit der Corona-Krise ist ein Beispiel für das gesellschaftliche Selbstverständnis jedes einzelnen Schweden. Verbote gelten als letztes Mittel der Wahl, wenn Appelle an die Vernunft der Bürger, an ihre Verantwortung für die Gemeinschaft nicht fruchten.

Dass dieser sanfte Stil durchaus erfolgreich ist, zeigte sich bei der Schließung der Skianlagen. Die Vorstellung, dass Zehntausende Schweden in den Osterferien in die kleinen Ski-Orte mit mangelhafter Gesundheitsversorgung einfallen, entsetzte Ministerpräsident Stefan Löfven so sehr, dass er die Betreiber der Liftanlagen freundlich „ermahnte“, doch bitte den Betrieb vorzeitig einzustellen. Wenige Stunden später kam „Windstar“, der größte Ski-Anlagen-Betreiber des Landes, dieser Bitte nach.

Grundschulen bleiben trotz Covid-19 offen

Freiwilligkeit beim „social distancing“ und höchstmögliche demokratische Legitimation von Entscheidungen: Auf diesen Standbeinen beruht der Kampf gegen den unsichtbaren Feind. Deshalb bleiben Kitas und die neunjährigen Grundschulen geöffnet, ebenso Läden und Restaurants. Veranstaltungen mit weniger als 50 Teilnehmern sind weiterhin völlig okay. Homeoffice ist wegen der großen Entfernungen schon lange gang und gäbe. Gymnasiasten wurden zum Homeschooling verdonnert - dank des Schul-Laptops ab der ersten Klasse auch überhaupt kein Problem.

Wo Gemeinden es wünschen, dürfen jetzt Grundschulen und Kindertagesstätten geschlossen werden. Dieses vor Kurzem verabschiedete Gesetz haben alle Parteien im Parlament mitgetragen, was ein bisher seltenes Ereignis in dem ansonsten politisch stark polarisierten Land ist.

Kritiker warnen vor den Folgen

Vor allem im Großraum Stockholm zeigt sich, dass der Spagat Vorsorge und höchstmögliche Normalität nicht zu meistern ist. Wissenschaftler bezweifeln die veröffentlichten Infektionszahlen, auf die sich die mächtige Gesundheitsbehörde bei ihren Entscheidungen beruht. Mediziner klagen, dass zu wenig und zu spät getan werde.

„Wir sind eines der Länder der Welt, die die schwächsten Maßnahmen eingeführt haben“, monierte der Molekularbiologe Sten Linarsson vom Stockholmer Karolinska-Institut und verwies auf 80 bis 100 neue Corona-Fälle jeden Tag im Land. Mehr als 5.500 Schweden sind laut der Berechnungen der Johns Hopkins Universität infiziert, über 350 Schweden sind daran gestorben – über die Hälfte davon im Großraum Stockholm.

Die vielen kritischen Stimmen zeigen Wirkung: Seit wenigen Tagen gilt ein Besuchsverbot in allen Senioren- und Pflegeheimen des Landes, um die Risikogruppen zu isolieren und damit zu schützen. Auch die Versammlungsvorschriften wurden verschärft: Statt 500 dürfen sich jetzt nur noch 50 Schweden treffen. Ob das alles hilft, die Katastrophe abzuwenden? Schon heute werden wohl sämtliche Intensivbetten in den Krankenhäusern der Hauptstadt belegt sein.

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