Eine Urgewalt: Die Randalierer zogen durch die Innenstadt. Die Randale sollen nach der Drogenkontrolle eines jungen Menschen entstanden sein.
Eine Urgewalt: Die Randalierer zogen durch die Innenstadt. Die Randale sollen nach der Drogenkontrolle eines jungen Menschen entstanden sein. | Foto: dpa

Plädoyer für Prävention

Soziologe zu Randale in Stuttgart: „Das Problem verschwindet nicht“

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Eine Woche nach den Vorfällen in Stuttgart ist es am Wochenende weitgehend ruhig in der Landeshauptstadt geblieben. Die Ermittler finden derweil nach und nach heraus, wer hinter dieser als „Partyszene“ beschrieben Tätergruppe in Stuttgart steckt.

Der Frankfurter Soziologe Alfred Fuhr (59) sagt im Gespräch mit Redakteur Sebastian Raviol, wie sich die Attacken auf Polizisten und Plünderungen mit 500 Beteiligten gesellschaftlich erklären lassen. Das Verhalten der jungen Menschen ist für Fuhr – aus soziologischer Sicht – durchaus nachvollziehbar. Nun brauche es eine langfristige Lösung.

Bürger und Politiker suchen nach Erklärungen für die Randale. Wie blicken Sie als Soziologe darauf?

Alfred Fuhr: Wir haben den Vorteil, dass wir einen Langzeitblick darauf haben. Um Stuttgart zu erklären, muss nicht das Rad neu erfunden werden.

Im Nachhinein gibt es oft eine Mythologisierung: Die Polizei sagt, sie wurde plötzlich angegriffen. Eine Aktion habe dazu geführt, dass sich eine Masse herausgefordert fühlte. Dabei sind das soziologisch erklärbare Verhaltensweisen, wenn Jugendliche gemeinsam auftreten.

Entscheidend ist, dass es Orte gibt, die junge Menschen besetzen können.

Alfred Fuhr, Soziologe

Wie lassen sich damit Attacken auf Polizisten erklären?

Entscheidend ist, dass es Orte gibt, die junge Menschen besetzen können. Demografisch gibt es ein Missverhältnis, sie treffen an vielen Orten auf ältere Menschen. Sie suchen Räume, wo sie als Gruppe unter sich sind.

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Zu so einem Raum wurde der Stuttgarter Schlossplatz in den vergangenen Wochen.

Durch die Entwicklung haben die jungen Menschen gesagt: Der Raum gehört uns, hier haben wir Sonderrechte, da habt ihr nichts mehr verloren.

Es gibt Leute, die man dort treffen will, die Szene, andere feiern, andere sind von der Woche schlecht drauf. Es gibt eine Fülle von Kleinstkränkungen. Wenn dann die Möglichkeit besteht, wird dieses Ventil aufgemacht.

Viele der Tatverdächtigen waren alkoholisiert, teils mehrmals vorbestraft, junge Männer. Welche Rolle hat das gespielt?

Diese Leute haben routiniert Gewalt ausgeübt gegen Menschen und Dinge. Dadurch, dass zurzeit alle Masken tragen, entstand auch das Gefühl, nicht identifiziert werden zu können. Dann ist die Hemmschwelle deutlich geringer. Hinzu kommen Trittbrettfahrer, die sich an jeden Protest dran hängen.

Das ist „Sensation Seeking“, was es auch bei einem Verkehrsunfall gibt.

Alfred Fuhr, Soziologe

Wie kommt es aber dazu, dass sich gleich 500 Beteiligte einem solchen Mob anschließen?

Wenn etwas Besonderes passiert, hat jeder sein Smartphone, um zu dokumentieren, das man dabei war. Was völlig gefehlt hat: Jemand, der die Leute zurückgehalten hat. Auch wer nichts getan hat, fand es geil, dass was passiert.

Das ist „Sensation Seeking“, was es auch bei einem Verkehrsunfall gibt. Zudem gab es für die Randalierer keine Bedrohung, die Polizei konnte sie nicht mit einer Masse abschrecken.

Es wirkte für mich wie eine Theaterbühne ohne Regisseur, auf der Menschen Grenzen überschreiten.

Alfred Fuhr, Soziologe

Hat sich das negative Bild über die Polizei aus den USA in die Köpfe nach Stuttgart transportiert?

Es gibt ein Bild, eine Ikone, das oft gezeigt wird: Einer der Polizisten in Stuttgart hält mit seinem Knie einen am Boden liegenden Mann fest. Es gibt eine Assoziation zu den USA, auch wenn dieser Fall hier nichts damit zu tun hatte.

Den Entschluss, diesem Polizisten dann in den Rücken zu springen, treffe ich nur, wenn ich mich moralisch auf der besseren Seite wähne. Es wirkte für mich wie eine Theaterbühne ohne Regisseur, auf der Menschen Grenzen überschreiten. Das trifft oft auf alkoholisierte Menschen in einer Masse ohne soziale Kontrolle zu.

Der Stuttgarter Sozialpädagoge Sofuoglu sah im BNN-Gespräch eine Spirale: Es sei für die jungen Menschen ein geiles Spiel gewesen, einen Jungen zu retten, daraus wuchs eine Zerstörungswut.

Das ist eine mögliche Form. Junge Menschen kommen an einen Punkt, an dem sich das normale Raumverhalten umkehrt und gegen die Ordnungsmacht wendet, meist die Polizei. Da könnte unser Sohn, unser Lehrling dabei sein oder der Jugendliche vom Land, der in der Stadt was erleben will.

Kann es nun zu einem Negativlauf kommen? Junge Menschen versuchen es in Stuttgart erneut oder in anderen Städten?

Es kann dazu kommen, dass so etwas Kult wird. Es gibt Leute, die wieder hingehen und hoffen, dass das wieder passiert. Diese Spannung gibt es nun auf beiden Seiten. Oft wird das aber vorab so hochgekocht, dass es dann eine Enttäuschung gibt, weil es nicht die gleiche Qualität erreicht. So eine Geschichte gelingt oft auch nur einmal, dann sind alle hellwach.

Welche Lösungen gibt es, um solche Eskalationen zu vermeiden?

Wenn sich die Gesellschaft einig ist, dass wir was dagegen tun müssen, überträgt sich das auch auf Institutionen. Wir haben eine Menge an erprobten Reaktionen. Es erinnert mich an die Ultra-Szene im Fußball: Dann gibt es ein Fanprojekt, Sozialarbeiter werden eingesetzt, Fans können mit Spielern sprechen.

Im Stuttgarter Fall gibt es etwas andere Rollen.

Hier können junge Menschen mit Polizisten in den Dialog kommen, um Feindbilder abzubauen. Wenn der Druck dann nachlässt, werden leider oft die Mittel für Sozialarbeit gestrichen. Dann kann man nur sagen: Bis zum nächsten Mal. Das Problem verschwindet nicht.