Er sorgt sich um die Zukunft Europas: Historiker Christopher Clark in Ettlingen. Foto: Makartsev

Autor von „Die Schlafwandler“

Star-Historiker Christopher Clark kritisiert in Ettlingen deutsche Politik

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Endzeitstimmung in den Herzen, Köpfen und Bücherschränken der Europäer. „Es ist erstaunlich, wie viele Bücher mit dem Wort ,Ende‘ in den letzten 18 Monaten erschienen sind“, sagt Sir Christopher Clark und nennt ein paar Beispiele: „Das Ende der Politik“, „Das Ende der liberalen Demokratie“.

Der an der Universität Cambridge lehrende Australier ist selbst ein Bücherfreund, Bestseller-Autor („Die Schlafwandler“), TV-Moderator und einer der berühmtesten Historiker der Gegenwart. Clark ist als Gastredner zum Deutschen Vermögensverwaltertag nach Ettlingen gekommen, um unter anderem diese frohe Botschaft kundzutun: „Wir brauchen uns nicht zu fürchten.“

Ende der Geschichten

Er erinnert an Martin Luther. Als das vom Reformator um 1520 erwartete Ende der Welt nicht gekommen sei, habe Luther es einfach verschoben. So werde sich auch jetzt die Welt weiterdrehen. Was den Geschichtsprofi heute jedoch beschäftigt, ist „das Ende der Geschichten, die uns eine Zukunft gaben“.

Wie ist das zu verstehen? In seinem einstündigen Vortrag vor Finanzexperten in der Schlossgartenhalle skizziert der 59-Jährige ein pointiertes Panorama der globalen Entwicklung seit dem Ende des Kalten Krieges. Die moderne Epoche habe mit der deutschen Wiedervereinigung „schön angefangen“, erinnert er an die „tiefgreifendste politische Veränderung Europas in Frieden“.

China als „ultraautoritäre Supermacht“

Danach folgen jedoch Chaos, Krisen, staatliche Zusammenbrüche. Der Aufschwung Chinas als „ultraautoritäre Supermacht“. Der Brexit, der eine „Lücke im Machtgefüge“ der EU reiße. Und Trump, der für die Demokratie und westliche Wertegemeinschaft „nicht den geringsten Respekt“ habe.

Clark sieht die „Uneinigkeit“ Europas, die Schwäche der „exekutiven Gewalt“ in Brüssel und das „schlecht artikulierte Verhältnis zwischen der EU und der Nato“ als Ursachen vieler Probleme auf dem Kontinent. Er warnt vor einem schwindenden Vertrauen zwischen Bündnispartnern und dem Schwund von etablierten Parteien, der die Populisten stärke.

Die vergessene Kraft des Erzählens

So viel zur Diagnose. Der von der Queen 2015 zum Ritter geschlagene Historiker empfiehlt den Europäern als Therapie, das weitere Zusammenwachsen sehr eng mit sozialer Gerechtigkeit und dem gemeinsamen Kampf gegen den Klimawandel zu verknüpfen. Am wichtigsten sei aber, die „Kraft des Erzählens“ wieder zu entdecken.

Clark geht es um die große Vision. „Es gab früher eine grundlegende gemeinsame Geschichte über Modernität, Wohlstand und das liberale Gesellschaftsmodell, die den meisten Europäern plausibel schien. Diese Geschichte tröstet uns heute nicht mehr.“

Es sind die „Staatslenker mit Weitblick“, die Sir Christopher vermisst. Große Staatsmänner und -frauen wie Thatcher, Blair und Helmut Schmidt. Er lobt Macron: Dieser habe „interessante Ideen“ für Europas Zukunft gehabt. „Leider war die einzige Reaktion aus Berlin nur lautes Schweigen“, bedauert der Historiker.

Kritik an Kramp-Karrenbauer

Die deutsche Politik findet er „bei weitem nicht so schlimm“ wie die in Großbritannien. Dennoch hat der Australier gerade an der politischen Strategie von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer einiges auszusetzen. Zum Beispiel wegen ihrer jüngsten, vorerst gescheiterten, Idee einer internationalen Schutzzone für Syrien.

Der Name AKK fällt nicht einmal, aber allen ist klar, wer gemeint ist: „In der deutschen Politik kommen immer wieder Alleingänge vor: Die Politiker kommen mit Konzepten, die weitreichende Konsequenzen haben, aber mit niemandem abgestimmt sind. Das ist irreführend und führt zu großen Konfusionen.“ Clarks Wunsch: „Europa braucht koordinierte Konzepte und klare Signale, was Deutschland will.“