Die Grünen im Jahr 1980, hinten links der heutige Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Foto: dpa

Treffen in Karlsruhe

Streiten und stricken: So war der Gründungsparteitag der Grünen 1980

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Das kurze unterhaltsame Video spricht Bände: Ein Vollbartträger mit wilder Frisur verliest vor einem Mikrofon auf dem Podium eine Erklärung, während hinter ihm Menschen herumwuseln und laut reden.

„Nachdem die hier Versammelten eine Satzung …“ Der Redner stutzt und schiebt das Blatt seinem Tischnachbarn zu. „Was ist denn das für ein Text?“ fragt er ungehalten. „… verabschiedet haben – oder was?“ „Ja, ja, ja“, hört man irritierte Stimmen. So hat die Geschichte der Grünen-Partei am 13. Januar 1980 in Karlsruhe angefangen.

 

Medien waren noch sehr skeptisch

Mit einer gehörigen Portion Skepsis blickten zahlreiche Medien in Deutschland und auch diese Zeitung damals auf den „bunten Kongress der grünen“ (Originalschreibweise) – so der Titel eines BNN-Berichts, dessen Autor nach zwei Tagen voller polemischer und hektischer Diskussionen eine kritische Meinung hatte: „Es grünt so grün, wenn Deutschlands Grüne grün-den! Doch was … in Karlsruhe aus dem nicht gerade sorgfältig beackerten Garten der Grünen sproß, das ist keine vorbildliche Anlage … Nein: Das ist eher Chaos, in dem man vor Gestrüpp, Dornen und Dunkelheit nicht einmal die Farbe der Blumen erkennen kann.“

Mehr zum Thema: Viele unterschiedliche Standpunkte bei der Gründung der Karlsruher Grünen 1980

Das Fazit des BNN-Redakteurs: „Das ist ein Urwald, der absolut nicht in die deutsche Parteienlandschaft passt“. Diese Diagnose, wie man heute weiß, hat sich langfristig keineswegs bewahrheitet. Die erst extrem kritischen Journalisten im Land wurden eines Besseren belehrt.

„Idealisten und Weltverbesserer, Spinner und Spintisierer“

Die Grünen waren in Karlsruhe noch ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der vielen Beobachtern exotisch und unprofessionell vorkam. So schrieben auch die BNN damals in einem Kommentar von einer „Bewegung, die alle nur möglichen Idealisten und Weltverbesserer, Spinner und Spintisierer anzieht wie das Licht die Motten“.

Einer der Gründe für diese kritische Sicht war eine kontrovers geführte Satzungsdiskussion in der Karlsruher Stadthalle, die den Zeitrahmen des Parteitags sprengte. Es ging unter anderem um Doppelmitgliedschaften und die Abgrenzungen zwischen Grün und Rot, also den Kommunisten.

In der Halle muss es hoch her gegangen sein. Manche stritten, manche strickten. Als der kommissarische Vorsitzende Herbert Gruhl (Ex-CDU) zu Beginn der Tagung die „lieben Freundinnen und Freunde der grünen Bewegung“ begrüßte, rollten unten im Saal noch einige der 1.004 Delegierten ihre Schlafsäcke zusammen.

Verkaufsstände mit umweltfreundlichem Scheuerpulver

Der BNN-Journalist machte in der Menge „Lotsenmützen, Zipfelmützen, Baskenmützen“ und sogar eine arabische Kopfbedeckung Fez aus. Er schrieb von Delegierten im „Gammellook“ und im „Bayern-Smoking“, die sich für die in der Stadthalle angebotenen „Kräuterfiebel und umweltfreundliches Scheuerpulver“ interessierten. Im Mittelpunkt der Berichterstattung standen jedoch die teils sehr heftigen Debatten.

Es ging dabei auch um eine „Aufhebung der Schulpflicht“ und die „volle Freizügigkeit für Zwölfjährige“, die sich die Grünen am Ende jedoch nicht auf die Fahnen schreiben wollten. Dass die „in Torschlusspanik“ gegründete Partei so viel über die Geschäftsordnung debattierte, dass sie am Ende gar keine Zeit mehr hatte, um ihre Positionen in der Frage des Umweltschutzes zu klären und ein Programm zu verabschieden, fanden manche Berichterstatter „blamabel“.

Das schien jedoch den Vorsitzenden Gruhl wenig zu stören. „Niemand kann unseren Erfolg noch verhindern, es sei denn wir selbst“, gab der Politiker der jungen Partei mit auf den Weg – und behielt am Ende Recht.