Die Polizei hat das Areal um den Weihnachtsmarkt weiträumig abgesperrt. Foto: Michael Kappeler

Verdächtiger wieder frei

Fieberhafte Suche nach dem Täter

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Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt fahnden Ermittler unter Hochdruck nach dem womöglich bewaffneten Täter und etwaigen Komplizen. Auch die Hintergründe des Angriffs und der genaue Tatablauf beschäftigen die Sicherheitsbehörden weiter. Der Innenausschuss des Bundestags will gegen Mittag in einer Sondersitzung über den Anschlag beraten. Zwar reklamierte die Terrormiliz IS den Angriff auf den Weihnachtsmarkt für sich. Allerdings steht bislang nicht fest, ob wirklich eine so weit verzweigte Organisation hinter dem Anschlag steht.

Nach dem Lastwagen-Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz ist der zunächst festgenommene Verdächtige wieder frei. Das hatte die Bundesanwaltschaft am Abend in Karlsruhe mitgeteilt.

Kein dringender Tatverdacht

Die bisherigen Ermittlungsergebnisse hätten keinen dringenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten ergeben. Der Mann – vermutich ein Pakistani – habe in seiner Vernehmung umfangreiche Angaben gemacht, eine Tatbeteiligung jedoch bestritten. Augenzeugen hätten den Lastwagenfahrer nach dem Anschlag nicht lückenlos verfolgt, die kriminaltechnischen Untersuchungen hätten außerdem bislang keinen Beleg erbracht, dass der Mann im Führerhaus des Lastwagens gewesen sei.

Hintergründe bleiben offen

Damit bleiben die Hintergründe eines der verheerendsten Anschläge in der bundesdeutschen Geschichte offen. Der oder die Täter könnten noch auf freiem Fuß sein. Ermittler und Politik gehen von einem terroristischen Hintergrund aus, rätseln aber über Motiv und Täter.

„Kein Bekennervideo“

Schon im Verlauf des Dienstags waren Zweifel daran aufgekommen, dass der nahe der Siegessäule festgenommene junge Mann der gesuchte Terrorist sei. Daher sei noch offen, ob der Lastwagen-Anschlag mit mindestens zwölf Toten einen islamistischen Hintergrund hat, hatte Generalbundesanwalt Peter Frank. «Wir haben noch kein Bekennervideo.»

Völlig zerstört ist die Front des LKW. Ermittler schließen mittlerweile einen Unfall aus. Foto: Britta Pedersen
Völlig zerstört ist die Front des LKW. Ermittler schließen mittlerweile einen Unfall aus. Foto: Britta Pedersen

„Wir priorisieren alles, was Hinweise bringt“

Bisher sei unklar, ob es sich um einen oder mehrere Täter handelt. „Wir priorisieren jetzt alles, was Hinweise bringt“, so BKA-Chef Münch. Zu untersuchen ist, was vor und was nach der Tat geschehen ist.

Bei der Tat im Herzen Berlins raste am Montagabend ein Lastwagen auf einen Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche und tötete mindestens zwölf Menschen. Weitere 50 Menschen lagen am Morgen zum Teil schwer verletzt in Krankenhäusern.

Innenminister: Weihnachtsmärkte sollen weiter stattfinden

Die Innenminister von Bund und Ländern haben sich gegen eine Absage ähnlicher Veranstaltungen in Deutschland ausgesprochen. Vor Ort solle über angemessene Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit entschieden werden, teilte das Bundesinnenministerium am Dienstag nach einer Telefonkonferenz der Ressortchefs mit. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) erklärte: «Egal, was wir im weiteren Verlauf noch über die genauen Hintergründe und Motive der Täter erfahren, wir dürfen und wir werden uns unser freiheitliches Leben nicht nehmen lassen.»

 

Der dunkle Lastwagen mit polnischem Kennzeichen fuhr laut Polizei gegen 20 Uhr auf einer Strecke von 50 bis 80 Metern über den Markt und zerstörte dabei mehrere Buden. Ein weiterer Mann, der auf dem Beifahrersitz saß, starb laut Polizei durch einen Schuss vor Ort. Er war Pole.

Polnischer Beifahrer war tot

Der Lastwagen gehörte einer polnischen Spedition, wie deren Eigentümer Ariel Zurawski dem polnischen Sender TVN 24 sagte. Der Fahrer, sein Cousin, sei seit etwa 16.00 Uhr am Montag nicht mehr zu erreichen gewesen. Für ihn könne er die Hand ins Feuer legen, dass er kein Attentäter sei. «Ihm muss etwas angetan worden sein», mutmaßte er.

Sattelschlepper in Polen gestohlen

Der Lastwagen hatte Stahlkonstruktionen aus Italien nach Berlin transportiert, berichtete Zurawski. Wegen einer Verzögerung habe der Fahrer bis zum Dienstag warten müssen und den Lastwagen in Berlin geparkt. Die Berliner Polizei teilte dagegen mit, es bestehe der Verdacht, dass der Sattelschlepper in Polen von einer Baustelle gestohlen worden sei.

Merkel: Wir trauern um die Toten

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich bestürzt. «Wir trauern um die Toten und hoffen, dass den vielen Verletzten geholfen werden kann», teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit. Merkel sei mit de Maizière und Berlins Bürgermeister Müller in Kontakt.

Gauck spricht von schlimmen Abend

Bundespräsident Joachim Gauck äußerte sich ebenfalls betroffen. «Das ist ein schlimmer Abend für Berlin und unser Land, der mich wie zahllose Menschen sehr bestürzt», teilte Gauck mit. Ähnlich äußerten sich Frankreichs Präsident François Hollande, Italiens Ministerpräsident Paolo Gentiloni und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker.

Nach dem Anschlag äußern Prominente ihr Mitgefühl.

Moderator Jan Böhmermann (35) schrieb auf Twitter: «Es gibt keine ‚politische Antwort‘ auf den Hass. Nur Unerschütterlichkeit, Vernunft und Menschlichkeit. Und Zusammenhalt für die Freiheit.»

Schauspielerin Veronica Ferres (51) twitterte: «Mir fehlen die Worte. Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer und den Verletzten des schrecklichen Vorfalls.» Rapper Bushido (38) twitterte: «Mein Beileid an die Menschen, die heute am Ku’damm jemanden verloren haben. Was für eine kranke Welt.»

Auch international gibt es viele Reaktionen. US-Sängerin Anastacia (48, «I’m Outta Love») schrieb auf Twitter: «Geistloser Hass wird nicht triumphieren.» Ihr irischer Kollege Ronan Keating (39) ergänzte: «Angewidert und am Boden zerstört wegen diesen unschuldigen Familien in #Berlin. Wir selbst haben in den vergangenen drei Wochen in Deutschland viele schöne Märkte besucht.» Dazu setzte er den Hashtag #Frieden. Bis Sonntag war er in Deutschland auf Tour gewesen.

«Wir fühlen mit den Familien der Opfer», schrieb die Band One Republic  auf Twitter. «Wir waren gestern Abend noch auf diesem Markt. Es ist so traurig.» Der britische Sänger James Arthur (28, «Say You Won’t Let Go») erklärte in dem Kurznachrichtendienst: «Ich habe diesen Ort erst heute Morgen verlassen. Meine Gedanken sind bei den Familien.»